Aufkommender Optimismus könnte trügerisch sein

Benjamin Melman, EdRAM

„Als der US-Ökonom Paul Samuelson scherzte, dass der Markt neun der vergangenen fünf Rezessionen vorausgesagt hat, haben wir alle gelacht“, sagt Benjamin Melman von Edmond de Rothschild Asset Management. Nach Ansicht des Global Chief Investment Officers der französischen Fondsgesellschaft steckt viel Wahrheit in diesem ironischen Satz. Marktteilnehmer geben gern Prognosen ab und nutzen für diese bisweilen auch extreme Herleitungen. Doch während der Wirtschaftskrise der vergangenen Monate sei genau das Gegenteil eingetreten.

Als die Investoren erkannten, dass die Ausbreitung des Corona-Virus viel globaler war als zunächst angenommen (und dass sie nicht genug darauf geachtet hatten, als die ersten Fälle in Asien entdeckt wurden), brachen die Märkte zusammen. Besserung kehrte erst ein, als die Federal Reserve eine große – quasi unendliche – quantitative Lockerungspolitik ankündigte. „In den ersten Wochen dieser Erholung richteten wir unser Augenmerk sofort auf die beiden Segmente, die den Aktienmarkt am ehesten würden outperformen können: Technologie und Gesundheitswirtschaft“, sagt Melman. Denn die Pandemie beflügelte die Ausgabenbereitschaft für genau diese zwei Bereiche.

Hinzu kam: Die beispiellose Art und Weise dieser Gesundheitskrise und das Unvermögen, genaue Vorhersagen über den weiteren Fortgang zu treffen, haben Investitionshorizonte drastisch verkürzt. Die Marktteilnehmer waren dazu gezwungen, reaktiver und weniger proaktiv vorzugehen. Nach Ansicht von Melman hat die entschlossene Unterstützung der Zentralbanken dazu geführt, dass Anleger ihre Risikoaversion ablegten und die globalen Börsen eine Gegenreaktion zeigten. Diese ging über das hinaus, was angesichts des Schocks für die Wirtschaft und der daraus resultierenden Unsicherheit zu erwarten war. Da es derzeit an echter Sichtbarkeit fehlt, spiegeln die Märkte aktuell nur kurzfristige Trends wider, hingegen es an zukunftsgerichteten Strategien mangelt.

Diese pragmatische Herangehensweise an die Situation könnte sich allerdings schnell ändern: „Die Zeit wird natürlich kommen, wenn die Märkte ihre Fähigkeit zur Prognose (oder gar Extrapolation!) wiedererlangen“, ist Melman überzeugt. „Das Problem besteht darin, zu wissen, wann genau dieser Zeitpunkt kommen wird. Es ist daher wichtig, die kurzfristige taktische Allokation nicht mit strategischem Portfoliomanagement zu verwechseln.“

Kurzfristig ist die Perspektive nach Ansicht des Experten gut: Erstens wurde massive finanzielle und steuerliche Unterstützung bereitgestellt. Zweitens lockern die Länder ihre Lockdown-Beschränkungen, ohne dass es bislang zu größeren Vorfällen kommt, die die Wirtschaft erneut bedrohen könnten. Drittens besteht wieder Hoffnung, dass ein Impfstoff entdeckt wird (wenn auch nicht kurzfristig). Und viertens soll eine (jedenfalls theoretisch) von der Europäischen Kommission unterstützte deutsch-französische Initiative das Risiko einer zweiten Infektionswelle in Europa minimieren. „Wir müssen die angespannten Beziehungen zwischen den USA und China weiterhin beobachten. Es besteht dabei das Risiko, dass die beiden rivalisierenden Nationen Phase 1 ihres Handelsabkommens abbrechen könnten“, gibt Melman zwar zu bedenken. Doch insgesamt betrachtet gehe es weltweit bergauf.

Da es mehrere mögliche Szenarien gibt, sind Melman und seine Kollegen gegenwärtig nicht in der Lage, die erwarteten Verbesserungen zu extrapolieren oder konkret vorherzusagen, wann die Unternehmen wieder zur Tagesordnung übergehen können. „Die Rivalität zwischen den USA und China wird den Welthandel und Strategien der Unternehmen weiterhin schwer belasten“, ist er überzeugt. So hätten Analysten aufgehört, sich zu fragen, ob das Handelsabkommen zwischen den beiden Nationen überhaupt in eine neue Phase eintreten wird.

Hinzu kommt nach Ansicht des Experten: Die Unternehmen werden mit deutlich mehr Schulden und erodierten Gewinnmargen aus der laufenden Krise herauskommen, während sie normalerweise Rezessionen dazu nutzten, ihre Profitabilität zu verbessern. Auch seien für 2021 nicht nochmals fiskalpolitische Stimuli wie im laufenden Jahr zu erwarten. Und auch das Thema des britischen EU-Ausstiegs wird laut Melman wieder auf die Tagesordnung zurückkehren, da die Verhandlungen zwischen der EU und dem Königreich in einer Sackgasse stecken. „Das erhöht das Risiko eines harten Brexits zum Jahresende“, so Melman. Vor diesem Hintergrund sei es derzeit unmöglich, über die kurzfristigen Effekte hinausgehend vorherzusagen, wie sich die Situation langfristig auf die Finanzmarktteilnehmer auswirke. Klar sei jedoch: Böse Überraschungen sind weitaus wahrscheinlicher als gute.

Angesichts der guten Liquiditätslage und der kurzfristigen wirtschaftlichen Verbesserungen gewichtet Edmond de Rothschild Asset Management risikobehaftete Anlageformen aktuell nur etwas geringer als in normalen Phasen. „Da Investoren naturgemäß während der Pandemie defensive Märkte bevorzugen, haben wir den Anteil von US-Aktien zugunsten europäischer Aktien reduziert“, erklärt Melman. Dies geschehe in der Hoffnung, dass die Portfolios vom kurzfristigen Wirtschaftsaufschwung und der Eindämmung des Risikos in Europa profitieren. Dabei handele es sich um einen taktischen Schritt.

„Wir wollen keine unnötigen Risiken eingehen, und die jüngsten Kursanstiege haben uns erst recht wachsam gemacht“, sagt Melman. „Obwohl die nähere Zukunft positiv aussieht, sind die Gefahren nicht verschwunden – und die Märkte liefern uns noch immer keine wirkliche Zukunftsvision.“




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