„So gut wie seit einem Jahrzehnt nicht mehr“

„Der Konjunkturausblick für Europa und dabei insbesondere für die Eurozone ist so gut wie seit einem Jahrzehnt nicht mehr.“, sagt Robert Greil, Chefstratege von Merck Finck. Eine Einschätzung.

Der Ausblick für Europa und die Weltwirtschaft im neuen Jahr ist positiv. In ihrem „Globalen Investmentausblick 2018“ geht die Münchner Privatbank Merck Finck davon aus, dass die wirtschaftlichen Fundamentaldaten in Europa trotz einer Reihe politischer Herausforderungen gut bleiben, so dass die Wachstumsaussichten positiv sind. Dennoch sind der Aufschwung an den weltweiten Märkten und das anhaltende Wachstum der Weltwirtschaft einigen Risiken ausgesetzt.

Makroökonomischer Ausblick: Europa und die Eurozone

Der Konjunkturausblick für Europa und dabei insbesondere für die Eurozone ist so gut wie seit einem Jahrzehnt nicht mehr. Dies trotz der politischen Unsicherheit in Deutschland in Sachen Regierungsbildung, in Italien mit der dort anstehenden Parlamentswahl und im Hinblick auf Großbritannien und die EU angesichts des Brexits. Zudem stütze die zunehmend bessere Weltkonjunktur das Wachstum der Eurozone, nicht zuletzt über die Exportnachfrage.

Der Euroraum insgesamt liegt – was den zyklischen Aufschwung anbelangt – nach der Weltwirtschaftskrise klar hinter den USA zurück und ist noch nicht so weit, dass die EZB eine stärkere Straffung der Geldpolitik wie in den USA in Erwägung ziehen müsste. Sofern keine unerwarteten Schocks eintreten, ist der Euroraum gut positioniert, um in die Phase eines nachhaltig stabilen oder sogar stärkeren Wirtschaftswachstums einzutreten.

Risikofaktoren vorhanden: Konjunkturflauten und politische Unsicherheiten

Es gibt eine Fülle von Risikofaktoren, die den anhaltenden Boom an den weltweiten Märkten gefährden könnten. Eine überraschende Konjunkturabkühlung ist dabei die augenscheinlichste Gefahr, zusammen mit einem stärkeren Anstieg der Zinssätze und/oder einer Inflation. Gerade stärker steigende Inflations- und Anleihezinstrends würden die Märkte überraschen, weil sie damit kaum rechnen. Deshalb hält sie Merck Finck für das größte Risiko im neuen Jahr.

Zu den politischen Risiken in Europa zählen ein Scheitern der marktfreundlichen Parteien bei den Parlamentswahlen in Italien, ein weiterer Anstieg des Populismus oder separatistischer Bestrebungen wie in Katalonien oder neue massive Flüchtlingsströme. Mit Blick auf die unklare Regierungsbildung in Deutschland stellt die Stabilität der größten Volkswirtschaft im Euroraum einen weiteren möglichen Risikofaktor dar.

Aufgrund der Ungleichgewichte in China inklusive der sehr hohen Verschuldung der Unternehmen und der privaten Haushalte bleibt das Risiko einer „harten Landung“ der Wirtschaft bestehen, wenngleich sie Merck Finck nicht für wahrscheinlich hält. Zu den weiteren Risiken für die Schwellenländer gehören eine Aufwertung des US-Dollars und die großen Defizite in Ländern wie Venezuela und Argentinien. Auch wenn US-Präsident Donald Trump den Märkten in seinem ersten Amtsjahr nicht geschadet hat, könnte sich das in Zukunft mit Blick auf die Zwischenwahlen nächsten November, Trumps „America First“-Politik oder seinen scharfen Ton gegenüber Nordkorea ändern. Einige Analysten glauben, die geldpolitische Normalisierung werde eine Marktkorrektur Mitte 2018 auslösen. Bislang haben die Europäische Zentralbank und die US-Notenbank den Erwartungen entsprochen. Die Normalisierungstendenzen in Sachen Geldpolitik bleiben aber ein wichtiger Risikofaktor – insbesondere, falls die Notenbanken dabei überraschende oder Fehlentscheidungen treffen sollten.

Unterdessen gewinnen die zyklischen Kräfte, die die Inflation anschieben könnten, an Boden. Die Inflation könnte also gerade in Ländern wie den USA und auch Deutschland mehr als vom Markt erwartet ansteigen. Ein steigender Inflationstrend ist 2018 alles andere als sicher, aber wir sollten insbesondere im zweiten Halbjahr auf Überraschungen gefasst sein. Ein überraschend stärkerer Anstieg der Inflation könnte das Szenario auslösen, das Fondsmanager und andere Akteure auf der ganzen Welt am meisten fürchten: einen Crash am Anleihenmarkt. Da den Bewertungen am Aktienmarkt stärker als 2000 robuste Gewinntrends und überaus erfreuliche Konjunkturaussichten zugrunde liegen, scheint das größte Risiko vom Anleihenmarkt auszugehen. Insgesamt deutet zurzeit jedoch nicht viel darauf hin, dass 2018 ein Ereignis mit tiefgreifenden negativen Auswirkungen auf den Markt eintreten werde.

Anlageausblick

Die Aktienmärkte und die Rentabilität der Unternehmen haben 2017 im Gleichschritt zugelegt. Merck Finck rechnet damit, dass sich dieser Trend 2018 grundsätzlich fortsetzt. In dem „goldenen“ Szenario moderater Inflation und zunehmenden Wachstums sieht die Bank wenige Hinweise darauf, dass der Markt übertrieben optimistisch ist. Die Fundamentaldaten sind derzeit fast weltweit extrem robust. Daher zieht Merck Finck zyklische Branchen weiterhin den meisten defensiven vor und favorisiert insbesondere „Small-Caps“, vor allem in Europa.
Merck Finck hält daneben den asiatischen Tech-Sektor für eine besonders interessante Wachstumsstory. „Schnell wachsende und hochrentable asiatische Technologieunternehmen sind eine ernstzunehmende Herausforderung für die bisher dominierenden namhaften Firmen der westlichen Welt“, sagt Greil. Schließlich stiege nicht zuletzt auf Basis der immer schneller wachsenden asiatischen Mittelschicht die Nachfrage. Infolgedessen stiegen auch die Umsätze und Gewinne von führenden Unternehmen wie Alibaba oder Tencent viel schneller als in der westlichen Welt – und mit ihnen ihre Bedeutung für die Finanzmärkte insgesamt.

Anleiheanlegern steht ein weiteres Jahr voller Herausforderungen bevor. Die Politik des „leichten Geldes“ nach der weltweiten Finanzkrise neigt sich ihrem Ende zu, da die großen Zentralbanken anfangen, ihre expansiven Maßnahmen einzuschränken oder sogar umzukehren. Grundsätzlich sollten Anleger aufgrund voraussichtlich moderat anziehender Anleiherenditen die Risiken in dieser Anleiheklasse gering halten – sprich kurze bis maximal mittlere Laufzeiten halten und diversifizieren.

Nachdem die Rohstoffpreise Anfang 2016 die Talsohle erreicht hatten, stiegen sie 2017 langsam, aber stetig an. Die Aussichten dürften sich 2018 weiter verbessern. Dies ist dem verbreitet synchronen Wachstum auf der Welt und einem meist ausgewogeneren Verhältnis von Angebot und Nachfrage zuzuschreiben. Merck Finck erwartet, dass die Ölpreise 2018 stabil bleiben oder leicht steigen; Gold dürfte seitwärts tendieren.

Das Jahr 2017 markierte das Ende der drei Jahre andauernden Aufwertung des Dollars gegenüber dem Euro. Im Laufe des vergangenen Jahres verlor die US-Währung rund 14 Prozent gegenüber der Gemeinschaftswährung und dürfte in den kommenden zwölf Monaten weiter an Boden verlieren. Im Zuge der Fortsetzung der „Abenomics“ wird die Bank of Japan an ihrem expansiven Kurs festhalten. Das sollte sich in anhaltend niedrigen Zinssätzen und einem vorerst weiter zur Schwäche neigenden Yen niederschlagen.




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