Märkte im Präsidentenfieber

Dr. Martin Lück, Leiter Kapitalmarktstrategie für Deutschland, die Schweiz, Österreich und Osteuropa bei BlackRock, schaut sich die politischen Gegebenheiten an, die die Märkte aktuell beschäftigen: Staatspräsidenten stehen derzeit im Mittelpunkt.

Immer wieder wird Brasilien, die größte Volkswirtschaft Lateinamerikas, von Korruptionsskandalen gebeutelt. Jener der letzten Woche hatte dennoch eine besonders pikante Note, weil der darin involvierte Präsident Michel Temer vor neun Monaten nur deshalb an die Macht kommen konnte, weil er seine Amtsvorgängerin Dilma Roussef mit genau diesem Argument aus dem Amt gedrängt hatte. Nun veröffentlichte am Donnerstag letzter Woche die Zeitung O Globo einen Telefonmitschnitt, in dem Temer angeblich der Zahlung eines Schweigegeldes an einen inhaftierten Parteifreund zustimmt. Inhaltlich geht es um die Vertuschung der Beteiligung Temers und anderer am sogenannten Petrobras-Skandal. Über genau diesen Skandal war auch Roussef gestolpert. Nun sieht es also aus, als sei Brasilien bezüglich der Qualität seiner Regierung vom Regen in die Traufe gekommen. Der Bovespa stürzte um bis zu 10% ab, der Real verlor fast 8% gegenüber dem US-Dollar, brasilianische Kreditausfallversicherungen verteuerten sich um 30%. Auch wenn sich am Freitag herausstellte, dass die Äußerungen Temers wohl weniger verfänglich waren als anfangs dargestellt, dürfte es eine offizielle Untersuchung geben, und damit für die Märkte eine Menge Unsicherheit. Aus heutiger Sicht erscheint es eher unwahrscheinlich, dass Temer aufgrund dieses Vorfalls zurücktreten muss, aber seine Glaubwürdigkeit und damit die Aussichten, seine geplante Rentenreform und fiskalische Verbesserungen durchzusetzen, sind in jedem Fall geschwächt. Für brasilianische – und LatAm-Anlagen insgesamt – sind das keine guten Nachrichten.

Schon vorher war die Woche für Anleger eher holprig verlaufen. Grund hierfür war ein anderer Präsident gewesen, nämlich der seit nunmehr vier Monaten regierende Donald Trump. Nachdem gerade Nachrichten über die Entlassung des FBI-Chefs James Comey, der gegen Trump ermittelt hatte, verdaut waren, kam heraus, dass Trump bei einem Treffen mit dem russischen Außenminister streng vertrauliches Material weitergegeben hatte. Zum zweiten Mal innerhalb weniger Tage hatte der US-Präsident also Handlungen vorgenommen, die nicht wenige für strafrechtlich relevant halten und damit eine mögliche Basis für ein Amtsenthebungsverfahren bilden könnten. Letzteres dürfte aber nur realistisch sein, wenn der republikanisch dominierte Kongress ein solches Impeachment-Verfahren zulässt, und dafür müsste die Grand Old Party ihren eigenen Präsidenten fallen lassen. Je mehr derartiger Aktionen sich Trump also leistet, desto mehr ist er auf Gedeih und Verderb vom Wohlwollen seiner Parteifreunde im Kongress abhängig. Und ob dies wirklich Freunde sind, bleibt dahingestellt. Hatten wir noch vor wenigen Monaten ein Impeachment-Verfahren gegen Trump in den Bereich von Hopes & Dreams (jedenfalls wohl für eine Mehrheit der Europäer) verwiesen, hat die Wahrscheinlichkeit eines solchen Szenarios dank der Unberechenbarkeit dieses Präsidenten inzwischen erheblich zugenommen.

Aber wäre es so schlimm für die Märkte, wenn Trump wirklich scheiterte? Ist der „Trump trade“ nicht ohnehin schon weitestgehend wieder ausgepreist? Doch, letzteres stimmt natürlich. Die Rendite zehnjähriger Staatsanleihen ist seit Jahresanfang deutlich gesunken, und auch die relative Performance von US Small Caps, eine Art Barometer des Glaubens an „Make the US Great Again“, hat sich auf Vor-Trump-Niveau normalisiert. Außerdem halten die starke Volkswirtschaft und gute Unternehmensergebnisse die Märkte von der fundamentalen Seite her am Laufen. Dennoch glauben wir, dass ein formales Impeachment-Verfahren gegen Trump eine ganz andere Qualität hätte. Es würde offenlegen, wie anfällig die amerikanische Demokratie dafür ist, von Populisten gekapert zu werden – mit erheblichen auch sicherheitspolitischen Risiken für das ganze Land. Entsprechend schwer wäre der Schaden am Vertrauen in die Verfassungsinstitutionen. An den Märkten würde vorübergehend erhebliche Unsicherheit Einzug halten. Höhere Volatilität und temporäre Kursabschläge wären vermutlich die Folge, bevor sich mittelfristig Anleger wieder den (gesunden) Fundamentaldaten zuwenden würden.

Bei all dem Präsidentenchaos in den Amerikas ist es beruhigend zu sehen, mit welch überzeugendem Ergebnis (57% der Stimmen) Hassan Rohani die Wahl im Iran gewonnen hat. Zwar ist der Handlungsspielraum des iranischen Präsidenten durch die Allherrschaft des Ayatollah Ali Chamenei stark eingeschränkt, aber hätte der Mullah-Kandidat Ebrahim Raisi die Wahl gewonnen, wäre wohl eine neuerliche Abschottung des Iran und eine anti-westliche Haltung zu befürchten gewesen. Zum Glück aus Sicht der Märkte, die mit diesem Risiko bemerkenswert entspannt umgegangen sind, hat Raisi nur 38% der Stimmen erhalten.

Was bedeutet das für Anleger?

Nach dem starken Jahresauftakt mit 0,5% Quartalswachstum in den ersten drei Monaten richtet sich die Aufmerksamkeit in Europa nun auf das laufende zweite Quartal. Auch die am heutigen Dienstag anstehenden Einkaufsmanagerindizes sind diesbezüglich ein wichtiges Signal, zumal die bisherigen Zahlen mit einem Niveau des Gesamtindex von 56,8 sogar deutlich oberhalb der entsprechenden US-Zahlen (53,2) stehen. Zwar sind europäische und amerikanische Frühindikatoren selbst bei identischer Definition und Datenerhebung nur begrenzt vergleichbar, aber es dürfte klar sein, dass auch der alte Kontinent inzwischen eine Wachstumsdynamik erreicht hat, die jener der USA kaum nachsteht. Zu Recht verweist deshalb auch Mario Draghi auf die Erholung Europas und die Schaffung von fast fünf Millionen neuen Arbeitsplätzen seit Einstieg in die sogenannte nicht-konventionelle Geldpolitik im Sommer 2014. Bei so großem Erfolg, den sich die EZB somit ja auch selbst ans Revers heftet, wird sich die Zentralbank wohl einer Anpassung ihrer Politik nicht mehr lange komplett verweigern können. Für den Juni könnte somit der Hinweis auf ökonomische Abwärtsrisiken in der Presseerklärung entfallen. Auch eine deutlichere Anpassung etwa der „Forward Guidance“, bei der bis dato Zinsanhebungen mindestens bis Ende des Anleihekaufprogramms ausgeschlossen werden, ist nicht auszuschließen. Voraussetzung dafür wären weiter solide Inflationsdaten, vor allem wohl jene der Kerninflation, im Mai.




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