Die Einkaufsstraße lebt!

Bernhard Schoofs, geschäftsführender Gesellschafter Momentum Real Estate GmbH

„Geschäfte sind Mittelalter. Sie wurden nur gebaut, weil es kein Internet gab.“ Das Zitat stammt von von Rocket-Internet-Gründer Oliver Samwer aus dem Jahr 2014 – auf dem Konsumgüterforum CGF in Paris, um genau zu sein. Seit diesen Worten sind fünf Jahre vergangen – in der Welt technologieverliebter Digital-Gurus ist das eine lange Zeit.

Gut besuchte Einkaufsstraßen und Geschäftshäuser mit schick dekorierten Schaufenstern gibt es trotzdem noch. Die Investoren wollen sogar mehr davon. Mit oben auf dem Einkaufszettel stehen dem Gewerbemakler CBRE zufolge innerstädtische Geschäftshäuser und High-Street-Immobilien, wie wir sie aus den Einkaufsstraßen der Zentren kennen und die Städte erst richtig lebendig machen. Rund 1,9 Milliarden Euro gaben Investoren in der ersten Jahreshälfte 2019 für 1A-Handelsimmobilien in den Zentren aus. In diesem Jahr wird der Wert voraussichtlich noch einmal etwas höher liegen. Woher kommt die Treue der Anleger zur Einkaufsstraße? Haben sie Oliver Samwer etwa schon vergessen?

Nein, aber sie wissen es besser. Viele der selbsternannten Tech-Pioniere von früher erzählen allzu gerne die Mär von digitalen „Gräben“ oder „Mauern“: Heute, das ist die vernetzte Gegenwart und noch mehr die Zukunft, der schnelle Einkauf per Knopfdruck. Gestern, das war einmal der mühselige Gang ins stationäre Geschäft – ein Modell ohne Zukunft. Aber Gräben sind langweilig, rückständig und konservativ. Und das denken sich eben auch viele Investoren.

Fakt ist: Die Digitalisierung kommt dem stationären Handel heute genauso zugute wie den Online-Pure-Playern, der „digitale Graben“ verschwindet. Viele Dinge, die wir heute noch als „digitale Disruption des Handels“ zusammenfassen, werden in wenigen Jahren marktreif und dann im stationären Geschäft genauso alltäglich sein wie im Internet. Versorgungseinkäufe beispielsweise werden – frei verfügbarem WLAN sei Dank – schon heute oft mit dem Smartphone unternommen. Bestens vernetzt prüft der Kunde Rezensionen zu der Ware, die er gerade aus dem Regal holt, vergleicht Preise anderer Anbieter und holt sich weitere Produktvorschläge.

Das kommt Ihnen bekannt vor? Amazon ist mit dieser Idee vor 25 Jahren weltberühmt geworden. Und die Liste der Services wird noch länger. Kauft der Kunde etwa Lebensmittel ein, könnte er in Zukunft Angaben zu den Inhaltsstoffen oder Rezeptideen abrufen. Bezahlt wird sowohl im Webshop als auch in der Geschäftsstraße bargeldlos per PayPal oder einem anderen Dienst. Und das in wenigen Jahren nicht einmal mehr an einer physischen Kasse, sondern automatisch beim Verlassen des Geschäfts. Sensoren und eine KI, die per Kamera zuschaut, passen auf, dass die Ware nicht unbezahlt verschwindet.

Klingt wie ferne Zukunftsmusik? Amazon gab jüngst bekannt, in den nächsten zwei Jahren rund 3.000 solcher Läden in den USA unter der Marke „AmazonGo“ zu bauen. Immer noch zu unglaublich? Die Firma Wanzl aus Schwaben hat eine Verkaufsfläche entwickelt, die sogar noch viel mehr leistet. Der Kunde kann sich vor seinem Einkauf einen digitalen Einkaufszettel erstellen und wird dann per Smarthone im Geschäft sofort zum richtigen Regal geführt. Sensoren verfolgen ihn dabei, analysieren sein Verhalten, werten die Daten aus und monetarisieren sie. Amazon, Google oder Facebook machen das mit ihren „Kunden“ schon seit vielen Jahren, aber eben im Internet und nicht im stationären Geschäft.

Wenn Handelsflächen immer digitaler werden, Online-Pure-Player mit eigenen stationären Läden expandieren und wir im Laden wie im Internet auf die gleichen Technologien zugreifen, dann wird das „E“ in E-Commerce seine Bedeutung verlieren. Trendbegriffe wie der Multichannel-Handel umreißen das Phänomen nur unzureichend, zeigen aber auf, wie sich der Handel in den nächsten Jahren verändern wird und warum wir die Einkaufsstraße noch lange nicht abschreiben sollten.

 




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