Stabilität als Nebenwirkung

Die Medizintechnik setzt fortlaufend neue Trends. Die Branche ist deshalb auch für Anleger äußerst chancenreich. Stefan Blum und Marcel Fritsch, beide managen den BB Adamant Medtech & Services Fonds für Bellevue Asset Management, berichten über die innovativsten Trends in der Medizintechnik.

Medizintechnik und Gesundheitsdienstleistungen zählen auf den ersten Blick zu den weniger spektakulären Bereichen der Gesundheitsbranche. Den Medien liefert sie weniger spektakuläre Schlagzeilen wie etwa die Entwicklung neuer Medikamente in der biopharmazeutischen Industrie. Dabei übertrifft der Sektor, was die Wertschöpfung angeht, die Pharmabranche um ein Vielfaches. Nach Schätzungen der Weltbank entfallen auf die Medizintechnik und Gesundheitsdienstleistungen auf globaler Ebene 85 bis 90 Prozent der Gesundheitskosten.

Anlegern liefern die Medizintechnik und die damit verbundenen Dienstleistungen eine stabile und nachhaltige Rendite. Auch im Börsenjahr 2017 hebt sich die Anlagestrategie positiv ab. Der MSCI Medtech & Services, der globale Leitindex für den gesamten Gesundheitssektor ex Medikamente, verzeichnete kräftige Kursgewinne von 12,6 Prozent – und hängte damit den breiter gefassten MSCI World Healthcare, der um 5,6 Prozent voran kam, deutlich ab. Mit dieser starken Performance honorieren die Finanzmärkte den neuen Wachstumsschub, der von einer neuen Generation von innovativen Produkten und Dienstleistungen ausgeht. Mit einem erwarteten durchschnittlichen Gewinnwachstum von über zehn Prozent für die nächsten Jahre ist die Dynamik deutlich höher als in der Pharmaindustrie, die in der Breite weiterhin mit Preisrisiken, Innovationslücken und Patentabläufen zu kämpfen hat. Die Bewertung des Sektors ist im Vergleich zum breiten US-Aktienmarkt weiterhin attraktiv, handelt er doch ohne Bewertungsprämie, welche aufgrund der hervorragenden Fundamentalfaktoren normalerweise bei zehn bis 15 Prozent liegt.

Wachstum dank alternder Bevölkerung

Spezifische Trends sprechen für ein anhaltendes Wachstum. Der globale Alterungsprozess der Bevölkerung und die damit verbundenen steigenden Gesundheitsausgaben erhöhen den Druck, effiziente und kostengünstige Lösungen für die Patientenversorgung und Gesundheitsvorsorge zu entwickeln. Das bedeutet zum einen neue Produkte und zum anderen neue Dienstleistungskonzepte. Darüber hinaus ist die Branchenkonsolidierung in vollem Gange. Die wachsenden Anforderungen an Logistik, digitalen Datenaustausch und länderübergreifende Skaleneffekte in der Distribution ermöglichen attraktive Übernahmesynergien. Zugleich sind die Kassen der Branchengrößen prall gefüllt, dies infolge generell steigender Mittelzuflüsse sowie repatriierter Unternehmensgewinne ausgelöst durch die US-Steuerreform.

Zu den Krankheitsfeldern, in denen neue Produkte bessere Behandlungsmöglichkeiten schaffen, zählt Diabetes. Schätzungen der International Diabetes Federation (IDF) zufolge wird die Zahl der Diabeteskranken zwischen 2017 und 2045 von 425 auf 629 Millionen Patienten steigen. Davon kommt die Hälfte aus den Schwellenländern China und Indien. Angesichts dieser global steigenden Patientenzahlen sind neue Systeme für die Blutzuckermessung ein spannendes Feld. Die neuesten Entwicklungen zielen auf die kontinuierliche Messung des Blutzuckers ab, ohne sich dass die Betroffenen dafür wie bisher in den Finger piksen müssen.

Zu den Pionieren zählt der US-Konzern Abbott mit seinem 2016 zugelassenen FreeStyle Libre. Dieses Messgerät kommt als Erstes seiner Art ohne Kalibrierung der Zuckerwerte aus, die über Sensoren im Hautuntergewebe auswertet werden. Allerdings müssen die Ergebnisse noch von Hand eingescannt werden, was wohl gerade nachts häufig vergessen wird. Eine wirklich kontinuierliche Blutzuckermessung bietet die US-Firma Dexcom. Bislang hat dieses Gerät noch nicht von der US-Behörde FDA grünes Licht dafür bekommen, dass diese Messung ohne Kalibrierung gemacht wird. Beide Unternehmen sind für Anleger aber sehr interessant, weil diese neuen Geräte einen wichtigen Schritt in Richtung künstlicher Bauchspeicheldrüse darstellen, welche den Blutzucker- und Insulinspiegel automatisch misst und reguliert. Dazu sind von Abbott wie auch Dexcom für 2018 Fortschritte im Hinblick auf eine automatisierte Messung zu erwarten.

Big Data trifft Chirurgie

Aus technologischer und kommerzieller Sicht sind neue Verfahren für minimalinvasive operative Eingriffe ebenso interessant. Zugleich sind sie ein Paradebeispiel dafür, wie neue Technologien und elektronische Datenverarbeitung (Digital Health) in der zeit- und kostensparenden Patientenbehandlung Hand in Hand gehen. Das Universum der Produktgruppen ist in diesem Feld weit gespannt. Sensorik und miniaturisierte Verfahren zählen ebenso dazu wie die Navigation über bildgebende Verfahren und Robotik bei chirurgischen Eingriffen. Big Data und Cloud-Datenspeicher ermöglichen den Zugriff und die Auswertung von immer größeren Datenmengen in Echtzeit. In der Summe verhelfen die minimalinvasiven Operationen zu einer neuen Qualität: Chirurgen können mit minimalstem Zugang und auch ohne direkte Sicht Eingriffe vornehmen und in Sekundenschnelle Entscheidungen treffen.

Eine Schlüsselrolle spielen hier OP-Roboter. Chirurgen können mit hochspezialisierten miniaturisierten Werkzeugen tiefer, verwinkelter und auch präziser arbeiten als bei manuell geführten Eingriffen. Laparoskopische Eingriffe, die über einen längeren Zeitraum eine im wahrsten Sinne des Wortes ruhige Chirurgenhand benötigen, könnten sich in Zukunft auf einfache Eingriffe beschränken. Umgekehrt kann eine größere Zahl von Ärzten mit OP-Robotern arbeiten, wenn sie erst einmal in die Technologie eingewiesen wurden. Für komplexere Operationen kommen dagegen miteinander kombinierte Bildmodalitäten ins Spiel: Ultraschall, Computertomografie und 3D-Modellierung liefern dem behandelnden Personal in Echtzeit miteinander kombiniert wichtige Informationen zur Beschaffenheit von Gewebe und Lage von Organen. Kontrastmittel und spezifische Detektorsysteme wie NIR ergänzen dieses Gesamtbild durch Echtzeit-Analysen von Gewebestrukturen. Der medizinische Nutzen liegt darin, in der Summe weniger Nebenwirkungen mit tieferer Fehlerquote bei minimalinvasiven Verfahren zu erzielen – mit der Perspektive, dank schneller und effizienter Analyse höhere Erfolgsquoten in der Behandlung zu erreichen. Aus ökonomischer Sicht werden zugleich die Behandlungsprozesse effizienter und die Gesamtkosten sinken.

Roboter erleichtern Arbeit

Vor dem ersten Markteintritt steht der erste Biopsie-Roboter. Um eine Interventionsnadel zu positionieren, braucht ein Arzt statt der bisherigen 30 Minuten mit Roboterassistenz lediglich fünf Minuten. Das wichtigste Anwendungsgebiet, an dem das Gerät erfolgreich getestet wurde, ist die Biopsie von Lungengewebe, etwa um einen Tumor zu diagnostizieren. Herkömmliche Verfahren sind wie das Entnehmen von Gewebeproben
per Nadel entweder sehr schmerzhaft, wie in
der Bronchoskopie zu ungenau oder per
Ultraschall schwer an die richtige Stelle
zu navigieren. Bald wird auch die Vision der digitalen Biopsie Realität
sein. Dabei wird ein Laser-Endomikroskop mit einer nadel-
dünnen Sonde an der Spitze
eingeführt. Über die digitale
Datenübertragung ist inner-
halb von Sekunden eine Aus
wertung der Gewebeproben
möglich, indem per Video
oder Sprachverbindung ein
Pathologe zugeschaltet wird.
Dessen Einschätzung ist die Ba
sis für die Entscheidung des Ärz
teteams, ob ein operativer Eingriff 
notwendig ist.




Nachricht an die Redaktion

Hier können Sie uns einen Kommentar zu dem Artikel zukommen lassen.
Wir freuen uns auf Ihr Feedback.

]

Bei unseren Lesern momentan beliebt