„Von der Politik zur Währung“

Olivier de Berranger, CIO bei La Financière de l’Echiquier, meint, dass die Märkte mittlerweile der Politik wenig Aufmerksamkeit schenken. Insbesondere die Währungsfrage sei zunehmend relevant. Ein Kommentar.

Andere Zeiten, andere Sitten. Noch vor wenigen Quartalen hätten ein Shutdown in den USA und die Ankündigung protektionistischer Maßnahmen durch Donald Trump für deutlichen Stress an den Märkten gesorgt. Aber die Zeiten haben sich geändert, und mittlerweile lässt die Politik die Märkte kalt. Deren Aufmerksamkeit ist nun auf andere Dinge gerichtet: die Währungen.

In der letzten Woche stand insbesondere der Devisenmarkt im Fokus. Der Dollar, der bereits durch Trumps Ankündigungen geschwächt war, geriet anschließend durch die Äußerungen des US-Finanzministers auf dem Weltwirtschaftsforum in Davos kräftigt unter Druck. Steven Mnuchin erklärte, dass die derzeitige Schwäche der US-Währung eine „gute Sache“ für den amerikanischen Handel sei. Ein klarer Verstoß gegen die stillschweigende Übereinkunft zwischen den wichtigsten Ländern des Westens, nach der man in der Öffentlichkeit alles unterlässt, was den Devisenkurs beeinflussen könnte. Mehr brauchte es nicht, um den Euro/Dollar-Kurs während der Pressekonferenz von Mario Draghi am Donnerstag auf über 1,24 und dann kurzzeitig auf über 1,25 – den höchsten Stand seit drei Jahren – steigen zu lassen. Auch wenn der EZB-Präsident den US-Finanzminister geißelte, ohne ihn jemals zu zitieren, und einräumte, dass die jüngste Volatilität bei den Wechselkursen für Unsicherheit sorgt, machte er keine Aussage, die dazu diente, den Auftrieb des Euro zu bremsen.

Für Beruhigung sorgte schließlich Donald Trump. In einem Interview in Davos erklärte der amerikanische Präsident, dass der Dollar stark bliebe und im Zuge des Konjunkturaufschwungs, der aus seiner Steuerreform resultieren dürfte, sogar „stronger and stronger“ würde. Zudem sagte er, dass die Äußerungen von Steven Mnuchin aus dem Zusammenhang gerissen worden seien. Dieser ruderte im Übrigen zurück und bekräftigte, dass ein schwacher Dollar sowohl Vor- als auch Nachteile habe. Am Freitag war der Euro/Dollar-Kurs auf rund 1,245 zurückgegangen.

Muss man über diese Entwicklungen besorgt sein? Das hängt vom Blickwinkel ab. Aus makroökonomischer Sicht sei daran erinnert, dass gemessen an der Kaufkraftparität der Euro mit 1,33 USD korrekt bewertet wäre. In diesem Sinne hat Mario Draghi recht, wenn er nicht übermäßig besorgt ist. Im Hinblick auf die Mikroökonomie und die Aktienmärkte gibt es jedoch durchaus Grund zur Besorgnis. Zum einen wirkt sich das Tempo der Aufwertung des Euro niemals neutral auf die europäischen Aktienmärkte aus. Zum anderen kann man bei einem Euro/Dollar-Kurs von 1,25 ein Wachstum des Gewinns pro Aktie in Europa von rund 7 % im Jahr 2018 erwarten. Die ökonometrischen Modelle weisen jedoch darauf hin, dass bei einer Parität von 1,35 das Gewinnwachstumspotenzial vollständig aufgezehrt würde.

Das Tempo der Entwicklung wird somit entscheidend sein. Ein Euro/Dollar-Kurs von über 1,30 ist auf lange Sicht weder inkohärent noch beunruhigend. Sollte er dieses Niveau jedoch zu schnell erreichen, würde sich dies negativ auf europäische Aktien auswirken. Kurzfristig gibt es jedoch Potenzial für eine Entspannung beim Wechselkurs. In den USA schlagen sich die Effekte der Steuerreform allmählich in den Konjunkturdaten nieder und stärken somit den Dollar. In Europa könnten die zahlreichen politischen Fristabläufe im März zu einem Anstieg der Risikoprämie auf die Region und zu einer Schwächung des Euros führen. Das Risiko, dass der Euro/Dollar-Kurs dauerhaft aus der Bandbreite von 1,25/1,30 ausbricht, erscheint auf kurze Sicht eher moderat.




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