Ein aktuelles Beispiel ist der Handelsstreit zwischen den USA und China. Es gibt viele Herangehensweisen an dieses Thema und die Interessenlage (insbesondere innerhalb der USA) ist nicht eindeutig. Aber die folgende Abwägung erklärt das bisherige Geschehen relativ gut: Trump möchte im nächsten Jahr wieder gewählt werden und kann seinen Anhängern bislang nichtmal eine Mauer vorweisen. Auch seinen Versprechen zu vorteilhaften Handelsbeziehungen, einem wirtschaftlichen Aufschwung wurde er bisher nicht gerecht. Xi dagegen kann mit seinem Volk und seiner Partei im Grunde machen, was er will. In dieser Situation greift die alte Wirtschafts-Weisheit: If you want a deal badly, you get a bad deal.

Diese Überlegung legt nahe, dass Trumpden Deal dringender braucht als Xi. Der US-Präsident möchte eine Rezession im Wahljahr um jeden Preis vermeiden. Daher könnten die Amerikaner sich daher bald auf einen kosmetisch schönen, aber inhaltlich leeren Deal einlassen. In der Auseinandersetzung mit den Europäern steht es nicht viel anders. Realitäten haben die Tendenz, sich irgendwann gegen die Rhetorik durchzusetzen. Es besteht also kein Grund, die Aktienquoten auf Grund der Furcht vor einem Handelskrieg zu reduzieren.

Brexit entspannter sehen

Ähnliche Überlegungen führen dazu, den Brexit entspannter zu sehen als es in den Medien generell geschieht. Keine der derzeitigen Austrittsvarianten (No-Deal oder der May-Deal) sind im Interesse eines nennenswerten Teils der Bevölkerung. Die politischen Wettmärkte vertreten daher schon seit langer Zeit die Auffassung, dass das Vereinigte Königreich auch im April noch zur EU gehören wird. Der mit einem Austritt verbundene Vermögens- und Bedeutungsverlust kann nur demjenigen egal sein, der entweder viel Geld hat oder am staatlichen Tropf hängt. Diese Bevölkerungsgruppen sind aber nicht groß genug, um dauerhaft zu dominieren. Wir können daher das Drama im Parlament getrost als Unterhaltung ansehen und uns in unserer Kundschaftertätigkeit auf tatsächliche Verschiebungen in der Interessenlage konzentrieren. Dies sind Beispiele für aktuelle Interessenlagen, die es täglich zu sortieren gilt und die sich auch kurzfristig ändern können.

langfristige Weltsicht ist entscheidend

Wichtiger ist die Weltsicht. Sie ist eine langfristige Theorie, die Tages- und sogar Jahresgeschäfte überspannt. Das ist das große Gerüst der wirtschaftlichen Realitäten, in dem die einzelnen Interessenskonstellationen ihren wechselnden Platz finden. Hier sind der Brexit, Trump und Xi nur Fußnoten. Darin geht es um die großen Zyklen von Innovation und Stagnation, um Aufbruch und Verknöcherung, um die Verschiebung von wirtschaftlichen und politischen Gewichten auf der Welt. Unser Weltbild ist derzeit gekennzeichnet vom andauernden wirtschaftlichen Bedeutungsverlust Europas, von der Digitalisierung immer weiterer Bereiche und der säkularen Stagnation.

Ein Fondsmanager muss den Übergang zwischen Theorie und Praxis meistern, die Übersetzung abstrakter Regeln im täglichen Handeln. Dies leistet bei Kant die Urteilskraft. Die Fähigkeit zu Urteilen ermöglicht es uns erst, unsere Regeln, Einsichten und Theorien in der Welt anzuwenden. Ohne sie legt man besser kein Geld an und hält sich zurück.

Die Marktbedingungen bleiben unterdessen freundlich. Die positive Tendenz in Aktien und Unternehmensanleihen wird uns noch eine Weile begleiten. Für diese Annahme sprechen eine Reihe guter theoretischer Gründe. Fondsmanager müssen sich derzeit hauptsächlich um die Umsetzung Gedanken machen, und die geeigneten Papiere auswählen. In den nächsten Monaten dürfte vor allem Urteilskraft gefragt sein.




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