„Kaufen Sie den leeren Raum!“

Europäische Aktien sind eine echte Alternative. Das gilt vor allem für die wenig beachteten Aktienwerte, meint Jeff Taylor, Head of European Equities bei Invesco Perpetual.

Europa verfügt über einen gleichermaßen breiten wie tiefen sowie hoch entwickelten Markt mit einer enormen Bandbreite an Unternehmen. Hin und wieder scheint der Kontinent bei professionellen Investoren aber auf weniger Interesse zu stoßen, als er es verdienen würde. Ausreden gibt es immer: „Warum sollte man hier investieren, wenn man damit doch nur ein indirektes Engagement in interessanteren globalen Märkten erhält?“, „Ertragswachstum sucht man hier doch vergeblich“ oder „Die Politik macht Europa uninvestierbar“. Falsch!

Inzwischen ist die Binnenwirtschaft der größte Wachstumsmotor der Eurozone. Das ist eine wesentliche Veränderung gegenüber früheren Jahren, als das geringe Wachstum der Eurozone von den Exporten in wachstumsstärkere Teile der Welt abhing. Europa hat später als die USA damit begonnen, sich von der globalen Finanz- und Wirtschaftskrise zu erholen. Inzwischen ist der Aufschwung aber in vollem Gange – dank des anziehenden privaten Konsums und der zuletzt höheren Unternehmensinvestitionen. Die Banken vergeben wieder Kredite und die Arbeitslosigkeit sinkt. Eine von der Binnenwirtschaft getragene Erholung ist deutlich robuster als ein exportabhängiger Aufschwung. Dadurch sollte Europa auch weniger Probleme mit Währungsschwankungen haben. Das alles hat erhebliche Auswirkungen auf die Auswahl der Aktien, die man in sein Portfolio nimmt.

Positives Umfeld – insbesondere für Unternehmen

Die Unternehmensgewinne wachsen wieder. Die Ertragslage der Unternehmen hat sich 2017 deutlich verbessert, der Ausblick auf das Jahr 2018 stimmt ebenfalls optimistisch. Zuletzt haben sich auch die Hinweise auf eine weitere Beschleunigung der Unternehmensinvestitionen im Jahr 2018 vermehrt. Das hätte positive Folgewirkungen für den gesamten Unternehmenssektor.

Die Politik ist immer gut für die eine oder andere Schlagzeile in unserer nachrichtenbesessenen Welt: als weitgehend demokratischer Kontinent mit zahlreichen Ländern und damit vielen Wahlen herrscht in Europa kein Mangel an politischen Nachrichten. Aus Anlegersicht aber ist die Politik letztlich nur dann von Bedeutung, wenn sie eine ernsthafte Bedrohung für die Finanzmärkte darstellt. Tatsächlich sind die politischen Entwicklungen in Europa zuletzt deutlich marktfreundlicher ausgefallen, als viele Beobachter erwartet hatten: Prominentestes Beispiel ist wohl der neu gewählte französische Präsident: An Stelle der europafeindlichen, destruktiven Marine Le Pen haben sich die französischen Wähler für Emmanuel Macron mit seiner marktfreundlichen Reformagenda entschieden. Was die weitere Entwicklung angeht, arbeiten wir mit der Maxime, dass man zwischen dem unterscheiden muss, was wahrscheinlich ist, und dem, was nur möglich ist. Aus diesem Grund sind wir auch relativ entspannt, was die Marktauswirkungen politischer Entwicklungen in der künftig 27 Mitgliedstaaten umfassenden EU angeht.

Wo bieten sich die attraktivsten Anlagemöglichkeiten an diesem Markt?

Die allgemeine Empfehlung, die ein Broker vor vielen Jahren einmal aussprach, gilt heute immer noch: „Kaufen Sie den leeren Raum, wenn Sie eine Investmentkonferenz besuchen“. Anders ausgedrückt: Die Gespräche mit den Führungsteams der Unternehmen, die nur die wenigsten interessieren, sind häufig die interessantesten. In den Portfolios und Indizes sind die „vollen Räume“, d.h. die Unternehmen mit einem übertrieben großen Fanclub, häufig bereits überrepräsentiert. Damit könnten diese Unternehmen ihr Ablaufdatum als Investment bereits deutlich überschritten haben.

Bewertungsorientierte Investmentmanager und keine reinen „Value“- oder „Growth“-Investoren sind offen für diversifizierte Anlagemöglichkeiten. Dennoch können Labels wie Value und Growth zu Referenzzwecken nützlich sein. Zum Zeitpunkt des Verfassens dieses Artikels sehen wir sehr attraktive Bewertungschancen in ungeliebten Value-Sektoren. Die besten Beispiele in Europa sind Energie-, Telekommunikations- und Finanzwerte, vor allem Banken. Gleichzeitig gibt es unattraktivere Sektoren – vor allem viele der sogenannten „Bond Proxy“-Sektoren, die in den letzten Jahren den Status „anleihenähnlich“ erlangt haben und dadurch prohibitiv teuer geworden sind. Basiskonsumgüterwerte wie Aktien von Lebensmittel- und Getränkeherstellern sind ein gutes Beispiel hierfür. Diese Unternehmen zeichnen sich häufig durch eine extrem solide und respektable Geschäftsentwicklung aus. Daher ist ihr Marktimage nachvollziehbar. Gleichzeitig darf aber nicht vergessen werden, dass ein gutes Unternehmen nicht unbedingt auch ein gutes Investment ist.

Dabei geht es nicht allein um die Bewertung, auch wenn die Bewertungsunterschiede zwischen den Sektoren an unserem Markt immer noch sehr groß sind. Es spricht viel dafür, dass sich die operativen Geschäfte der europäischen integrierten Ölkonzerne, Telekommunikationsdienstleister und Banken künftig verbessern werden. Drei zentrale Faktoren sind der umsichtigere Kapitaleinsatz und die bessere Kapitalrendite im Energiesektor, Hinweise auf eine langersehnte Rückkehr zu positiven Wachstumsraten im Telekommunikationssektor und die steigenden Einnahmen und sinkenden Kosten im Bankensektor.

Rumoren bei „Bond Proxy“-Sektoren

Unterdessen rumort es in den geliebten, hoch bewerteten „Bond Proxy“-Sektoren: Viele Unternehmen haben die Erwartungen an das organische Umsatzwachstum nicht erfüllt und versucht, Wachstum durch M&A zu kaufen, was die Rendite auf das eingesetzte Kapital reduziert. Außerdem dürften sich die Anleiherenditen angesichts der zuletzt soliden wirtschaftlichen Entwicklung in der Eurozone, des wieder etwas höheren Inflationsdrucks und der Hinweise auf einen geldpolitischen Kurswechsel bald wieder von ihrem sehr niedrigen Niveau entfernen.

Wann genau sich die Marktstimmung drehen wird, ist immer schwer vorauszusagen. Unserer Ansicht nach spricht aber fast alles für eine bedeutende Branchenrotation und als aktive Fondsmanager wollen wir dafür vorbereitet sein. Wir freuen uns, mehr Investoren in unserem leeren Raum begrüßen zu dürfen. //




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