Zögern lohnt sich nicht!

Washington, Peking, Syrien und Frankreich: Felix Herrmann, Kapitalmarktstratege für Deutschland, Österreich und Osteuropa bei BlackRock, ordnet das aktuelle Weltgeschehen mit Blick auf die Märkte ein. Ein Gastkommentar.

Konjunkturdatenarithmetik

Donald Trump stand in der vergangenen Woche abermals im Scheinwerferlicht der Weltöffentlichkeit. Sein erstes mit Spannung erwartetes Treffen mit dem chinesischen Präsidenten Xi, das sich letztlich nicht über den Status eines ersten Kennenlernentreffens hinausentwickelte, lieferte keine Erkenntnisse darüber, wie sich der Handel zwischen den beiden Großmächten zukünftig verändern könnte. Keine Worte über Strafzölle, aber auch keine konkreten Andeutungen dahingehend, dass Trump von seiner China-kritischen Sicht abgewichen ist. Man wolle sich jedoch in den nächsten 100 Tagen erneut zu Handelsgesprächen treffen. Der bange Blick vieler Schwellenländer, die von einem starken China abhängen, in Richtung Washington dürfte sich somit nicht allzu bald verflüchtigen.

Überschattet wurde das Treffen zudem von dem Militärschlag der US-Amerikaner in Syrien, der Anleger spürbar verunsicherte und sie in sichere Häfen wie US-Staatsanleihen oder Gold trieb. Auch der Ölpreis kletterte. Syrien spielt zwar bei der Ölproduktion nur eine untergeordnete Rolle. Syriens Verbündete Russland und Iran sind jedoch Produktionsschwergewichte. Sollten sich die Fronten zwischen den Ländern weiter verhärten, könnte dies dem Ölpreis genauso weiteren Auftrieb verleihen wie dem Goldpreis.

Nach der Zinsanhebung im März und etwas früher als eigentlich erwartet, rückte auch die US-Notenbank in der letzten Woche in den Fokus. Nicht etwa, weil ein schwächer als erwarteter Stellenzuwachs am US-Arbeitsmarkt im März etwas an dem eingeschlagenen Zinsänderungspfad der US-Notenbank ändern dürfte, sondern weil das Protokoll der letzten Fed-Sitzung mit einem interessanten Detail aufwartete. Mehreren Notenbankoffiziellen in den USA scheinen offenbar Zinsanhebungen allein in punkto geldpolitischer Straffung nicht mehr auszureichen. Der mögliche Plan: Gegen Ende des Jahres könnte damit begonnen werden, die im Rahmen der QE-Programme angewachsene Fed-Bilanz zu schrumpfen. Sollten die in Notenbankbesitz befindlichen und fällig werdenden Anleihen nicht „gerollt“ werden – also die sich ergebenden Mittelrückflüsse nicht reinvestiert werden – würde die Bilanz von aktuell 4,5 Billionen US-Dollar langsam zu schrumpfen beginnen, was letztlich einer Zinsanhebung gleich käme. US-Renditen, insbesondere im Bereich des „Kurvenbauchs“ sowie am langen Ende der Kurve, dürften in der Folge noch etwas schneller ansteigen.

Viele US-Notenbanker vertrauen dem Protokoll zufolge offenbar darauf, dass die harten Wirtschaftsdaten aus den USA (aber nicht nur aus den USA) den sehr starken „weichen“ Frühindikatoren (wie zum Beispiel den Einkaufsmanagerindizes) nachfolgen. Die Lücke, die sich zwischen diesen beiden Datenfamilien in den USA aufgetan hat, ist so groß wie fast 30 Jahre nicht mehr. Dies birgt Risiken – genauso wie Chancen. Insgesamt bestehen aus unserer Sicht jedoch nicht nur in den USA berechtigte Hoffnungen, dass die harten Wirtschaftsdaten den weichen Frühindikatoren trotz der mittlerweile beträchtlichen Diskrepanz nachfolgen werden. Bereits in der kommenden Woche könnte die Veröffentlichung der Daten zur Industrieproduktion in der Eurozone zu einer Schließung der europäischen Lücke beitragen.

Was bedeutet das für Anleger?

Dass die Zinsen mittelfristig steigen dürften, ist angesichts des sich aufhellenden wirtschaftlichen Umfeldes weitestgehend Konsens. Die vergangene Woche hat jedoch abermals gezeigt, dass dieser Anstieg äußerst langsam und mitnichten schnurgerade verlaufen dürfte. Technische Faktoren, wie zum Beispiel der große Anlagenotstand vieler Investoren, haben zur Folge, dass Zinsanstiege oft als Zukauf- oder Einstiegszeitpunkt an den Rentenmärkten genutzt werden und der Zinsanstieg somit immer wieder gebremst wird.

In Europa wird die Lage am Rentenmarkt insofern immer heikler, als dass das Zinsniveau aus unserer Sicht schon lange nicht mehr die verbesserte wirtschaftliche Lage widerspiegelt. Das gilt insbesondere für Deutschland. Sowohl Staats- als auch Unternehmensanleihen muten angesichts des absehbaren Endes des EZB-Ankaufprogramms in 2018 immer teurer an. Wir empfehlen daher, den Blick, wenn auf Europa, dann auf nachrangige Unternehmensanleihen (vor allem im Bankensektor) und ansonsten eher auf die Unternehmensanleihemärkte in den USA zu richten, wo das Zinsniveau höher ist und entsprechend besser gegen Zinsanstiege absichert. Ganz generell empfehlen wir bei europäischen Anleihen nun eine Untergewichtung.

An den Aktienmärkten geht in der Osterwoche das Warten auf die französische Präsidentschaftswahl langsam in die heiße Phase. Zwei Dinge machen Anleger in Bezug auf die Wahl nervös und lassen die Volatilität steigen. Erstens der hohe Anteil der unentschiedenen Wähler und zweitens die Unsicherheit, derer, die in den Umfragen angeben, für Macron stimmen zu wollen. Offenbar ist jeder zweite potenzielle Macron-Wahler noch nicht sicher, ob er in der kommenden Woche wirklich für den Newcomer der französischen Politik stimmen wird. Le-Pen-Wähler sind sich ihrer Sache offenbar deutlich sicherer. Eine Wahlniederlage Le Pens im zweiten Wahlgang bleibt dennoch ganz klar unser Kernszenario.

Einige Anleger, insbesondere jene, die die Rallye an den Aktienmärkten seit der US-Wahl verpasst haben, warten derweil auf einen Rücksetzer, um dann in die Märkte einzusteigen. Diese Strategie ist aus verschiedenen Gründen nur bedingt ratsam. Zum einen ist ein Rücksetzer – auch, wenn man ihn als noch so „gesund“ einstufen könnte – keineswegs sicher. Ein deutlicher Sieg Macrons würde möglicherweise weiteres Kurspotenzial freisetzen. Zum anderen gibt jeder, der nicht investiert ist, die Chance für Kursgewinne bis zu einem möglichen Rücksetzer auf. Außerdem dürfte ein etwaiger Rücksetzer an den Aktienmärkten nicht allzu groß ausfallen, gerade weil so viele Investoren auf einen Markteinstieg lauern. Schnell könnte der Rücksetzer korrigiert werden. Die Devise lautet also: Zögern lohnt sich nicht!




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