Begeisternde Reform-Story

Saudi-Arabien wurde offiziell zum MSCI Emerging Market Status hochgestuft, was die größte Länderintegration seit dem Beitritt Chinas ist. Das Land ist auf vielen Ebenen eine Reformgeschichte und seine Zustimmung zur Aufnahme in den Index ist nur eine Belohnung für die Verbesserungen.

Die Entscheidung MSCIs, Saudi-Arabien in seinen Schwellenmarktindex aufzunehmen, stellt eine Anerkennung der positiven Veränderungen dar, die der Kapitalmarkt des Landes während der letzten fünf Jahre durchlaufen hat.

Unserer Meinung nach stellt Saudi-Arabien eine höchst interessante Wachstumsstory dar, und wir sehen die Aufnahme in den MSCI Emerging Market (EM) Index als angemessene Belohnung für die Verbesserungen, die an der Infrastruktur des Aktienmarkts vorgenommen wurden, so dass dieser inzwischen eher den internationalen Standards entspricht.

Die Aufnahme Saudi-Arabiens in den Schwellenmarktindex, die in zwei Phasen im Mai und August 2019 stattfinden wird, dürfte den Kapitalmarkt des Königreichs grundlegend verändern und positive Auswirkungen auf die MENA-Region (Naher Osten und Nordafrika) insgesamt haben. Aus unserer Sicht ist dies die bedeutendste Reform-Story eines Schwellenlandes seit China.

Die Geschwindigkeit, in der Kapitalmarktreformen in Saudi-Arabien umgesetzt wurden, ist beeindruckend. Die Kapitalmarktaufsicht (Capital Market Authority, CMA) und die Wertpapierbörse (Tadawul) des Landes haben die Initiative zur Modernisierung der Aktienmarktinfrastruktur des Königreichs und zur Verbesserung des Zugangs für Anleger angeführt, indem sie flexible Beteiligungsgrenzen erlaubt und einen zweitägigen Abwicklungszyklus für Transaktionen eingeführt haben.

Der Schritt von MSCI folgt auf die zu Beginn dieses Jahres von FTSE Russell getroffene Entscheidung, den saudischen Aktienmarkt innerhalb der FTSE Russell Global Equity Index Series mit Wirkung zum März 2019 als „sekundären Schwellenmarkt“ einzustufen.

Die Reformerfolge Saudi-Arabiens

Die Börse des Königreichs umfasst bereits heute Auslandsanlagen in Höhe von circa neun Milliarden US-Dollar. Der neue Schwellenmarktstatus dürfte Saudi-Arabien erhebliche weitere Kapitalzuflüsse aus dem Ausland bescheren, die sich langfristig auch in den umliegenden Ländern positiv bemerkbar machen könnten.

Die besser werdenden Fundamentaldaten dürften Anleger ebenfalls anlocken. Eine Kombination aus höheren Ölpreisen und niedrigeren Defiziten haben einen Anstieg der Staatsausgaben nach sich gezogen, was wiederum dem nicht ölbezogenen Bruttoinlandsprodukt (BIP) Auftrieb verliehen und das Wachstum der Unternehmensgewinne beschleunigt hat.

Die Aufnahme Saudi-Arabiens in den MSCI EM Index sollte dazu beitragen, die von uns seit jeher als wesentliche Abkopplung betrachtete Diskrepanz zu beseitigen, die zwischen dem BIP-Beitrag dieser Region und ihrer Vertretung in internationalen Aktienindizes besteht. Unseren Analysen zufolge macht die MENA-Region derzeit über die Vereinigten Arabischen Emirate (VAE), Katar und Ägypten lediglich 1,56 Prozent des MSCI EM Index aus. Durch die Aufnahme Saudi-Arabiens könnte dieser Anteil am Index deutlich steigen. Anfänglich werden auf Saudi-Arabien alleine 2,6 Prozent des Index entfallen. Mit dem anstehenden Börsengang des staatlichen Ölunternehmens Saudi Aramco könnte sich die Gewichtung des Landes unseren Schätzungen zufolge auf mehr als 4 Prozent nahezu verdoppeln. Darüber hinaus halten wir es für wahrscheinlich, dass Kuwait schon bald in die Fußstapfen Saudi-Arabiens treten und von MSCI ebenfalls auf Schwellenlandstatus heraufgestuft werden könnte.

Was wir derzeit erleben, ist der Übergang dieser Region von der Peripherie in den Kern des Schwellenmarktuniversums. Unserer Einschätzung nach bietet dies geeigneten Anlegern zusätzliche Anreize, in die MENA-Region insgesamt zu investieren.

Zunehmende Auslandsinvestitionen und Liquidität

Selbst nach den jüngsten Kapitalzuflüssen halten Ausländer lediglich 1,8 Prozent der Tadawul. Im Vergleich dazu sind Ausländer zu 14,0 Prozent am Markt der VAE (13,8 Prozent in Abu Dhabi und 14,3 Prozent in Dubai) und unseren Berechnungen zufolge zu 9,2 Prozent am Markt von Katar beteiligt. In dieser Hinsicht hinkt Saudi-Arabien also noch hinterher. Wir gehen davon aus, dass die Beteiligungen ausländischer Anleger im Vorfeld der offiziellen Aufnahme Saudi-Arabiens in den MSCI EM Index deutlich zunehmen dürften.

Indizes haben inzwischen einen sehr starken Einfluss auf die Kapitalströme an den Aktienmärkten.  Angesichts des massiven Kapitals in Höhe von 1,9 Billionen US-Dollar, das den MSCI EM Index nachbildet (davon 80 Prozent aktiv und 20 Prozent passiv), könnte eine Ländergewichtung von 2,6 Prozent für Saudi-Arabien einen zusätzlichen Zufluss ausländischen Kapitals in Höhe von 40 Milliarden US-Dollar bedeuten, wenn sich diese Benchmark-Gewichtung als richtig erweist. Dies ist vor dem Hintergrund der bisherigen Kapitalströme in die Tadawul beispiellos. Unseren Analysen zufolge könnte sich der Markt, dessen Kapitalisierung derzeit bei ca. 536 Milliarden US-Dollar liegt, durch den Börsengang von Saudi Aramco möglicherweise um weitere 50 Milliarden US-Dollar vergrößern. Dies ist ein nicht zu vernachlässigender Faktor, wenn man berücksichtigt, dass die Nettokapitalzuflüsse zum saudischen Markt während der letzten zehn Jahre mit insgesamt circa 1,9 Milliarden US-Dollar lediglich einem Bruchteil dieses Betrags entsprechen.

Historische Präzedenzfälle heraufgestufter Aktienmärkte

Die bisherigen Erfahrungen mit anderen Ländern, die in den MSCI EM Index aufgenommen wurden, sind ebenfalls ermutigend. Unsere Analysen lassen auf ein erhöhtes Interesse der Anleger am Aktienmarkt in den ein bis zwei Jahren vor der Heraufstufung schließen. Wie die nachfolgende Grafik zeigt, konnten sowohl Russland als auch Malaysia, Katar, die VAE und Pakistan in der Zeit vor Erreichung des Schwellenmarktstatus deutlich zulegen. In den 20 Ländern, die seit 1994 auf MSCI EM-Status heraufgestuft wurden, haben die Märkte in dem letzten Jahr vor ihrer effektiven Aufnahme in den MSCI EM Index eine mittlere Rendite von +55 Prozent erzielt.

Wir gehen davon aus, dass die Neuinvestitionen in Saudi-Arabien vorwiegend aus anderen im Index vertretenen Schwellenländern stammen werden, wobei die größten Länder hier derzeit China, Korea und Taiwan sind. Die übrigen MENA-Länder sind nur geringfügig im MSCI EM Index vertreten, sodass die umliegenden Länder wohl kaum eine bedeutende Finanzierungsquelle für Saudi-Arabien darstellen werden – zumindest in der näheren Zukunft.

Vor diesem Hintergrund gehen wir davon aus, dass die Aufnahme in den MSCI EM Index in der Tat eine Neubewertung der MENA-Märkte auslösen könnte, während sich Anleger nach Chancen in der Region außerhalb Saudi-Arabiens umsehen. Wir gehen davon aus, dass die Folgewirkungen auf die Nachbarländer des Königreichs aus längerfristiger Sicht erheblich sein könnten.

Einige Unsicherheiten bleiben bestehen

Trotz der spannenden Veränderungen gibt es immer noch Bereiche, in denen Unsicherheit besteht. So könnten niedrigere Rohölpreise beispielsweise die kurzfristigen Wachstumsaussichten des Königreichs dämpfen. Die wirtschaftlichen Reformen werden sich fortsetzen müssen, wenn es dem Land gelingen soll, den Ölpreis zu senken, bei dem es einen ausgewogenen Haushalt erzielt. Die Auswirkungen der im vergangenen Jahr durchgeführten Maßnahmen zur Bekämpfung von Korruption stellen einen weiteren Faktor, der nicht außer Acht gelassen werden darf. Es wurden zwar mehrere Schritte unternommen, um Anleger zu beruhigen, es wird für das Königreich jedoch sehr wichtig sein, auch weiterhin am jetzigen Kurs festzuhalten. Darüber hinaus muss schließlich noch jeglicher Anstieg der geopolitischen Spannungen genau im Auge behalten werden, da eine ungünstige Entwicklung die Zuversicht der Anleger dämpfen könnte.

Wie geht es mit Saudi-Arabien weiter?

2018 ist ein historisches Jahr für Saudi-Arabien, und die Aufnahme in den MSCI EM Index scheint der größte bisher erreichte Meilenstein für den Aktienmarkt des Landes zu sein. Die von uns erwartete Zunahme der Kapitalströme in das Königreich hinein sollten für das Anlageumfeld im Vorfeld des Börsengangs von Saudi Aramco äußerst förderlich sein.  Und da die saudische Regierung beabsichtigt, die Anzahl der an der Tadawul notierten Unternehmen bis 2022 von 180 auf 250 zu erhöhen, dürfte dies unserer Einschätzung nach erst der Beginn einer langfristigen Erweiterung und Vertiefung des Aktienmarkts sein.

Auch die Ergebnisse der breiteren wirtschaftlichen und sozialen Reformagenda des Königreichs machen sich allmählich bemerkbar. Da sich das Haushaltsdefizit deutlich verringert hat, obwohl Haushaltsausgaben auf Rekordniveau angekündigt wurden, sind wir der Ansicht, dass sich die wirtschaftlichen Fundamentaldaten insgesamt weiter verbessern und dass sich dies auch in den Unternehmensgewinnen niederschlägt.

Der neue MSCI-Schwellenlandstatus Saudi-Arabiens ist zweifellos ein großer Gewinn für den Kapitalmarkt des Landes. Das Königreich setzt seinen weithin sichtbaren Wandel fort, und wir sind gespannt, welche Veränderungen als nächstes in Angriff genommen werden.

Die Kommentare, Meinungen und Analysen in diesem Dokument dienen nur zu Informationszwecken und sind nicht als persönliche Anlageberatung oder Empfehlung für bestimmte Wertpapiere oder Anlagestrategien anzusehen. Da die Märkte und die wirtschaftlichen Bedingungen schnellen Änderungen unterworfen sind, beziehen sich Kommentare, Meinungen und Analysen auf den Zeitpunkt der Veröffentlichung und können sich ohne Ankündigung ändern. Dieses Dokument ist nicht als vollständige Analyse aller wesentlichen Fakten in Bezug auf ein Land, eine Region, einen Markt, eine Anlage oder eine Strategie gedacht.

Welche Risiken bestehen?

Alle Anlagen beinhalten Risiken, auch den möglichen Verlust der Kapitalsumme. Anlagen in ausländischen Wertpapieren sind mit besonderen Risiken behaftet, darunter Währungsschwankungen sowie ungewisse wirtschaftliche und politische Entwicklungen. Anlagen in Schwellenländern, zu denen als Untergruppe auch die Grenzmärkte gehören, sind mit erhöhten Risiken in Bezug auf dieselben Faktoren verbunden. Hinzu kommen die durch ihre kleinere Größe, ihre geringere Liquidität und die nicht so fest gefügten rechtlichen, politischen, wirtschaftlichen und sozialen Rahmenbedingungen zur Stützung der Wertpapiermärkte bedingten Gefahren. Da diese Rahmenbedingungen in Grenzländern in der Regel noch geringer ausgeprägt sind und diverse Faktoren vorliegen, wie gesteigertes Potenzial für extreme Preisschwankungen, Illiquidität und Handelsbarrieren und Wechselkurskontrollen, werden die mit Schwellenländern verbundenen Risiken in Grenzländern verstärkt. Aktienkurse schwanken mitunter rasch und heftig. Das kann an Faktoren liegen, die einzelne Unternehmen, Branchen oder Sektoren betreffen, oder an den allgemeinen Marktbedingungen.




Nachricht an die Redaktion

Hier können Sie uns einen Kommentar zu dem Artikel zukommen lassen.
Wir freuen uns auf Ihr Feedback.

]

Bei unseren Lesern momentan beliebt