Preiswerte Aktienmärkte

Investoren haben die Aktienmärkte in Osteuropa lange vernachlässigt. Das ändert sich gerade. Osteuropa bemüht sich darum, seine westlichen Nachbarn einzuholen. Morten Lund Ligaard, Chief Portfolio Manager bei Danske Invest, und Sandra Jankovic, Senior Porfolio Managerin bei Danske Invest, erklären, warum Vorurteile trügen können.

Wer meint, Aktien seien zu teuer und die Bewertung der gelisteten Unternehmen würde die eingegangenen Risiken kaum noch rechtfertigen, sollte einen Blick nach Osteuropa werfen. Das Verhältnis zwischen Börsenkursen beziehungsweise Gewinnen und Kurspotenzialen ist dort günstiger. Hohe Dividendenrenditen verbessern das Verhältnis zusätzlich.

Eine Frage der Perspektive

Osteuropa ist preiswert, weil viele Anleger einen Bogen um die Region machen. Dafür gibt es Gründe. Obwohl sich viele Demokratien von Russland distanziert haben, halten sich Vorurteile aus der Zeit des Kalten Krieges. Urlauber reisen seltener nach Ungarn oder Bulgarien als nach Spanien oder Italien. Börsianer ordnen die östlich und südöstlich von Deutschland gelegenen Staaten immer noch den Schwellenländern zu. Das sorgt für Bewertungsabschläge. Außerdem wird Russland verstärkt als Bedrohung wahrgenommen, obwohl wahrscheinlich ist, dass das Land die Situation nicht weiter eskalieren lassen wird.

Auch die wirtschaftlich stärksten osteuropäischen Staaten Polen, Tschechien und Ungarn werden von umstrittenen Personen regiert. Der ungarische Ministerpräsident Victor Orban gilt als rechter Populist. Eine liberale Flüchtlingspolitik, wie sie die deutsche Regierung verfolgt, ist ihm unverständlich. Das bevölkerungsreiche Polen will ebenfalls keine Immigranten aufnehmen. In Tschechien gewann kürzlich der Unternehmer Andrej Babis die Parlamentswahlen. Ihm gehören mehrere Medienunternehmen. Der Milliardär gilt als wirtschaftsfreundlich; nach eigenen Worten will er Tschechien führen wie eine Firma. Kritiker aus dem Westen halten auch ihn für einen Populisten und vergleichen ihn mit Donald Trump.

Der Konflikt um die Einwanderungspolitik und das richtige Demokratieverständnis wird auch zukünftig relevant sein. Darüber darf aber niemand vergessen, dass die Gemeinsamkeiten überwiegen. West- und Osteuropa wachsen immer stärker zusammen. Die Bevölkerung zahlreicher osteuropäischer Staaten gilt als gebildet und motiviert. PISA-Studien belegen das. Kulturell gibt es ebenfalls kaum Unterschiede.

Führende Unternehmen aus Osteuropa sind nahezu gleichauf mit westeuropäischen Firmen. Fortschrittliche Managements verfolgen anerkannte Standards, etwa bei der Bekämpfung der Korruption oder der Wahrung von Aktionärsrechten. Unternehmen aus Fernost oder Südamerika dagegen erfüllen diese Standards häufig nicht.

Steigender Wohlstand in Slowien, Tschechien und Polen

Unterdessen steigt auch der Wohlstand an Donau und Moldau. Die Lasten der Schuldenkrise von 2008 gelten als abgearbeitet. Der Finanzsektor hat seine Bilanzen weitgehend bereinigt, die Wirtschaft boomt. Die Nähe zu Deutschland und die florierende Konjunktur in ganz Europa treiben die Exporte und den Konsum gleichermaßen voran. Sloweniens Aufstieg beispielsweise ist bemerkenswert. Die Kaufkraft des Euro-Mitglieds hat die Griechenlands und Portugals überholt. Das Pro-Kopf-Einkommen liegt bereits bei 60 Prozent des Niveaus der EU-15.

Auch Polen, Tschechien und Ungarn schließen zu ihren westlichen Nachbarn auf. Absolut betrachtet liegt das Pro-Kopf- BIP dort mittlerweile bei 23.000 bis 28.000 Euro. Damit sind sie beinahe Industrienationen. Neben dem Export treibt der Binnenkonsum das Wachstum. Insgesamt belief sich das jährliche Wirtschaftswachstum der drei Länder zuletzt auf rund drei Prozent. Der Internationale Währungsfonds (IWF) erwartet für ganz Osteuropa einen BIP-Zuwachs von 4,5 Prozent für 2017 und 3,5 Prozent für 2018.

Die Unternehmen aus der Region gelten als überdurchschnittlich wettbewerbsfähig. Sie nutzen die geografische Nähe zu Absatzmärkten wie Deutschland und profitieren vom freien Warenverkehr innerhalb der Europäischen Union.




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