Früh übt sich …

Frühe Finanzierungen werden für Investoren immer interessanter, denn Venture Capital bietet langfristig mehr Rendite. Dr. Peter Güllmann, Leiter Bereich Unternehmens-
und Infrastrukturfinanzierung der NRWBank, über die Bedeutung von Frühphasenfinanzierung.

Bochumer Medizintechniker phenox GmbH entwickelt und vertreibt mit 130 Mitarbeitern lebensrettende Produkte zur Behandlung von Aneurysmen und Schlaganfällen. Mit seinem jährlichen prozentualen Wachstum gehört er laut dem Statistikunternehmen Statista 2016 zu den deutschen „Wachstumschampions“ und besten acht Unternehmen im Bereich Elektronik, Elektro- und Medizintechnik. Ein Erfolg, der auch auf gelungene Frühphasen-Finanzierung zurückgeht, als das Unternehmen noch drei Mitarbeiter hatte. Aktuelle Zahlen des Bundesverbands Deutscher Kapitalbeteiligungsgesellschaften (BVK) zeigen: Die Finanzierung verschiebt sich von Later-Stage-Venture-Capital hin in die Frühphasen. Im ersten Halbjahr 2017 hat sich die Seed-Finanzierung von 33 Millionen Euro im Vorjahreszeitraum auf 66 Millionen Euro verdoppelt. Start-ups konnten 240 Millionen Euro statt 177 Millionen Euro von deutschen und ausländischen Kapitalgebern einsammeln. Anders sieht es bei Later-Stage-VC aus. Das Angebot halbierte sich nahe zu von 219 Millionen Euro auf 127 Millionen Euro in 2017.

Sowohl für Gründer als auch für Investoren ist es eine Herausforderung, für jede Finanzierungsphase den richtigen Partner zu finden. Zumal es branchenspezifische Ansprüche von beiden Seiten gibt. So tut sich ein App-Anbieter bei den Entwicklungskosten und dem Roll-out sehr viel leichter als ein Medizintechnik- Anbieter.

Für die NRW-BANK ist das Beteiligungsgeschäft ein integraler Bestandteil einer Förderbank. Es entspricht ihrem strategischen Grundsatz, Innovationen und schnelles Wachstum junger Unternehmen zu fördern. Ebenso wie sie deren Lebenszyklus entsprechend auch danach noch bei Nachfolgelösungen, Restrukturierungen oder Konsortialkrediten begleitet. Die Bank fungiert beim Wagniskapital als Co-Investor zu gleichen Bedingungen gemeinsam mit privatwirtschaftlichen Investoren – aber ohne eine Förderdividende in Anspruch zu nehmen.

„Die Stunde der Venture-Capital-Gesellschaften schlägt meist bei der Anschlussfinanzierung“

Die Stunde der Venture-Capital-Gesellschaften schlägt meist bei der Anschlussfinanzierung. Und da ist durchaus noch Luft nach oben, wie der Vergleich mit Dänemark, Israel oder den USA zeigt. Denn vor allem bei Gründungen im aufwändigen Hightech-Bereich ist Venture Capital dank des hohen Kapitals, branchenübergreifender Netzwerke, Kontakten zu Führungskräften und zu den Finanzmärkten oft unverzichtbar. Venture Capital wirkt wie ein Gütesiegel: Nachweislich gewinnen ihre Start-ups schneller Reichweite und Marktanteile, finden später oft leichter einen Käufer. Das zeigt eine Untersuchung der School of Management der Universität Buffalo. Doch auch immer mehr klassische Unternehmen und Konzerne engagieren sich als Corporate-Venture-Capital-Anbieter in der Gründerfinanzierung. Denn Start-ups sind die Schnellboote der Innovation, während sich Konzerne mit der Durchsetzung von Innovation traditionell etwas schwerer tun. Das ist auch der Grund, weshalb viele Konzerne mittlerweile eigene Corporate-Venture- Capital-Gesellschaften gegründet haben. Sie hoffen, so schneller Innovationen entwickeln zu können, die das jeweilige Kerngeschäft voranbringen.

Doch egal ob Business Angels oder Mittelständler einen Gründer finanzieren, diffizile Themen gibt es zwischen den Parteien vom ersten Treffen bis zum Exit. Die Erwartungen der Gründer an die finanzielle und immaterielle Unterstützung durch die Investoren sind hoch. Die der Investoren an die Gründer auch: Je schneller die den Wert des Unternehmens steigern, desto rentabler ist ihr Investment. Deshalb muss Gründern bewusst sein: Eine hohe Informations- und Kooperationsbereitschaft gegenüber dem Investor ist die Grundvoraussetzung guter Zusammenarbeit. Gründer müssen zudem wissen, dass Investoren im Gegenzug für ihr Risiko Kontrollrechte einfordern. Oft gehen diese Hand in Hand mit Zahlungsvereinbarungen: Erst wenn das Unternehmen zuvor definierte Schritte erfolgreich realisiert, fließt frisches Geld.

Qualitative Erfolgsfaktoren als Kenngrößen

Gründer sollten die Rückfragen nach qualitativen Erfolgsfaktoren überzeugend beantworten und belegen können. Eine aktuelle Studie unter Wagnisfinanzierern nennt deren wichtigste Kriterien: das Wachstumspotenzial des Start-ups, das Management Team, Unique Selling Proposition gefolgt vom Exit-Potenzial.

Trifft beiderseitiges Interesse aufeinander, stehen aber auch die Investoren vor Herausforderungen. Experten raten vor allem Corporate Venture Capitals, bei Start-up-Beteiligungen zunächst genauer darauf achten, ob sie selbst nicht kurzfristige, finanzielle Interessen mit langfristigeren strategischen Erwartungen vermischen. Geht es vorrangig um einen schnellen Return on Invest oder um den Zugang zu neuen Technologien, Fachkräften und Daten für das eigene Unternehmen? Und wie sichern Investoren generell ihre Anteile – je nach dem geschäftlichen Erfolg des Start-ups? Zum Beispiel beim Verwässerungsschutz: Sinkt der Unternehmenswert bis zu einer späteren Beteiligungsrunde, kann der Investor neue Anteile zum Nominalwert erwerben oder zum Ausgleich Anteile der übrigen Gesellschafter erhalten. Bei einer zukünftigen Finanzierungsrunde kann auch bei guter Ausgangslage das Recht auf „pro rata“ wichtig werden: Der Investor hat das Recht, auch nach einer Kapitalerhöhung noch seinen ursprünglichen prozentualen Anteil am Unternehmen halten zu können.

Auch beim Wagniskapital muss am Anfang das Ende mitverhandelt werden – aufwändig bis ins Detail. Zum Beispiel die Frage, welche Gesellschafter-Mehrheiten nötig sind, um das Unternehmen später verkaufen zu können. Oder die Liquidation Preference: Was geschieht mit dem Anteil des Investors bei einem Verkauf des Unternehmens? Bekommt er sein Geld zurück oder Anteile an der Firma ausbezahlt?

Ohne Zweifel gibt es viele Herausforderungen beim Wagniskapital. Doch der Blick auf die erzielten Renditen der Private- Equity-Fonds zeigt: Langfristig liegen deren Renditen höher als solche aus Aktien, Renten oder Immobilien. So wird Wagniskapital zum Gewinn für beide Seiten. Für Gründer dank der finanziellen Starthilfe; für Investoren dank solider Erlöse trotz Niedrigzinsphase. //




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