Geldpolitik: Neue Möglichkeiten für Zentralbanken

Wenn die nächste Rezession einsetzt, haben Zentralbanken mit den derzeitigen geldpolitischen Mitteln keinen Handlungsspielraum mehr, um die Wirtschaft wieder anzukurbeln. Doch machtlos sind sie nicht: Es gibt unkonventionelle Möglichkeiten, um den Abschwung abzuwenden. Emiel van den Heiligenberg, Head of Asset Allocation bei Legal and General Investment Management, diskutiert einige dieser Optionen.

Mit verschiedenen geldpolitischen Maßnahmen haben Zentralbanken auf wirtschaftliche Abschwünge in den vergangenen 50 Jahren reagiert. Rückwirkend betrachtet sind die Reaktionen allesamt ernüchternd. Es ist sehr unwahrscheinlich, dass eine der vergangenen Maßnahmen in der nächsten Rezession geeignet sein wird, um den Herausforderungen zu begegnen. Die US-Wirtschaft scheint sich dem Ende ihrer expansiven Phase zu nähern; eine Rezession könnte bald einsetzen. Es wird Zeit, sich Gedanken über neue Wege zu machen: Wenn geldpolitische Entscheidungsträger die Wirtschaft in den nächsten Jahren wieder ankurbeln müssen, welche Instrumente sollten sie nutzen?

Zwei Beispiele sind spannend: eine erweiterte quantitative Lockerung oder Helikoptergeld. Während die erste Maßnahme nur eine Abwandlung bereits erprobter Politiken darstellt, ist die zweite ein großer Schritt ins Unbekannte.

Ein Schritt vorbei an Staatsanleihen

Konventionelle quantitative Lockerung ist zwar umstritten, hat aber erfahrungsgemäß zunächst einen wirtschaftlichen Aufschwung zur Folge. Problematisch wird diese Maßnahme erst, wenn man sie immer wieder anwendet. Wertpapiere sind naturgemäß endlich – und so kommen Zentralbanken irgendwann an den Punkt, an dem sie alle Schulden aufgekauft haben. Quantitative Lockerung muss daher breiter und innovativer werden. Wenn der Fokus auf Zinssenkung verbleiben soll, können Notenbanken Zinsderivate nutzen, sobald es keine Staatsanleihen mehr zu kaufen gibt. Eine alternative Option ist, sich an den Staatspapieren vorbei zu wagen. Die Fed hat das in der Praxis schon gemacht, als sie hypothekenbesicherte Wertpapiere erwarb. Die EZB und Bank of England kauften Unternehmensanleihen, die Bank of Japan versuchte sich an J-REITs und ETFs. Möglicherweise sehen wir in der nächsten Krise weitere Zentralbanken, die sich dieser Mittel behelfen.

Diese Punkte sprechen dafür, dass erweiterte quantitative Lockerung das Mittel der Wahl vieler Entscheidungsträger in der nächsten Krise ist. Doch ein anderer zentraler Faktor spricht dagegen: Ungerechtigkeit. Es liegt auf der Hand, dass die Vermögensträger der aufgekauften Papiere im Vergleich zum Rest der Gesellschaft massiv profitieren. Daher sollte man sich nach alternativen Methoden umsehen.

Geldsegen mit Nachteilen

Als Milton Friedmann 1969 den Begriff „Helikoptergeld“ einführte, skizzierte er eine hypothetische Gesellschaft, die mit einem Geldschein-Regen aus einem Hubschrauber gesegnet wird. Die Idee: Wenn die Notenbank Output und Inflation erhöhen will, muss sie die Wirtschaft mit Geld versorgen. Helikoptergeld kann über monetäre Staatsfinanzierung („people’s QE“; „Qualitative Lockerung für die Menschen“) funktionieren. Das ist attraktiv für Entscheidungsträger, die einen schnellen Inflationsboost erreichen wollen. People’s QE bringt kurzfristige Gewinne für jene Bereiche, die von staatlichen Investitionen profitieren. Allerdings muss die monetäre Expansion von Dauer und unabhängig von künftiger wirtschaftlicher Entwicklung sein, damit sich die Inflationserwartungen verändern. Sonst erreicht People’s QE den gleichen Effekt wie konventionelle quantitativer Lockerung. In der Realität steht man mit dieser Praxis vor hohen Hürden. Notenbank und Regierung müssten gemeinsam und zeitgleich den finanzpolitischen und den geldpolitischen Hebel umlegen – das untergräbt die streng gehütete Unabhängigkeit der Zentralbank. Außerdem gibt es kein probates Mittel, weitere Rundflüge mit dem Geld-Helikopter zu unterbinden. Die Versuchung ist riesig, ihn bei Geldknappheit immer wieder aufsteigen zu lassen, sobald er einmal in der Luft war.

Vermutlich gehen diese konkreten Überlegungen heutzutage noch zu weit. Allerdings kann man davon ausgehen, dass Zentralbanken in der nächsten Rezession neue Werkzeuge in die Hand nehmen werden, die bisher noch keine Anwendung fanden.




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