Digitalisierung: Aus Fehlern lernen

Digitalisierungsprozesse in Unternehmen können mitunter sehr komplex sein, meint Daniel Seifert-Ziehe, Leiter Digitale Transformation, BEOS AG. Der Digitalexperte empfiehlt in seinem Gastbeitrag Gelassenheit.

Im Jahr 2012 hatten Internetpionier Sergey Brin und sein Konzern Großes vor: Die Google Glass sollte unseren Alltag in einem Ausmaß digitalisieren, wie Computer und Smartphones es niemals könnten. Die Vision dahinter war, dass wir die Welt sprichwörtlich durch die Datenbrille sehen und Augmented Reality als festen Baustein in unsere soziale Interaktion einbinden. Doch die Google Glass floppte und verschwand bereits 2015 aus dem Endkundenvertrieb.

Ein kompletter Fehlschlag war das Projekt trotzdem nicht, denn aktuell erlebt es in der Fertigung und Logistik seine Renaissance: Die Glasses visualisieren die Arbeitsabläufe und sorgen damit unter anderem bei DHL und General Electric für eine bis zu zehn Prozent höhere Effizienz und eine geringere Fehlerquote. Die Nachfrage ist enorm.

Beispiele wie dieses zeigen, dass Digitalisierungsprojekte häufig nicht linear verlaufen – und dass Scheitern ein Teil des Weges zur Innovation sein kann. Deshalb ist eine „Trial and Error“-Mentalität wichtig. Das gilt auch für den digitalen Strukturwandel von Immobilienunternehmen. Aber warum ist es so wichtig, das Scheitern zu kultivieren? Um diese Frage zu beantworten, ist zunächst ein Blick auf die anstehenden Herausforderungen für die Branche nötig.

Das Immobiliengeschäft wird zunehmend digital

Obwohl die Disruption in der Immobilienwelt nicht so spektakulär verläuft wie beispielsweise im Einzelhandel, passen sich die Geschäftsmodelle der fortschreitenden digitalen Transformation kontinuierlich an. Vor allem im Bereich der gewerblichen Vermietung werden die standardmäßigen Mietverträge zunehmend um ein Pay-per-Use-Modell erweitert: Moderne Sensortechnik auf IoT-Basis in Verbund mit einer Blockchain ermöglicht die minutengenaue Vermietung von Parkplätzen, Meetingräumen oder Lagerflächen. Der Mieter zahlt nur noch für die Fläche, wenn er sie tatsächlich nutzt. Aber auch die Erfassung von Mängeln sowie das Echtzeit-Reporting der wichtigsten Zahlen und Fakten an den Eigentümer der Immobilie wird immer wichtiger.

Aktuell gibt es kaum Referenzprojekte, die zeigen, welche der dafür infrage kommenden neuen Hardware- und Softwarelösungen marktgängig sind und welche nicht. Immobilienunternehmen müssen daher schlichtweg ausprobieren, wie gut ein System funktioniert.

Wichtig ist, aus Fehlern zu lernen

Die Einführung neuer Hard- oder Software erfordert in der Regel hohe Investitions- beziehungsweise Lizenzkosten und großen Personalaufwand. Je spezifischer das Anwendungsgebiet, desto komplexer die Implementierung. Häufig vergehen mehrere Monate, bevor die Anwendung flächendeckend zum Einsatz gebracht werden kann.

Die Schwierigkeit dabei ist, dass sich der effektive Nutzen der jeweiligen IT-Lösung erst ab diesem Zeitpunkt vollumfänglich zeigt. Und manchmal zeigt er sich selbst dann nicht. Hin und wieder kommt es vor, dass Projekte abgebrochen werden müssen. Entweder weil die Software nicht ausgereift ist oder einfach, weil der neue Prozess nicht in die Unternehmensstrukturen passen will. Häufig sorgt ein Zusammenspiel mehrerer Gründe dafür, dass sich am Status quo des Projekts nichts mehr ändert und langfristig keine Besserung zu erkennen ist.

In diesem Fall sollte dem guten Geld kein schlechtes hinterhergeworfen werden. Genauso wichtig ist jedoch, wie das Team anschließend mit einem solchen Fehlschlag umgeht. Wenn sich alle Beteiligten offen damit auseinandersetzen, was falsch gelaufen ist, lassen sich Ideen und Anhaltspunkte ableiten, um das nächste Vorhaben zu einem Erfolg zu machen. Dadurch kann selbst ein gescheitertes Projekt Wissen generieren. Oder anders gesagt: Wer lernt, „schöner“ zu scheitern, erhält die Chance, dass später etwas Neues entdeckt und ein Alleinstellungsmerkmal für die Firma generiert wird. Exakt so, wie es bei der Datenbrille Google Glass passiert ist.

Digitalisierung bedeutet Kulturwandel

Wenn ein Immobilienunternehmen eine möglichst gute Ausgangsbasis für die eigene digitale Transformation schaffen will, muss es deshalb mehr als technisches Know-how mitbringen. Auch die nicht technischen Aspekte der Digitalisierung prägen das Innovationsklima eines Unternehmens maßgeblich. Die Branche hat das erkannt und sich einem tiefgreifenden Kulturwandel verschrieben.

Zugegeben: Manchmal herrschen hie und da noch eine gewisse Baustellenmentalität und ein lineares Fortschrittsdenken – erst das Fundament, dann die Wände, zuletzt das Dach. Das wandelt sich jedoch zusehends. Projektpläne mit fester Zeitleiste und den allseits gefürchteten Pflichtenheften weichen einem agilen und basisdemokratisch organisierten Projektmanagement.

Damit verbunden ist die Abkehr von starren Abteilungsstrukturen zugunsten einer interdisziplinären und projektbezogenen Arbeitsweise. Die Spezialisten verschiedenster Fachgebiete versammeln sich am reellen oder virtuellen Konferenztisch und diskutieren offen über den Projektfortschritt. Die Mitarbeiter werden ermutigt, eigene Ansätze und Ideen einzubringen – und eben auch das Scheitern nicht zu stigmatisieren.

Letztlich geht es für Immobilienunternehmen darum, auf Basis eines modernen digitalen Ökosystems die Antworten auf folgende Fragen finden: Wie kann ich auf die immer schneller wechselnden Wünsche meiner Mieter optimal reagieren? Welche Möglichkeiten habe ich, den Cashflow der von mir gemanagten Immobilien zu verbessern? Und wie lassen sich moderne digitale Prozesse so in die Unternehmensstrukturen integrieren, dass sich in Abgrenzung zur Konkurrenz neue Angebote beziehungsweise Dienstleistungen bilden? Eine Mentalität auf Basis von Trial and Error ermutigt die Mitarbeiter hierbei, auch unkonventionelle Lösungswege zu durchdenken und Neues einfach zu versuchen. Und wer weiß, vielleicht erlebt die Immobilienbranche ja ein ähnliches „Brillenphänomen“. Es ist gut möglich, dass sich eine bahnbrechende Idee, die das Immobilien- und Vermietungsmanagement neu definiert, aus einem ursprünglichen Plan B entwickelt.

 




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