Mikrofinanz: Kleines Geld, große Wirkung

Die Mikrofinanz hat sich in den vergangenen 20 Jahren als eigenständige Assetklasse etabliert und gezeigt, dass soziale und finanzielle Renditen keine Gegensätze sind. Eine Geschichte vom afrikanischen Kontinent.

Lucy und ihr Ehemann Wilfried, beide Lehrer, gründeten 2013 in ihrem kleinen Wohnhaus in Arusha, Tansania, ihre eigene Primarschule, die Kingdom Pre- and Primary School. Heute besuchen über 200 Schülerinnen und Schüler im Alter von drei bis zwölf Jahren ihre Tagesschule, die mittlerweile um weitere Klassenzimmer ausgebaut wurde. Lucy und Wilfried beschäftigen zudem neun Lehrer und zwei Köche. Lucy beantragte vor drei Jahren bei einem Mikrofinanzinstitut (MFIs) einen Kredit über elf Millionen Tanzania- Schilling, das entspricht etwa 4.100 Euro. So konnte sie sanitäre Einrichtungen, eine Küche und die Schulbücher finanzieren. Mit dem vergleichsweise niedrigen Schulgeld konnte sie den Kredit bereits nach 18 Monaten zurückzahlen. Rund 20 der Schülerinnen und Schüler sind jedoch Vollwaise und besuchen die Schule kostenlos. Nun bewirbt sich Lucy für einen weiteren Kredit, um das Nachbargrundstück kaufen und die Schule weiter ausbauen zu können. „Education is power“ steht auf dem Eingangstor zur Schule geschrieben.

Lucys und Wilfrieds Beispiel ist eine von vielen Geschichten von Mikrounternehmern weltweit. Es zeigt, dass bereits ein kleiner Kredit die Lebensumstände von Menschen, ihren Familien und ihrer gesamten Dorfgemeinschaft entscheidend verbessern können. Die Mikrofinanz eröffnet armen und einkommensschwachen Bevölkerungsgruppen den Zugang zu formalen Finanzdienstleistungen wie Krediten, Spareinlagen oder Versicherungen. Dadurch können sie teilhaben an elementaren Gütern wie Bildung oder Gesundheits- und Energieversorgung. Ein Mikrokredit ist also mehr als ein Darlehen. Er stärkt die ökonomische Situation und das Selbstvertrauen der Mikrounternehmer und gibt ihnen die Chance, ein eigenverantwortliches, selbstbestimmes Leben zu führen und sich und ihren Familien eine Perspektive zu bieten. James Wolfensohn, ehemaliger Präsident der Weltbank, schrieb schon 1998, dass finanzielle und soziale Inklusion der Schlüssel zu einer nachhaltigen Entwicklung sei.

Mittel zur Armutsbekämpfung und Anlageklasse

Als die UN-Generalversammlung Ende der 1990er Jahre 2005 zum internationalen Jahr des Mikrokredits ausrief, war die Mikrofinanz vornehmlich nur Entwicklungsfinanzinstitutionen, Nicht-Regierungsinstitutionen und Philanthropen ein Begriff. Zwei Jahrzehnte später hat sie sich nicht nur als effektives und markwirtschaftliches Mittel zur Armutsbekämpfung etabliert, sondern auch als attraktive Anlageklasse für private und institutionelle Investoren. BlueOrchard hat diese Entwicklung mitgeprägt. Das Unternehmen wurde auf Initiative der Vereinten Nationen als erster kommerzieller Manager von Mikrofinanzanlagen gegründet und verwaltet den weltweit ersten und größten kommerziellen Mikrofinanzfonds. Der BlueOrchard Microfinance Find (BOMF) hat den Beweis erbracht, dass ein sozial ausgerichteter Investmentfonds positive Renditen generieren kann. Anfang der 2000er-Jahre lag das in Mikrofinanzanlagen verwaltete Vermögen noch im niedrigen einstelligen Milliardenbetrag. Seitdem ist der Markt jährlich überdurchschnittlich gewachsen und verwaltet heute mehr als 20 Milliarden US-Dollar.

Betrachtet man den gesamten Impact-Investing-Markt, zu dem die Mikrofinanz gehört, so liegen die Assets under Management (AUM) bei über 228 Milliarden US-Dollar. Dieses Wachstum wird vor allem von institutionellen Anlegern wie Pensionskassen, Versicherungen, Banken oder Stiftungen getrieben, die einen immer größeren Anteil der nicht-öffentlichen Investoren ausmachen. Diese Entwicklung zeigt den gesellschaftlichen Trend zu verantwortungsvolleren Investitionen. Anleger möchten mit ihren Investitionen einen sozialen und ökonomischen Beitrag leisten. Mikrofinanzanlagen weisen auch ein ansprechendes Risiko-Rendite-Verhältnis auf, das sie für institutionelle Anleger interessant macht. Sie sind unabhängig von traditionellen Anlageklassen wie Aktien, Anleihen, oder Immobilien. Die globalen Finanz-, Wirtschafts- und Währungskrisen der vergangenen Jahre haben sich nicht auf den Mikrofinanzmarkt ausgewirkt. Mikrounternehmer agieren lokal und dekorellieren damit stark von globalen Konjunkturzyklen und der Weltpolitik. Aus Risikoüberlegungen heraus liegt der Fokus auf der Länderselektion (geografische Diversifikation), der Sektorallokation (ländlich versus urban, Dienstleistung versus Produktion) und der Überprüfung der Kreditnehmers (Business Plan, Überschuldungsrisiko). Damit können institutionelle Investoren ihr Portfolio mit Mikrofinanz gut diversifizieren. Ein weiterer Grund für das steigende Interesse sind die stabilen und positiven Renditen von Mikrofinanzfonds. Über die letzten 20 Jahre lag die jährliche Rendite bei über vier Prozent in US-Dollar. Die Beimischung von Mikrofinanz macht ein konventionelles Portfolio zudem effizienter und erzielt eine höhere Rendite bei unveränderten Risiken.

Wie es um das Risikoprofil steht

Auch das Risikoprofil von Mikrofinanzanlagen überzeugt: Kurze Kreditlaufzeiten schützen vor Zinsänderungsrisiken und die Ausfallraten von MFIs liegen bei durchschnittlich weniger als einem Prozent. Vor Investitionen werden MFIs genau analysiert. Zudem werden die Mikrounternehmer während der Kreditlaufzeiten eng begleitet und weitergebildet. Ein breit diversifiziertes Portfolio bietet Schutz gegen allfällige Verluste.

Die Risikoteilung einiger Mikrofinanzfonds zwischen öffentlichen und privaten Investoren ist bemerkenswert. Viele Mikrofinanzfonds werden als öffentlich-private Partnerschaften (Blended Finance) aufgesetzt, bei dem öffentliche und private in denselben Fonds investieren. Dabei übernehmen öffentliche Investoren häufig das Risiko zugunsten privater Investoren. Internationale Organisationen wie die OECD, die Vereinten Nationen oder die Weltbank betonten wiederholt, wie wichtig solche Partnerschaften sind, um privates Kapital für die Entwicklungsfinanzierung zu mobilisieren. Dazu führte die OECD die Studie „Making Blended Finance Work for the Sustainable Development Goals“, in dem ein von BlueOrchard verwalteter Fonds exemplarisch für solche Partnerschaften vorgestellt wird: Der Fonds „Microfinance Initiative for Asia“ wurde vom Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ), der Kreditanstalt für Wiederaufbau (KfW) und der International Finance Corporation (IFC, Weltbank-Gruppe) aufgesetzt. Es ist der erste Fonds, der ausschließlich Mikrofinanzinstitutionen in Asien refinanziert. Die Beteiligung öffentlicher Investoren wie der KfW und des IFC haben dazu geführt, dass inzwischen 50 Prozent des investierten Kapitals von privaten Investoren stammt.

Wie bei jeder Investition gibt es auch bei Mikrofinanzanlagen Risiken. Mikrofinanzfonds investieren meist in Entwicklungs- und Schwellenländer, die politisch und wirtschaftlich instabiler sein können als westliche Industrieländer. Daher sind Länderrisiken wie politische Krisen oder Naturkatastrophen zu betrachten. Außerdem ist es wichtig, Zinsrisiken lokaler Währungen und Wechselkursschwankungen abzusichern. Ein erfahrenes Investmentteam, die Anwesenheit vor Ort, Kenntnisse lokaler und regionaler Gegebenheiten sowie der wirtschaftlichen und rechtlichen Umfelds sind daher unerlässlich. Die Liquidität der Mikrofinanz ist gerade für institutionelle Investoren mit Liquiditätsbeschränkungen wichtig. Um solchen Anlegern eine liquide Investitionsmöglichkeit zu ermöglichen, hat BlueOrchard einen Ucits-Anleihen-Fonds aufgelegt, der in Finanzinstitute in Entwicklungs- und Schwellenländern investiert, die entsprechend der UN Sustainable Development Goals (SDGs) eine nachhaltige Entwicklung in diesen Regionen fördern.

Zugang zu Finanzdienstleistungen ermöglichen!

Schätzungen der Weltbank zufolge haben über zwei Milliarden Menschen immer noch keinen Zugang zu formalen Finanzdienstleistungen, 263 Millionen Kinder und Jugendliche keinen Zugang zu Bildung und 767 Millionen Menschen – 10,7 Prozent der Weltbevölkerung – leben in extremer Armut. Der Klimawandel wird eine Migrationswelle auslösen, dadurch könnten weitere 100 Millionen Menschen bis 2030 verarmen. Etwa 80 Prozent der armen Weltbevölkerung lebt in ländlichen Regionen, 64 Prozent arbeiten in der Landwirtschaft und sind damit direkt von den Auswirkungen des Klimawandels betroffen. 44 Prozent sind 15 Jahre oder jünger und 39 Prozent haben keine Möglichkeit, sich zu bilden. Die Zahlen veranschaulichen zwei wichtige Aspekte. Armut ist zum Ersten mehrdimensional und Bemühungen, sie zu reduzieren, müssen die verschiedenen Dimensionen adressieren. Zum Zweiten reichen öffentliche Mittel nicht aus, um den Bedarf an Kapital zu decken. Private Anlagen sind essenziell. Private und institutionelle Investoren können daher mit ihren Anlagen soziale und ökonomische Ungleichheiten auf der Welt verringern – ohne dabei auf eine finanzielle Rendite verzichten zu müssen. //




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