Was den Weinmarkt aktuell bewegt

Der facettenreiche Weinmarkt bietet reichlich Stoff für Geschichten. Ein kurzer Überblick zum edlen Tropfen.

Für einige Weinliebhaber liegt der Wert des edlen Tropfens in den Geschichten, die er erzählt. Und nicht nur französische Winzer glauben an ein verwurzeltes Erbe, die der vergorene Saft aus der Edlen Weinrebe entfaltet und dessen Aromen ihre Kraft aus den Böden und Lüften seiner Anbauregionen zieht. Wein ist Identität und Herkunft. Sein Geschmack ist die Reise an entlegene Orte – oder zu den Plätzen der eigenen Kindheit. Wein begleitet die Menschheit seit Jahrtausenden und wird in der Kulturgeschichte reichlich rezipiert. Für die Christen verkörpert der rote Rebensaft bis heute als Sakrament der Eucharistie das Blut Christi. Er bringt den Menschen das Vergangene näher, verbindet die Tradition mit der Moderne als Symbol für Fruchtbarkeit, Status und Macht.

Als Handelsgut gewann Wein bereits im Altertum an wirtschaftlicher Bedeutung. Die Phönizier handelten auf den Handelsrouten des Mittelmeers das begehrte Lebensmittel, und seitdem hat sich die wirtschaftliche Bedeutung kaum verändert. Im Jahr 2017 exportierten die Weinproduzenten global betrachtet im Gesamtwert von 30,4 Milliarden Euro. In einigen Regionen gehört die Weinwirtschaft zu den bedeutendsten Wirtschaftsfaktoren. Allein in Spanien, dem weltgrößten Exporteur im vergangenen Jahr, sind etwa 4.000 Unternehmen auf diesem Sektor tätig. Eine Randbemerkung sei erlaubt: Der Wein wurde in Spanien vor allem durch die Phönizier verbreitet. Die Tradition verbindet eben das Vergangene mit der Gegenwart.

Die Wertschöpfung der globalen Weinwirtschaft wird auf knapp 300 Milliarden US-Dollar für 2017 beziffert. Die größten Produzenten waren Italien, Frankreich und Spanien, gefolgt von den USA auf dem vierten Platz. Alle drei europäischen Nationen produzieren rund die Hälfte der weltweiten Produktionsmenge. Bei den Exportländern ergibt sich in veränderter Platzierung ein ähnliches Bild, allerdings steht als erstes nichteuropäisches Land Chile auf dem vierten Platz. Und: Obwohl die Deutschen die größten Weinimporteure 2017 waren, konnten die US-Amerikaner sich als weltweit größter Verbraucher behaupten. Wobei beim Pro-Kopf-Verbrauch wiederum Zwergstaaten wie Andorra oder der Vatikanstaat die Nase vorn haben.

Was ist ein guter Wein?

Der internationale Weinmarkt ist komplex und unterliegt einer starken Dynamik. Wie in allen Märkten entscheidet das Verhältnis von Angebot und Nachfrage über die Gesamtmarktsituation. Doch der Weinmarkt unterliegt spezifischen Eigenarten, die sich aus Herstellungsprozessen oder sich veränderndem Konsumverhalten der Bevölkerungen ergeben. Regionale und lokale Besonderheiten sind ebenso bedeutsam wie gesetzliche und steuerliche Regulierungen oder Zölle durch Regierungen. Da Wein zudem ein landwirtschaftliches Produkt ist, nehmen die Witterungsbedingungen auf die Ernteerträge bei der Weinlese, aber auch auf die Qualität des Endprodukts einen signifikanten Einfluss. Der Witterungsverlauf während des Vegetationszyklus eines Weinjahrgangs hat – verglichen mit anderen landwirtschaftlichen Produkten – eine größere Relevanz für das Renomee des Produkts und damit einhergehend für die spätere Preisbildung. Die so genannten Spitzenjahrgänge beschreiben diejenigen Weine, denen die optimalsten äußeren Bedingungen (Witterungsverlauf ) für deren Reifepotenzial zuteil wurden und die folglich ihr volles Geschmacksmuster entfalten können. Unter Experten wird hier auch von „jahrgangsbedingter Typizität“ gesprochen.

Das Klima der jeweiligen Anbauregionen bestimmt die Qualität maßgeblich. In Regionen, in denen größere Schwankungen der klimatischen Bedingungen zwischen den einzelnen Jahrgängen auftreten, schwankt auch die Weinqualität. Allerdings spielen noch weitere Faktoren eine Rolle: Die Qualität der Anbauböden, die Rebsorte oder die Lagerung des Weins tragen ebenso dazu bei, dass ein Wein seinen geschmacklichen Charakter ausprägen kann.

Wie ein „guter“ Wein zu beurteilen ist, darüber wird innerhalb der Winzerschaft und unter Weinexperten leidenschaftlich gestritten. Das hat mehrere Gründe. Einer davon ist wohl, dass das Geschmacksempfinden subjektiv ist. Es existieren unterschiedliche Qualitätssysteme und Hierarchien nach regionalen Traditionen. Allerdings geht es mittlerweile auch darum, sich wirtschaftlich gegen neue Konkurrenz behaupten zu können. Der Faktor Marketing wird wichtiger.

Das traditionsreiche Weinland Frankreich hat einen Ruf zu verlieren. Weinnationen wie Australien, die USA oder Chile dagegen können nur gewinnen. Die stolzen französischen Winzer berufen sich daher auf das ruhmreiche Namenserbe ihrer Anbauregionen und Weingüter. Für die neue Weinwelt zählt die Herkunft weniger. Die Herkunftsfrage gewann in den 70er-Jahren folglich in Frankreich die Deutungshoheit, als aufstrebende und ambitionierte Winzer aus der neuen Welt auf die Weinmärkte drangen. Es etablierte sich der Begriff Terroir als ausdrückliches Bekenntnis zur Herkunft, welche die Einzigartigkeit eines Weins aus dem Anbauland und dem dort herrschenden Mikroklima komponiert. Bei genauerem Blick bleibt der Begriff für einige Kenner dennoch vage. Deshalb streiten Weinliebhaber auch heutzutage noch über die genaue Definition, da die Anzahl der Terroir-Weine oder die, die sich zumindest so nennen, tendenziell zunimmt.

Trotzdem hat sich das Herkunftsprinzip (Terroir) auch politisch und juristisch in Europa durchsetzen können. Die EU-Weinmarktordnung folgt der romanischen Qualitätsauffassung seit 2009.

Der Weinmarkt ist stark segmentiert, was nicht nur auf die Unterscheidung im Angebot zwischen Rot-, Weiß- oder Roséwein sowie Schaumweine (Champagner, Cava, Sekt) zurückzuführen ist. Der Markt wird durch eine preisbezogene Segmentierung charakterisiert, die bei anderen Agrarprodukten trotz Veredelungsprozessen eher unüblich ist. Zwischen dem Wein aus dem Discounter und den Spitzenweinen der renommiertesten Anbauregionen reichen die Preisspannen von unter einem Euro bis zu fünfstelligen Beträgen pro Flasche.

Die Deutschen sind beim Weinkauf eher knausrig

Diese Preissegmentierung ergibt sich wiederum aus unterschiedlichen Konsumententypen. Während Wein für viele Menschen ein Lebensmittel darstellt, sehen andere Konsumenten darin ein Prestigesymbol, Luxusgut oder eine Wertanlage. Dem inländischen Weinabsatz in Deutschland hängt seit Jahren das Image des Billigmarkts an. Internationale Studien zeigen, dass Deutschland eine signifikant höhere Preissensibilität aufweist als andere Absatzmärkte. Hierzulande dominierten deshalb Discounter und der Lebensmitteleinzelhandel im Jahr 2016 mit rund 77 Prozent beim Weineinkauf der Verbraucher. Durchschnittlich gab der deutsche Verbraucher lediglich 2,92 Euro pro Liter aus. Für Wein aus dem eigenen Land gaben die Deutschen zwar 0,28 Euro mehr aus, aber für deutsche Winzer sind die internationalem Märkte aus Sicht der Marge teils lukrativer. Hier liegen die erzielten Preise oftmals bei über vier Euro pro Liter. Die größten Erlöse mit mehr als einem Viertel am Gesamtexport brachte 2016 der US-amerikanische Absatzmarkt ein. Das Preismittel pro Liter lag bei 4,26 Euro. Das Deutsche Weininstitut weist die USA als wichtigen Trendmarkt aus.

Erste Zahlen für das Gesamtjahr 2017 zeigen, dass deutsche Exporteure Zuwachsraten sowohl bei Wert als auch Volumen ihrer Exporte verzeichnen konnten. Laut dem Deutschen Weininstitut legte der Export um sieben Prozent zu, und der Umsatz stieg um 20 Millionen Euro auf 308 Millionen Euro im Vergleich zum Vorjahr. Für die europäischen Winzer war 2017 ein sehr positives Jahr. Frankreich konnte erstmals seit fünf Jahren wieder das Exportvolumen erhöhen – um sechs Prozent. Vor allem die USA und China sind für mehr Nachfrage verantwortlich. Ebenfalls konnten die deutschen Exporteure mehr Wein in China absetzen. Obwohl China eine noch verhältnismäßig geringe Gesamtgröße an den Ausfuhren ausmacht, gilt China als der Trendmarkt der nächsten Jahre.

Trends am Weinmarkt der nächsten Jahre

Wie entwickelt sich der Weinmarkt der Zukunft? Eine Studie von ProWein in Zusammenarbeit mit der Universität Geisenheim befragte 1.500 Weinexperten weltweit. Das Ergebnis zeigt, dass asiatische Märkte (Südkorea, Hongkong, China) als attraktiv gelten und Exporteure ihre Zukunft eher im außereuropäischen Raum sehen. Hier gibt es ein hohes Wachstumspotenzial, aber, wie im Falle Chinas, drohen auch einige Risiken. Schwellenländer, die großes Potenzial aufweisen, wie es etwa bei Russland, Brasilien oder eben China der Fall ist, verunsichern die Experten besonders bezüglich regulatorischen Unsicherheiten und instabiler wirtschaftlicher Verhältnisse.

Die traditionellen europäischen Weinländer weisen seit einigen Jahren ein sinkendes Konsumverhalten auf, welches anhalten dürfte. Der deutsche Markt wird als gesättigt sowie hochgradig umkämpft eingeschätzt und wird daher eher negativ bewertet. Als Wachstumsmärkte innerhalb Europas rangieren Skandinavien, Polen und die Schweiz auf den vorderen Plätzen. Großbritannien wird durch den Brexit als Unsicherheitsfaktor betrachtet.

Es fällt auf, dass die Experten zum Zeitpunkt der Umfrage die Politik Trumps nicht als großes Risiko bewerteten. Das dürfte sich aus Sicht der europäischen Winzer geändert haben.

Die Weinexporteure können bei einer guten Weltkonjunktur besonders von den wachsenden Mittelschichten der Schwellenländer profitieren. Trotz aller Unwägbarkeiten: Chinas Verbraucher entwickeln nach Meinungen von Experten wie Antoine Leccia, Verbandschef der französischen Wein- und Spirituosenexporteure, mehr und mehr Feinsinn für Qualitätsweine. Das eröffnet weitere Marktchancen. „China wird sich zukünftig gerade für Premiumweine zu einem interessanten Markt entwickeln“, bemerkt auch Nikolas von Haugwitz, Vorstandsmitglied beim Premium- Weinhändler Hawesko.

Seit 2000 stieg die Nachfrage besonders im obersten Segment der französischen Rotweine, die als Premier Cru und Grand Cru gehandelt werden und von den Top-Weingütern Frankreichs stammen. Die wachsende Nachfrage sehr reicher Russen und Chinesen war dafür maßgeblich verantwortlich. Wein wurde somit auch außerhalb Europas und Nordamerikas zu einem Emotional Asset, wie der Investment- und Weinexperte Valentin Brodbecker von weinland.de bemerkt. Das hat sich bei Blue-Chip-Weinen, den rund 300 der wertvollsten Vertreter ihrer Zunft, auch preislich bemerkbar gemacht. „Wer sich eine zweite Kiste Rothschild als Wertanlage in den Keller stellte, konnte nach zehn Jahren mit einer Verdopplung des Wertes rechnen“, sagt Brodbecker und führt fort: „Zwischen 2000 bis 2011 blähten sich die Preise regelrecht auf und führten sogar zu einer Vervierfachung.“

Wein als Wertanlage

Bei Geschäftsanbahnungen unter chinesischen Geschäftsleuten sei es nicht unüblich, seinem potenziellen Partner einen dieser Blue-Chip-Weine zu überreichen, erzählt Brodbecker. Teurer Wein sei zudem ein Prestigeobjekt, das gern in speziellen Kühlschränken und Schaukästen präsentiert wird. Die Antikorruptionskampagne unter dem Generalsekretär der Kommunistischen Partei Chinas Xi Jinping führte ab 2012 zu einem spürbaren Abflachen der Nachfrage.

Dennoch kann Wein als Wertanlage taugen, sind sich einige Experten einig. Wenn auch die Losung „Guter Wein ist zum Trinken da“ bei Europäern auf einen gewissen Konsens trifft, was das Investment wiederum interessant macht, denn die guten Jahrgänge werden somit seltener.

Ein Blick auf den Index Liv-ex Fine Wine 100, der die Preisentwicklung von Spitzenweinen listet, bestätigt diese Einschätzung. Seit Ende des Jahres 2015 legte das führende Börsenbarometer der Londoner Weinbörse deutlich zu. Das Renditeplus in der Fünf-Jahres-Wertung liegt laut Liv-ex 100 bei 15.2 Prozent.

Für Privatanleger ist ein Investment schwierig, da Einzelpersonen selten größere Mengen an geeigneten Weinen bekommen. Die richtige Einkellerung ist teuer und benötigt Lagerfläche. Dennoch ist ein Direktinvestment möglich, etwa über den Auktionshandel oder einen Anbieter von solchen Investments. Weinfonds haben in Deutschland nie ihren Durchbruch erzielen können. Das habe an einer falschen Einkaufspolitik gelegen, kommentiert Brodbecker. In anderen Ländern sieht die Situation anders aus: In Großbritannien investieren sogar Pensionskassen und Versicherer in Weine.

Wie bei Luxusgütern üblich, ist der Markt ineffizient und illiquide. Es bedarf also enormen Wissens, um die Marktsituation einschätzen zu können. Deshalb bieten sich diese Investments eher für Weinliebhaber an. Wer trotzdem Chancen nutzen möchte, der sollte Aktiengesellschaften aus dem Weinsektor im Auge behalten. Eine andere Möglichkeit ist das Investment in Weingüter, um ideenreiche Winzer finanziell zu unterstützen. //




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