Ein Rezept für Gründer, bitte!

Deutschland galt lange als die Apotheke der Welt. Doch wie lange kann der Standort mithalten? Michael Motschmann, Vorstand und General Partner des Wagniskapitalgebers MIG AG, erörtert am Beispiel der Biotechnologie die grundlegenden Probleme für die Finanzierung junger Unternehmen: Warum fehlt es an genügend Startkapital?

Die wichtigste Zukunftsaufgabe der deutschen Wirtschaft besteht darin, die außergewöhnlichen Ingenieurtugenden hierzulande mit dem digitalen unternehmerischen Gestaltungswillen, den wir beispielsweise in den USA, aber auch in China beobachten, zu verbinden. Wir können darauf vertrauen, dass deutsche Ingenieure, Forscher und Entwickler ihren Weltruf auch in Zukunft verteidigen werden. Deutsche Firmen, Hochschulen und Forschungseinrichtungen wie das Max-Planck-Institut werden dafür sorgen. Weniger optimistisch bin ich bei der Bewältigung der Aufgabe, die vielen ausgezeichneten Ansätze, Patente und potenziellen Innovationen auch wirklich marktreif und markterfolgreich zu machen.

Hier wies Deutschland schon in der Vergangenheit Schwächen auf, die uns einen hohen volkswirtschaftlichen Preis abverlangt haben. Diese These lässt sich am Beispiel der Pharma- und Biotechnologiebranche, in der die von uns verwalteten MIG Fonds intensiv investiert sind, gut erläutern. Deutschland war einmal die Apotheke der Welt, hat jedoch auch durch den Siegeszug der Biotechnologie die führende Position bei der Entwicklung und Vermarktung von neuen Medikamenten verloren. Dabei sehen wir ein immer wiederkehrendes Muster. In den deutschen Laboren wird exzellent geforscht. Doch das Geschäft machen dann andere.

Die deutsche Biotechnologie steht international nicht dort, wo sie stehen könnte. Die großen Biotech-Konzerne kommen allesamt aus den USA. Die Größenordnungen sind dabei beeindruckend. In den USA sind in den vergangenen Jahrzehnten aus kleinen biotechnologischen Start-ups Giganten entstanden, die in der weltweiten Pharmabranche die Maßstäbe mit setzen. Die vier Vorzeigeunternehmen Amgen, Celgene, Biogen und Gilead Sciences bringen derzeit rund 350 Milliarden Euro an Marktkapitalisierung auf die Waage, eine gewaltige Erfolgsgeschichte, aber nur die Spitze des Eisberges. Genzyme beispielsweise wurde 2010 von dem europäischen Pharmaunternehmen Sanofi für über 20 Milliarden US-Dollar gekauft. Und Roche bezahlte für die Komplettübernahme von Genentech rund 100 Milliarden US-Dollar.

Die Mechanik funktioniert in den Vereinigten Staaten so gut, weil es für junge Unternehmen der Biotechnologie eine große Nachfrage am Kapitalmarkt gibt. Es sind also nicht nur die allseits bekannten IT-Innovationen aus dem Silicon Valley, denen der Weg an die Börse in den USA offensteht, sondern risikobereites Kapital fließt auch massiv in Unternehmen, die im Labor die Medikamente von morgen entwickeln. Jährlich gibt es Dutzende von Biotech-IPOs in den USA, die jeweils mehrere hundert Millionen US-Dollar einspielen und die mit diesem frischen Geld Forschung, Entwicklung und Vertrieb im großen Stil aufbauen. Mit großer Wahrscheinlichkeit befinden sich unter diesen jungen Börsenfirmen von heute die nächsten Amgens, Gilead Sciences und Biogens.

Und in Deutschland, wie steht es bei uns um den biotechnologischen Fortschritt? Es mangelt an neuen innovativen Start-up-Unternehmen, die es bis in die oberste Liga schaffen. Morphosys, der vermutlich erfolgreichste deutsche Biotech-Start-up der vergangenen Jahre, verfügt nach 25 Jahren seines Bestehens aktuell über eine Marktkapitalisierung von gerade einmal zwei Milliarden Euro. Andere Vorzeige-Unternehmen der Branche wie CureVac, Immatics oder BioNTech haben den Sprung an den Kapitalmarkt möglicherweise noch vor sich. So lobenswert diese Ansätze für sich genommen jeweils sind, für den Standort Deutschland passiert quantitativ viel zu wenig, um international langfristig wirklich mitspielen zu können. Andere erfolgreiche deutsche Start-ups der Biotechnologie wie Ganymed, Rigontec oder Suppremol landen bei ausländischen Pharmakonzernen und gehen dem hiesigen Standort damit zum größten Teil verloren.




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