USA versus China – Zeit für den Risk-Off Modus?

In der vergangenen Woche hat der protektionistische Schlagabtausch zwischen den USA und China nochmals an Schärfe gewonnen und seinen bisherigen Höhepunkt am Ende der Woche erreicht, als US-Präsident Donald Trump per Twitter mit zusätzlichen Zöllen im Volumen von 100 Milliarden Dollar drohte. Daraufhin konterte China trotz seines wichtigen Feiertags umgehend mit Zöllen in ähnlicher Größenordnung […]

In der vergangenen Woche hat der protektionistische Schlagabtausch zwischen den USA und China nochmals an Schärfe gewonnen und seinen bisherigen Höhepunkt am Ende der Woche erreicht, als US-Präsident Donald Trump per Twitter mit zusätzlichen Zöllen im Volumen von 100 Milliarden Dollar drohte. Daraufhin konterte China trotz seines wichtigen Feiertags umgehend mit Zöllen in ähnlicher Größenordnung und warnte, das Land werde „um jeden Preis“ auf Gegenwehr setzen. Nach Chinas Kampfansage gab Trump zu, dass seine Handelspolitik den USA gewisse „Schmerzen“ bereiten könnte, während US-Finanzminister Steven Mnuchin eingestand, dass ein Handelskrieg zwar unwahrscheinlich, aber „potenziell möglich“ sei.

Auch wenn wir von einem tatsächlichen Handelskrieg noch weit entfernt sind, gewinnt der handelspolitische Konflikt wie von mir befürchtet an Schärfe. Ehrlich gesagt sehe ich auch keinen überzeugenden Anlass für China, Zugeständnisse an die USA zu machen, zumal führende Vertreter des Weißen Hauses versucht haben, besorgte US-Bürger zu beruhigen, indem sie die amerikanischen Drohungen als reines Verhandlungsinstrument bezeichnet haben. Als Jura-Studentin habe ich einen Kurs zur Verhandlungsführung belegt. Das ist zwar schon einige Jahre her, aber eine wichtige Lehre ist hängengeblieben: Von einem Verhandlungsgegner, der merkt, dass man nur blufft, ist kaum ein Entgegenkommen zu erwarten. Noch unwahrscheinlicher sind nennenswerte Zugeständnisse der chinesischen Seite im Handelsstreit dadurch, dass die USA diesen Feldzug im Alleingang und ohne Unterstützung durch andere wichtige Handelspartner führen. Hinzu kommt, dass Chinas Präsident Xi Jinping gerade erst seine Machtposition gefestigt hat und damit vermutlich stärker denn je ist. Sorgen über einen möglichen Handelskrieg haben dem Shanghai Stock Exchange Composite Index zuletzt einen Kursverlust von über 10% gegenüber seinem Höchststand vom Januar beschert1. Da der Anteil der am Aktienmarkt angelegten Gelder an den chinesischen Privatvermögen jedoch relativ gering ist, dürfte die chinesische Regierung keinen großen Druck verspüren, bedeutende Kompromisse einzugehen. Um es hier noch einmal klarzustellen: Ich halte das Vorgehen der USA gegen die chinesischen Patentrechtsverstöße keineswegs für verfehlt, die Erfolgswahrscheinlichkeit des gewählten Ansatzes aber für gering. Besonders gefährlich ist dieser zudem, da China unkonventionelle Formen der Vergeltung wählen könnte – zum Beispiel eine Abwertung der eigenen Währung, ein teilweises oder komplettes Aussetzen seiner Käufe US-amerikanischer Staatsanleihen oder sogar deren Verkäufe.

Investoren reagieren auf erhöhte Volatilität

Es ist kein Wunder, dass US-Investoren die protektionistische Gefahr in der vergangenen Woche ernster genommen haben. Nach einem Rückgang zur Wochenmitte zog die Aktienmarktvolatilität gegen Ende der Woche wieder an. Schwellenländeraktien wurden abverkauft, wobei asiatische Aktien moderate Verluste erlitten.2 Noch deutlicher zeigte sich die Angst der Anleger in der dramatischen Flucht in US-amerikanische Staatsanleihen, die in der vergangenen Woche die höchsten Zuflüsse seit mehr als zwei Jahren verzeichneten. Nach einem Anstieg zur Wochenmitte sank die Rendite der zehnjährigen US Treasury im Anschluss wieder und schloss die Woche letztlich mit 2,79%.

Die Marktstimmung hat sich ganz klar verschlechtert. Die kritische Frage lautet: Sollten Anleger jetzt in risikoärmere Anlagen umschichten?

Um diese Frage zu beantworten, müssen wir zunächst zwei wichtige Faktoren betrachten, die hinter der bisherigen Aufwärtsdynamik an den globalen Aktienmärkten gestanden haben: 1) das sich verbessernde globale Wirtschaftsumfeld und 2) die weiterhin akkommodierende Geldpolitik.

1. Trotz der jüngsten Enttäuschungen ist die globale Wachstumsstory weiterhin intakt

Die wichtigsten Indikatoren sprechen für eine Fortsetzung des globalen Aufschwungs. Allerdings gibt es einige nennenswerte Schönheitsfehler. Die Arbeitslosenrate in den USA ist weiterhin niedrig, das Bild, das der Arbeitsmarktbericht für März gezeichnet hat, aber nicht mehr so rosig wie zuvor. Mit 103.000 war die Zahl der außerhalb des Agrarsektors geschaffenen Arbeitsplätze relativ gering, das Lohnwachstum mit 0,3% gegenüber dem Vormonat und 2,7% gegenüber dem Vorjahr jedoch vergleichsweise hoch. (Zur Information: Das Lohnwachstum ist die Kennzahl im Arbeitsmarktbericht, die vom Offenmarktausschuss der US-amerikanischen Notenbank (Fed) am aufmerksamsten beobachtet wird, da das Lohnwachstum inflationär wirken kann. Eine Fortsetzung dieses Trends könnte die Fed dazu veranlassen, die Zinsen in diesem Jahr nicht nur drei, sondern gleich vier Mal anzuheben.)

In Frankreich und Deutschland ist der Einkaufsmanagerindex (PMI) im März gesunken. In Großbritannien lag der PMI für das verarbeitende Gewerbe bei 55,1, der für den Dienstleistungssektor nur noch bei 51,7. In China und Japan sind die Einkaufsmanagerindizes für das verarbeitende Gewerbe und den Dienstleistungssektor im März gestiegen.3 Trotz des Anstiegs hier und Rückgangs dort ist wichtig festzuhalten, dass die Werte in allen Regionen über der 50-Punkte-Marke liegen und damit auf eine Fortsetzung des Aufschwungs hindeuten. In Kanada signalisiert die vor kurzem veröffentlichte Umfrage zum Geschäftsausblick der Bank of Canada eine Verlangsamung des BIP-Wachstums in diesem Jahr. Überraschenderweise ist das Geschäftsklima hier aber weiter positiv. Bemerkenswert ist das vor allem, da Kanada einen größeren Protektionismus und speziell eine Absage der USA an NAFTA schmerzhaft spüren dürfte. Deutlich wichtiger als die Stimmung sind aber die geplanten Neueinstellungen, die positiv sind, sowie die Investitionspläne der Unternehmen, die weiterhin solide sind (aber rückläufig gegenüber dem Vorquartal). Die globale Wachstumsdynamik hat etwas nachgelassen, ist aber immer noch positiv.

2. Die Geldpolitik bleibt akkommodierend

In einer Rede am vergangenen Freitag hat der Fed-Vorsitzende Jerome Powell den eingeschlagenen Kurs der geldpolitischen Normalisierung bestätigt. Powell erläuterte, es sei „zu früh“, um die möglichen Auswirkungen eines potenziellen US-chinesischen Handelskriegs auf die wirtschaftlichen Aussichten abschätzen zu können, er sehe jedoch „bislang“ keine Auswirkungen. Da völlig unklar ist, wie dieser Konflikt ausgehen wird, ist eine entsprechende Prognose tatsächlich unmöglich. Dadurch entsteht aber eine größere Unsicherheit im Hinblick auf die künftige Richtung der Geldpolitik, weil unklar ist, wie die Fed auf eine Verschärfung des Handelsstreits reagieren würde, zum Beispiel mit einer weniger schnellen Straffung der Zinsen. Abgesehen davon betonte Powell die gute Arbeitsmarktlage und die Aussicht auf eine höhere Inflation — schien aber beides als unproblematisch einzustufen. Das spricht dafür, dass die Fed an ihren Plänen für eine schrittweise und maßvolle Straffung der Zinsen festhält. Ich fürchte allerdings immer noch, dass eine unerwartet hohe Inflation die Fed dazu veranlassen könnte, die geldpolitischen Zügel schneller zu straffen als bislang erwartet.

Ausblick

Dass diese beiden wichtigen positiven Faktoren weiterhin wirken, bedeutet nicht, dass es keine Risiken gibt. Das meiner Ansicht nach wahrscheinlichste Risiko ist das einer schneller als erwarteten Straffung der Geldpolitik. (Dieses Risiko geht natürlich in erster Linie von den USA aus.) Eine schnellere Straffung der Geldpolitik bedeutet dabei nicht nur, dass die Zinsen schneller als erwartet steigen könnten — die weitaus größere Gefahr wäre eine schnellere Rückführung der aufgeblähten Fed-Bilanz. Dieses Umfeld spricht meiner Ansicht nach nicht für eine abrupte Abkehr von Risikoanlagen, aber durchaus für eine breite und tiefe Diversifikation.

Was Anleger in den nächsten Tagen im Blick behalten sollten:

1.      Technologiewerte. Angesichts der Anhörung von Facebook CEO Mark Zuckerberg vor dem US-Kongress und der Aussicht auf eine potenziell strengere Regulierung bestimmter Tech-Unternehmen wie Facebook dürften US-amerikanische Technologiewerte wie bereits im März weiter unter Druck stehen.
2.      Unternehmensgewinne. Ich rechne mit einer sehr guten Berichtssaison in den USA, was positiv für Aktien sein sollte. Bis zum 6. April hatten 53 Unternehmen aus dem S&P 500 Index positive Gewinnschätzungen für das erste Quartal veröffentlicht — deutlich mehr als im Schnitt der letzten fünf Jahre. Von den nur 23 Unternehmen, deren Ergebnisse für das erste Quartal am 6. April bereits vorlagen, haben 74% über eine überraschend positive Umsatzentwicklung berichtet.4 Ich rechne damit, dass sich dieser Trend fortsetzt.
3.      Protektionismus. Chinas Präsident Xi Jinping wird auf dem Boao Forum sprechen. Bislang wird angenommen, dass er die protektionistische Rhetorik abmildern wird. Ich wäre allerdings nicht überrascht, wenn es anders käme. Wir werden dies aufmerksam beobachten, da weitere Marktturbulenzen zu erwarten wären, falls Xi die Sorgen der Anleger nicht beruhigen sollte.




Nachricht an die Redaktion

Hier können Sie uns einen Kommentar zu dem Artikel zukommen lassen.
Wir freuen uns auf Ihr Feedback.

Bitte lasse dieses Feld leer.]

Bei unseren Lesern momentan beliebt