Vom Steak-Experiment zur digitalen Hyper-Economy

Wer über die Technik der Blockchain spricht, starrt oft spätestens nach der ersten Runde in gelangweilte oder verständnislose Gesichter. Anwendungen sind da wesentlich leichter zu sehen und auch, wie man damit Geld verdienen kann. Zwei Bilder zur Blockchain von Karsten Müller, Geschäftsführer ChainBerry Asset Management GmbH.

Als meine Tochter irgendwann nach der Blockchain (meinem Job) fragte, malte ich folgendes Bild: „Stell dir die Blockchain als eine weltumspannende Legoplatte vor. Jeder hat Zugriff auf die Platte und kann auf die Knöpfe drücken. So kann er mit jedem anderen Knopf auf der Platte etwas austauschen. Jeder kann mit jedem Geschäfte machen und zwar direkt, ohne Einbeziehung eines Dritten, der alles koordiniert und überwacht. Keiner muss seine Eltern fragen.“ Das war verständlich. Seither benutze ich das Bild der Legoplatte auch gern im Erwachsenenkreis. Doch irgendwann reicht dann auch die Legoplatte für Erklärungen nicht mehr aus. Ja, Blockchain erspart uns die Mittler, aber sonst?

Hier kommt ein Experiment aus den USA ins Bild: 200 Familien – keine Vegetarier – sollten ihren Steakkonsum optimieren. Jede Familie sollte in den nächsten drei Monaten versuchen, fortlaufend zu planen, wann und in welcher Menge Steaks auf den Tisch kommen. Dann konnten alle ihre Steakbestellungen in einem börsenartigen System für jeden Liefertag der nächsten Monate online ordern. Ein Fleischereibetrieb lieferte nach Wunsch aus einem bestimmten Kontingent. Dabei gab es Nebenbedingungen: Georderte Steaks durften bis kurz vor dem Liefertermin wieder verkauft werden. Untersagt war es allerdings, bereits gelieferte Steaks einzufrieren und später zu verzehren oder dann wieder zu verkaufen. Die Familien planten: Wann sollte es welche Steakmahlzeiten geben, welche Besuche von Gästen waren absehbar? Und gaben ihre Orders ins Börsensystem ein.

Es dauerte nicht lange, da begannen die Preise stark zu schwanken. So hatte eine Familie vielleicht für eine Lieferung in 14 Tagen Steaks für 40 US-Dollar gekauft. Jetzt wurden für diesen Liefertermin bereits 60 US-Dollar aufgerufen. Möglicherweise hatte sich für diesen Tag bei anderen Familien unerwarteter Besuch angekündigt und es musste nachgeordert werden. Aber, und das überraschte sehr: Die Steaks waren eine Woche später für lediglich 20 USD zu haben. Hier hatte wohl jemand umdisponieren und seine Ware wieder verkaufen müssen. Die Familie beschloss, das eigene Barbecue um eine Woche zu verschieben. Die georderten Steaks wurden also wieder verkauft und für sieben Tage später erneut bestellt. Die Rechnung lautete: – 40 $ + 60 $ – 20 $ = 0 $. Für die Familie wäre die Mahlzeit demnach kostenlos. So dachten und handelten auch die anderen Familien.

Die Ergebnisse nach drei Monaten Experiment waren verblüffend: Fast alle Teilnehmer hatten deutlich weniger Geld als üblich für ihre Steakmahlzeiten ausgeben müssen, obwohl sie auf nichts verzichtet hatten. Noch erstaunlicher war, dass auch der Fleischereibetrieb auf seine Kosten gekommen war. Auch er hatte, gemessen an der Kundenzahl, ähnlich viel verdient, wie im „Echtbetrieb“. Alle sparten Geld und trotzdem verdiente der Fleischereibetrieb wie gewohnt? Das Geheimnis ist die Effizienz: Fast jede bestellte Steakmahlzeit hat auch den Weg auf den Teller gefunden und es wurde, entgegen sonstiger Gewohnheiten, fast kein Fleisch weggeworfen. Eine klassische Win-Win-Situation. Die Teilnehmer hatten Marktwirtschaft gespielt und die unsichtbare Hand des Marktes hatte dazu geführt, dass die wertvolle Ressource Steak fast perfekt unter den Familien „allokiert“ wurde. Wie gewaltig dieser Effekt sein kann, wird deutlich, wenn das kleine Experiment auf die ganze „Steak-Welt“ hochgerechnet wird: Ersparnis von 21 Millionen Tonnen Rindfleisch p. a., 760 Millionen Tonnen weniger CO2-Ausstoß. Soweit die Theorie.

Was hat der Steakmarkt mit der Blockchain zutun?

Was hat das jetzt mit der Blockchain zu tun? Den perfekten Markt in die Realität zu holen, ist unglaublich aufwändig. Kein Mensch hat die nötige Zeit dafür, nicht für ein Steak und schon gar nicht für den gesamten Rest der Einkäufe. Zudem wurde das Experiment von einen 20-Personen-Stab begleitet, der ständig überprüfte, ob alles mit rechten Dingen zuging: Wurde die Ware ausgeliefert und bezahlt, waren die Konten gedeckt oder hat jemand versucht zu schummeln? Rechnet man die Kosten dieses Stabes dazu, wären alle Vorteile der Marktwirtschaft mehr als aufgebraucht worden. Fazit: Nicht praxistauglich.

Wären die Teilnehmer zum Zeitpunkt des Steak-Experiments schon in der Lage gewesen, das ganze System auf die Blockchain abzustellen, hätte man sich große Teile des Stabes sparen können. Die Überprüfung, ob alles rechtens zugeht, hätte über die Blockchain erfolgen können. Die Kosten des Stabes wären entfallen und das Experiment damit ein Stück näher an die Praxistauglichkeit herangerückt.

Bleibt der Punkt, dass eigentlich keiner Zeit dafür hat. Aber auch hier hält die Blockchain Lösungen parat. Auf die Knöpfe der Legoplatte müssen nämlich nicht zwingend Menschen drücken. Es lassen sich auch programmierte Legosteine aufstecken, die wissen, unter welchen Umständen sie automatisch handeln sollen. Dann machen Legosteine Geschäfte miteinander, schließen Verträge und wickeln sie ab. Aktuell laufen Projekte, bei denen Legosteine in die Lage versetzt werden, miteinander die Bedingungen von Verträgen zu „verhandeln“. Zudem werden die Legosteine mit künstlicher Intelligenz versehen. So könnten sie zum Beispiel die jeweiligen Vorlieben der Teilnehmer des Steak-Experimentes „lernen“, in die Kalender der Familienmitglieder schauen oder die Steak-Preise beobachten. Mit diesen Informationen treffen sie Entscheidungen, verhandeln Bedingungen, schließen Verträge und wickeln sie ab. Damit würde den Menschen viel Arbeit abgenommen, denn das Ganze muss sich keineswegs auf Steaks reduzieren. Vieles lässt sich auf dieser Basis marktwirtschaftlich organisieren, ohne dass es unsere Zeit zu sehr in Anspruch nimmt. Und damit rücken wir der Praxistauglichkeit des Steak-Experiments nochmals ein gewaltiges Stück näher. Mit ein wenig Phantasie lässt sich erahnen, was geschieht, wenn wir diese Mechanismen auf unser gesamtes (Wirtschafts-) Leben projizieren.

Die Blockchain liefert nicht nur die Grundlage dafür, Mittler abzuschaffen. Auch die Anbahnung von Verträgen mithilfe automatisierter Verhandlungen wird möglich. Durch die Blockchain sinken die Transaktionskosten drastisch. Die Informations-, Anbahnungs- und Abwicklungskosten im Wirtschaftsleben werden auf ein Minimum reduziert. Dazu kommt eine enorme Beschleunigung des Gesamtprozesses. Da werden Erinnerungen an die Verbreitung des Internets wach. Jeder weiß selbst noch, welch enorme Beschleunigung das Wirtschaftsleben dadurch erfahren hat. Auch durch das Internet sanken die Transaktionskosten enorm, vor allem die Informationsbeschaffung wurde stark vereinfacht. Durch den Aufbau der Blockchain wird es in den nächsten Jahren eine ähnliche Entwicklung geben. Die Blockchain wird zum Enabler einer digitalen Hyper-Economy.

Und schon heute gibt es Unternehmen, die mit dem Aufbau der Infrastruktur Geld verdienen, andere arbeiten an Anwendungen, deren Erfolg sich erst in einigen Jahren zeigen wird. Aber wie die Geschichte des Internets zeigt: Es ist immer gut, früh und breit gestreut dabei zu sein, um keine Gewinnchancen zu verpassen.




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