Wann droht Rezessionsgefahr?

Wie lange hält eine „Secular Stagnation“ an? Eines ist sicher: nicht ewig. In seiner Analyse gibt Dr. Ernst Konrad, Geschäftsführer der Eyb & Wallwitz Vermögensmanagement GmbH und Fondsmanager der Phaidros Funds, eine Einschätzung über die aktuelle Eintrittswahrscheinlichkeit einer Rezession.

Seit dem Ende der Finanzkrise war „Secular Stagnation“, also das im historischen Vergleich unterdurchschnittliche Wachstum, eines der meistdiskutierten Themen an den Finanzmärkten. Trotz anfänglicher Skepsis stellte sich dieses Umfeld als geradezu ideal für die Kapitalmärkte heraus: Die Konjunktur war „weder zu heiß, noch zu kalt“, die Inflation war so niedrig, dass die Notenbanken in noch nie dagewesenem Umfang Geld schöpfen konnten, die Anleihemärkte haussierten und dank der niedrigen Zinsen schraubten sich die Bewertungen an den Aktienmärkten immer weiter nach oben. Aber wie wir leider aus leidvoller Erfahrung wissen, hält ein solcher Zustand nicht ewig an. Die größte Bedrohung geht traditionell von einer Rezession aus, so dass es sich unseres Erachtens lohnt, die möglichen Auslöser und ihre aktuelle Eintrittswahrscheinlichkeit einmal etwas genauer unter die Lupe zu nehmen.

Rezessionen sorgen für fallende Aktienkurse

Eine alte Börsenwahrheit besagt, dass Bullenmärkte nicht an „Altersschwäche“ sterben, sondern durch Rezessionen ihr Ende finden. Allein aus der Dauer und der Stärke einer Aufwärtsbewegung lassen sich kaum verlässliche Aussagen über die zukünftige Kursentwicklung ableiten. Zwar steigt nach einem besonders dynamischen Kursanstieg die Wahrscheinlichkeit für einen größeren Rückschlag. Diesen allerdings „timen“ zu wollen, ist ein hoffnungsloses Unterfangen.

Rezessive Entwicklungen lassen sich dagegen frühzeitig erkennen, so dass sich Investoren entsprechend wappnen können. Eine Rezession ist nach einer Faustregel ein negatives Wirtschaftswachstum über mindestens 2 Quartale. In den USA gab es seit der Weltwirtschaftskrise 14 Rezessionen, die im Durchschnitt 5 Quartale andauerten. In solchen Phasen nimmt die Risikobereitschaft typischerweise signifikant ab und Aktien werden verkauft. Der durchschnittliche Kursverlust lag zwar nur bei bescheidenen -8%. Während der Weltwirtschaftskrise (1929-32), der Ölkrise (1973-75) bzw. der Finanzkrise (2008-2009) fielen die Kursverluste mit -80%, -23% bzw. -38% allerdings deutlich stärker aus. Darüber hinaus dauerte es nach dem offiziellen Rezessionsende in diesen drei Perioden 85, 18 bzw. 15 Quartale, bis das ursprüngliche Kursniveau wieder erreicht war und damit deutlich länger als die „normalen“ Rückschläge, mit denen man als Aktionär jederzeit rechnen muss. Wenn ein Aktionär also vor etwas Angst haben sollte, dann vor einer Rezession.

Keine Anzeichen für „klassische Rezession“….

Als „klassische Rezession“ bezeichnen wir einen Konjunktureinbruch, der durch Phänomene in der Realwirtschaft ausgelöst wird. Hierzu gehören die übermäßige Ausweitung der Produktionskapazitäten bei sich abschwächender gesamtwirtschaftlicher Nachfrage (Wiedervereinigungsboom in Deutschland nach 1989, Technologieblase 2000/2001), ein plötzlicher Anstieg der Rohstoffpreise (Ölkrise 1973/75) oder auch ein Inflationsschock mit massiven Zinsanhebungen durch die Zentralbanken (1980).
Die anfänglich dynamische Konjunkturerholung nach dem Ende der Finanzkrise verlangsamte sich seit 2010 spürbar und nahm erst in den letzten 12 Monaten wieder Fahrt auf. Rückblickend überrascht diese Entwicklung nicht, weshalb wir auch seit Jahren an dem Szenario der „Secular Stagnation“ festhalten. Neben der restriktiven Fiskalpolitik (gerade in der Eurozone) waren die zu hohen Realzinsen für diese Entwicklung verantwortlich. Zwar versuchten die Notenbanken, die lang- und kurzfristigen Nominalzinsen zu senken. Der Rückgang der Preissteigerungsraten (nicht zuletzt wegen des Ölpreisverfalls 2014/15 um über 60%) und die einsetzende Deflationsfurcht konterkarierten allerdings diese Bemühungen.




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