US-Aktien liegen vorn

Dr. Martin Lück, Leiter Kapitalmarktstrategie für DACH und Osteuropa bei BlackRock, sieht US-Werte auf Aufholjagd. Anleger sollten allerdings auch die Volatilität im Auge behalten.

Um rund 8% hatten sich, Stand Freitagabend, amerikanische Aktien von ihren Intraday-Tiefständen erholt. Im Vergleich zum Jahresbeginn liegen US-Anteilsscheine inzwischen wieder im Plus. Europäische Aktien dagegen, die ebenfalls über den Verlauf der letzten Woche um 3-4% zulegten, haben den Jahresendstand von 2017 noch nicht ganz wieder erreicht. Wieder einmal haben sich amerikanische Aktien als attraktiver erwiesen, trotz der größeren Bewertungsreserven auf dem alten Kontinent und des entsprechenden Aufholpotentials, welches in europäischen Aktienpreisen steckt.

Viel hat mit der US-Steuerreform zu tun. Denn so ökonomisch unsinnig und sozial ungerecht diese Reform auch ist, aus Anlegerperspektive sorgt sie für höhere Nachsteuergewinne bei amerikanischen Unternehmen. Nach Analystenschätzungen werden die US-Gewinne in diesem Jahr um 19% steigen, mehr als 60% der Firmen im S&P 500 haben in der Berichtssaison für das vierte Quartal ihre Gewinnaussichten nach oben korrigiert. Da wir denken, dass dieser Vorsprung in der Gewinndynamik noch nicht vollständig in den Aktienpreisen abgebildet ist, haben wir unsere taktische Empfehlung für US-Aktien auf „übergewichten“ geändert und im gleichen Zuge jene für europäische Aktien auf „neutral“.

Die Volatilität hat sich beruhigt, wenn auch nicht auf die sehr niedrigen Niveaus, die wir bis Anfang Februar gesehen hatten. Dies dürfte auch so bleiben, denn abgesehen von allen technischen Verzerrungen, die den Ausbruch des VIX-Index‘ am 5. Februar bewirkt haben, hat sich doch etwas am fundamentalen Umfeld geändert, denn zum ersten Mal seit Jahren sehen sich Anleger mit einem Umfeld steigender Zinsen konfrontiert. Auch wenn dieser Anstieg keinesfalls bedrohlich ausfällt und in einer Welt starken Wachstums und sich normalisierender Inflation absolut verkraftbar erscheint, macht doch ein derartiger Paradigmenwechsel viele Anleger nervös. Wir sind also gut beraten, auch für die nächsten Wochen und Monate von einem leicht höheren Volatilitätsumfeld auszugehen.

Was bedeutet das für Anleger?

Dies bedeutet auch, dass Ereignisse, die in der alten Risikowelt, also jener vor dem 5. Februar, von Marktteilnehmern vermutlich als Non-Event durchgewinkt worden wären, nun durchaus das Zeug zu Störenfrieden haben. Die Parlamentswahl in Italien ist ein Beispiel für ein derartiges Event. Zwar sind rational die größten Unfallherde aus dem Weg geräumt, darunter das alte Wahlgesetz („Italicum“) und die Drohung mehrerer Parteien, Italien im Falle eines Wahlsieges aus dem Euroraum herauszuführen. Dennoch könnte ein überraschend marktunfreundliches Wahlergebnis, etwa ein sehr schwaches Abschneiden der einzig verbliebenen pro-europäischen Partei, des Partito Democratico (PD), für Nervosität an den Aktienmärkten sorgen. Die umso mehr, als die Wahl just an dem Tag (4. März) stattfindet, an dem in Deutschland die SPD das Ergebnis ihrer Mitgliederbefragung vom Koalitionsvertrag bekanntgibt. Wenn es schlecht läuft, könnte das ein trüber Tag für Europa werden.

Indessen laufen zwei bedeutsame Nachfolgedebatten auf Hochtouren. In dieser Woche wird die Nominierung des Nachfolgers von EZB-Vizepräsident Vitor Constancio erste Fingerzeige darauf geben, wer im nächsten Jahr an die Spitze der Behörde rücken könnte. Wenn, wie viele erwarten, Spaniens Finanzminister Luis de Guindos das Rennen um den Vizepräsidentenposten macht, hätte ein Nordeuropäer gute Chancen auf die Draghi-Nachfolge. Bundesbank-Chef Jens Weidmann dürfte den Nominierungsprozess deshalb aufmerksam verfolgen.

Und in Berlin hat Angela Merkel weitere Anhaltspunkte dafür geliefert, dass sie Annegret Kramp-Karrenbauer als Nachfolgerin auserkoren hat. Wir hatten seit einer Weile damit gerechnet, dass die saarländische Ministerpräsidentin spätestens gegen Mitte der Legislaturperiode ein wichtiges Parteiamt übernehmen würde, um für die Merkel-Nachfolge in Stellung gebracht zu werden. Durch den Rückzug von CDU-Generalsekretär Peter Tauber und die dadurch freiwerdende Stelle hat sich dies nun beschleunigt. Merkel scheint also fest entschlossen, schon zu Beginn ihrer letzten Kanzlerschaft ihr politisches Erbe zu ordnen. Sie wäre die erste Person an der Spitze des Kanzleramtes, der es gelingt, nicht nur den Zeitpunkt des eigenen Abgangs zu bestimmen, sondern auch noch erheblichen Einfluss auf die Nachfolgeregelung zu nehmen.




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