Eine Lücke von 60 Milliarden

Drei Fragen an den Vorstandsvositzenden des Bundesverbands Deutscher Start-ups: Global Investor widmet sich in seiner kommenden Ausgabe der Finanzierung von Wachstumsunternehmen. Auftakt: Was sagt Florian Nöll zu den Trends der Stunde?

Welche Trends sehen Sie in der deutschen Start-up Szene?

Um Einschätzungen über die Zukunft zu geben, lohnt ein Blick in die Vergangenheit. Wenn man sich die Entwicklung des Startup-Ökosystems in den vergangenen 15 Jahren anschaut, dann entwickelt es sich in Wellen und Trends. In der ersten Entwicklungsphase war beispielsweise die E-Commerce-Branche eine tragende Säule des Ökosystems, mittlerweile werden nur noch sehr wenige E-Commerce-Start-ups gegründet. Dann wurden vor ein paar Jahren vermehrt FinTechs gegründet, die die Banken herausfordern und den Markt grundlegend verändert haben. Momentan geht der Trend zu Start-ups, deren Geschäftsmodelle auf Künstlicher Intelligenz und Machine Learning basieren. Startups sind immer die ersten Anbieter technologischer Innovationen, daher sind die Trends, in denen sich das Start-up-Ökosystem weiterentwickelt, unmittelbar an technologische Sprünge gekoppelt. Weil die Technologie im Bereich der Künstlichen Intelligenz gerade eine dynamische Entwicklung nimmt, drängen hier viele Start-ups auf den Markt.

Wie hat sich dieses Jahr die Venture-Capital-Landschaft entwickelt?

Die VC-Landschaft hat sich durchaus positiv entwickelt, auch wenn immer noch Luft nach oben ist, wie immer und überall. Es gibt in Deutschland eigentlich eine Menge privates Kapital. Leider findet es aber noch viel zu selten den Weg in dynamische Start-ups. Laut dem EY Start-up-Barometer flossen im ersten Halbjahr 2017 gut 2 Milliarden Euro Wagniskapital in deutsche Start-ups, davon jedoch allein 700 Millionen in zwei einzelne Deals. Das ist deutlich zwar mehr als im Vorjahreszeitraum, doch verglichen mit den USA hinkt der deutsche VC-Markt weit hinterher. Die Wagniskapital-Lücke zu den USA beträgt 60 Milliarden Euro.

Ein Vorschlag um hier Abhilfe zu leisten: Institutionelle Anleger wie Versicherungen und Pensionskassen müssen für Investitionen in Start-ups geöffnet werden. Dazu müssen die gesetzlichen Restriktionen, die solche Investitionen verhindern, entsprechend liberalisiert werden. Kapitalsammelstellen sollen zumindest ein Prozent ihres Vermögens in Technologie und Start-ups – also in VC-Fonds – investieren dürfen. In den USA wird das schon lange erfolgreich praktiziert.

Eine weiterer extrem spannender wie auch komplexer Themenkomplex sind ICO’s. Kryptowährungen, ICO’s und Token-Sales haben das Potential das VC-Geschäft grundlegend zu verändern. Genaue Vorhersagen kann man hier allerdings aufgrund der Komplexität und den vielen unabhängigen Variablen in diesem Bereich aber noch nicht treffen.

Wie schätzen Sie die Positionierung Deutschlands im innovationslastigen Gründungsgeschehen im Vergleich zu Europa und andere Regionen der Welt ein?

Vergleichen wir uns mit den USA oder Isreal, hinken wir, was echte Hightech-Gründungen angeht, sehr weit hinterher. Das Paradoxe daran: An unseren deutschen Universitäten wird Forschung auf Weltniveau betrieben. Teilweise gelangen die Forschungen auch bis zu einer Marktreife. Doch spätestens dann ist Schluss. Diese in Deutschland entwickelten Technologien auch vorort zu vermarkten und zu monetarisieren, klappt aus verschiedenen Gründen nicht. So wurde beispielsweise die MP3-Technologie oder die Technologie, die es braucht um Musik und Filme im Internet zu streamen, in Deutschland entwickelt. Doch die großen ökonomischen Erfolge feiern Unternehmen außerhalb Deutschlands mit der Vermarktung dieser Technologien. Die USA und Israel schaffen es den nötigen letzten Schritt zu gehen. Das Thema Hochschul-Spinoffs wird also in den kommenden Jahren eine sehr wichtige Baustelle sein.

 

 




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