Vorteile moderner Risikokommunikation

Viele Anleger glauben, das Risiko einer Investition genau einschätzen zu können. Aktuelle Studien zeigen, dass sie sich irren. Ein Beitrag von Dr. Philipp Schreiber, Finanzexperte und Mitglied der Mitglied der Behavioral Finance Group.

Die Portfoliotheorie nach Markowitz stellt einen fundamentalen Zusammenhang zwischen Risiko und Rendite her. Eine höhere erwartete Rendite geht mit einem höheren systematischen Risiko einher. Als Maß für das Risiko einer Aktie oder anderen Investitionsmöglichkeit wird die Volatilität verwendet. Das statistische Maß für die Volatilität ist die Standardabweichung, Risiko wird also als Streuung um einen Mittel- oder Erwartungswert verstanden. Um eine fundierte Anlageentscheidung treffen zu können, muss man das damit verbundene Risiko bewerten. Man muss also die Bandbreite der möglichen Ergebnisse beziehungsweise deren Streuung einschätzen. Die Behavioral-Finance-Forschung zeigt, dass Investoren das schwer fällt, da sie ihre Fähigkeiten und Kenntnisse über- und dadurch die Streuung der möglichen Ergebnisse unterschätzen. Diese und andere Arten der Selbstüberschätzung werden in der Psychologie als Overconfidence bezeichnet. Im Kontext des Finanzmarkts führt Overconfidence dazu, dass Investoren bei Kursprognosen von einer zu geringen Streuung ausgehen und das Risiko ihrer Anlage unterschätzen.

Ein kleines Gedankenexperiment veranschaulicht das Konzept. Schätzen Sie ab, wie viele Gummibärchen in einer normalen Packung Haribo Goldbären zu 200 Gramm enthalten sind. Geben Sie dabei ein Intervall an, sodass die untere Grenze des Intervalls mit einer Wahrscheinlichkeit von 95 Prozent nicht unter- und die obere Grenze mit einer ebenso hohen Wahrscheinlichkeit nicht überschritten wird. Die korrekte Anzahl sollte also zu 90 Prozent innerhalb des Intervalls liegen. Notieren Sie sich die Intervallgrenzen. In einer an der Universität Mannheim durchgeführten Studie wurde diese Frage verschiedenen Finanzmarktexperten gestellt. Im Ergebnis lag der wahre Wert nur zu 18 Prozent im angegebenen Intervall. Die meisten Teilnehmer waren sich ihrer Sache zu sicher und unterschätzten die Bandbreite des Intervalls.

Studie: Zu wenig Rendite für eingegangenes Risiko

Die Fragestellung des Experiments ist vergleichbar mit wichtigen Überlegungen vor Investitionen, wie potenzielle Kursentwicklungen von Bitcoin, Dax, oder bestimmter Schwellenländer während bestimmter Zeiträume. Eine Studie von Professor Hackethal an der Universität Frankfurt zeigt, dass ein falsch eingeschätztes Risiko auch zu schlechteren Anlageentscheidungen führt. Die Analyse der Portfolios von etwa 3.400 Online-Broker-Kunden über den Zeitraum von 2003 bis 2012 ergab, dass die Anleger für das eingegangene Risiko zu wenig Rendite erzielten. 80 Prozent von ihnen hätten beispielsweise das Risikoprofil ihrer Anlage verbessern können, wenn sie Investitionen in deutsche Staatsanleihen und in den Dax kombiniert hätten. Grafik eins veranschaulicht die Ergebnisse. Alle Risiko- Rendite-Kombinationen unterhalb der roten Linie sind nicht optimal. Ein Portfolio, das zu einem bestimmten Prozentsatz in Staatsanleihen und Dax investierte, erzielte im selben Zeitraum eine höhere Rendite bei konstantem Risiko beziehungsweise ein geringeres Risiko bei konstanter Rendite. Die Ergebnisse dieser und weiterer Studien aus der Behavioral Finance legen nahe, dass nicht alle Investoren dasselbe Risikoverständnis und dieselbe Risikowahrnehmung haben. Es stellt sich daher die Frage, wie das Risiko gemessen und kommuniziert werden sollte, um das Risikoverständnis zu verbessern.

Das Ziel von Risikokommunikation sollte sein, das Risikoverständnis zu verbessern, damit Anlageentscheidungen zu individuellen Risikopräferenzen oder institutionellen Risikozielen passen. Unterschiedliche Anlageentscheidungen desselben Investors sollten bei gleicher Zielsetzung konsistent sein. Aktuelle Regulierungen sehen vor, dass Finanzprodukte in sieben Risikoklassen eingeteilt werden. Die Risikoklasse oder der SRRI (Synthetic Risk and Reward Indicator) ist im Key Investor Information Document (KIID) vermerkt. Die Einteilung in eine Risikoklasse erfolgt auf Basis der annualisierten Volatilität der vergangenen fünf Jahre, wie in Grafik zwei deutlich wird. Der Dax mit einer annualisierten Volatilität von 18 Prozent würde beispielsweise in Risikoklasse sechs fallen.

Volatilität als Risikomaß?

Es ist unklar, wie gut Investoren das Risiko basierend auf der Volatilität einschätzen und bei Finanzentscheidungen danach handeln können. Mehrere Studien wie die von Ehm, Laudenbach und Weber an der Universität Mannheim beschäftigen sich mit dieser Frage.




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