Wenn Bullen sich vor Bären fürchten

Im folgenden Marktausblick erklärt Joseph V. Amato, Vorsitzender und Chief Investment Officer – Equities bei Neuberger Berman, warum sich jetzt eine gute Gelegenheit bietet, sich von hoch bewerteten Aktien zu trennen und in defensive Titel umzuschichten.

Zu Jahresbeginn haben Investoren davor gewarnt, dass sich der Konjunkturzyklus bis zum Ende des Jahres 2018 seiner späten Phase annähern könnte. Schätzungen zufolge würde das starke Wachstum der Unternehmensgewinne die Märkte noch eine Weile antreiben können. Diese Entwicklung böte demnach die Chance, sich von hoch bewerteten Aktien zu trennen und in defensivere Titel umzuschichten.

Diese Erwartungen bewahrheiteten sich ausgerechnet im Halloween-Monat Oktober. Es kam zu einem Ausverkauf, bei dem die Kurse an einem Tag um mehrere Prozentpunkte fielen und an anderen Tagen heftig schwankten. Dem S&P 500 drohte eine zehnprozentige technische Korrektur.

Halloween dauert nur einen Tag, und schon bald beginnt die Weihnachtszeit. Eine Zeit, in der die Aktienkurse meist stark zulegen. Bisher hatten im November die Optimisten die Nase vorn. Bedeutet dies, dass der Oktober günstig gewesen wäre, um neue Positionen einzugehen?

Die Bären setzten zum Sprung an

Auf den ersten Blick schien der Ausverkauf im Oktober nicht viel mit den wirtschaftlichen Fundamentaldaten zu tun zu haben. Letzte Woche wurden sehr gute neue amerikanische Bruttoinlandsprodukt-Daten (BIP) bekannt gegeben. Auch dass die Unternehmensgewinne in den USA nicht mit den Quartalen zuvor Schritt halten konnten, überraschte niemanden. Und doch übertrafen mehr Unternehmen die Analystenerwartungen – sogar mit größerem Abstand als langfristig üblich.

Andererseits zeichnete sich diese Berichtssaison dadurch aus, dass die Unternehmen weniger optimistisch in die Zukunft blicken. Investoren straften General Electric ab, als der Konzern seine Dividende massiv kürzte. Auch Google und Amazon fielen kräftig, als sie die Umsatzerwartungen verfehlten, auch wenn sie die Gewinnerwartungen übertrafen. Apple bekam es nicht gut, dass der Konzern in Zukunft keine Absatzzahlen mehr veröffentlichen will. Small Caps und eher zyklische Titel verloren zweistellig. Die Bären reagierten heftig, wenn Unternehmen ihre Umsatzziele nur knapp verfehlten – und die Kurse fielen sogar, wenn die Ziele nur knapp übertroffen oder zurückhaltende Zukunftserwartungen geäußert wurden. Das galt insbesondere für zyklische Unternehmen.

Aber auch außerhalb der USA zeigten sich die Bären.

Die bisherige europäische Gewinnsaison enttäuscht und die jüngsten Einkaufsmanagerindexdaten (PMIs) sind schwach. Dem offiziellen chinesischen PMI zufolge schwächelten Industrie- und Dienstleistungskonjunktur sowie Exportaufträge noch weiter, sodass der Renminbi auf den niedrigsten Wert seit über zehn Jahren fiel. Auch die PMIs der großen asiatischen Exportnationen – Taiwan, Malaysia und Thailand – zeigten letzte Woche eine Rezession an, just als bekannt wurde, dass die USA Zölle auf die restlichen Importe aus China planen.

Neben einigen scharfen Äußerungen der Fed sind die Risiken, also ein längerer Abschwung in Europa sowie China und die Folgen der Zölle, genauso eingetreten, wie am Anfang des Jahres prognostiziert wurde. Im Oktober wurden sie dann Realität. Seither blicken die Investoren über den Tellerrand und nehmen mehr wahr als die derzeitigen hohen Unternehmensgewinne in den USA. Die für alle entscheidende Frage ist also, wo wir im Konjunkturzyklus stehen.

Spätzyklische Korrektur

Neuberger Berman geht davon aus, dass der jüngste Ausverkauf am Markt eher eine spätzyklische Korrektur als ein Hinweis auf das Ende des Zyklus ist. Dennoch sind die Chancen im Oktober zum Positionsaufbau nicht mit den Anfängen von 2016 gleichzusetzen, als es einen ähnlichen Gegensatz zwischen nervösen Märkten und scheinbar stabilen Fundamentaldaten gab. Der Konjunkturzyklus ist heute einfach zwei Jahre weiter fortgeschritten

Können auf dem derzeitigen Niveau US-Aktien noch um fünf bis zehn Prozent steigen? Mit Sicherheit. Höhere Kursgewinne sind perspektivisch jedoch eher unwahrscheinlich solange sich die Zahlen aus Europa nicht wieder verbessern, China auf zusätzliche massive Konjunkturprogramme verzichtet, nicht klar ist, wie lange der Konjunkturzyklus anhält oder wann die Fed ihre Zinserhöhung abschließt. Schon jetzt wird der S&P 500 Index bei einem Stand von 2.740 Punkten fast zum 16-Fachen der für das nächste Jahr erwarteten Gewinne gehandelt.

Vermutlich waren die Ängste im Oktober übertrieben und es ist davon auszugehen, dass Aktien durchaus noch zulegen können. Doch die Sorge vor einer Konjunkturwende bleibt berechtigt: Wir sind davon überzeugt, dass zukünftige Kursrallyes erneut eine gute Gelegenheit sind, allmählich in defensivere Titel umzuschichten.

Halloween dauert nur einen Tag, doch die heftige Marktkorrektur im Oktober wird so schnell nicht vergessen sein.




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