Die Fieberkurve steigt: Warum die Blockchain den Banken zu schaffen macht

Karsten Müller, Geschäftsführer ChainBerry

Vor ein paar Tagen meldete die schweizerische Handelszeitung, dass Facebook in Genf einen Verein gründen will, der ein ambitioniertes Projekt organisieren soll: die neue Weltwährung „Libra“ zu schaffen, die auf der Blockchain-Technologie basiert. User sollen die Kryptowährung bei Whatsapp, Messenger und natürlich bei Facebook selbst nutzen, aber das Ziel ist, ein neues Bezahlsystem zu installieren. Es solle „Milliarden von Menschen rund um die Welt dienen“, beschreibt ein Insider in der Handelszeitung, und ein Ökosystem entstehen, das neue Finanzdienstleistungen hervorbringt. Die politischen und gesellschaftlichen Folgen wären enorm, sollte das Projekt Erfolg haben. Allein 2,5 Milliarden Whatsapp-Nutzer könnten auf diese Weise ihre alltäglichen Zahlungsvorgänge unkompliziert durchführen. Auch Telegram, der vor allem in Osteuropa und dem Nahen Osten weit verbreitete Whatsapp-Konkurrent mit etwa 200 Millionen Usern, arbeitet fieberhaft an eigenen Bezahlfunktionen.

Kein Wunder also, dass die Banken arge Kopfschmerzen bekommen. Wer sich noch erinnern kann, mit welcher rasanten Geschwindigkeit die Messengerdienste die Welt eroberten, kann sich vorstellen, mit welchem Tempo der private Zahlungsverkehr dort Einzug halten wird. Setzen Facebook & Co. ihre Pläne um, fallen bei den traditionellen Geldinstituten die Einnahmen aus dem Zahlungsverkehr mit Privatkunden weg und eine der wichtigsten Ertragssäulen der Kreditinstitute gerät unter Druck.

Doch damit nicht genug: Auch mit der Niedrigzinspolitik der EZB haben die Geldhäuser nach wie vor zu kämpfen – und eine Besserung ist nicht in Sicht. Aus Wettbewerbsgesichtspunkten trauen sich einlagenlastige Banken nur eingeschränkt, Negativzinsen an ihre Kunden weiterzugeben. Lediglich die Hälfte verlangt von ihren Firmenkunden negative Zinsen auf großvolumige Sichteinlagen. Bei den Einlagen privater Sparer liegt die Quote bei gerade vier Prozent. Sinkende Zinsen auf der Kreditvergabeseite können so nur bedingt über sinkende Zinsen auf der Passivseite ausgeglichen werden, die Zinsmarge schrumpft. Da die EZB auf absehbarer Zeit an ihrer Politik festhalten dürfte, wird sich die Lage in diesem Bereich nicht verbessern und die Fieberkurve bei den Kreditinstituten weiter steigen.

Ein Teil der Banken kompensiert die schrumpfende Zinsmarge über eine Ausweitung des Geschäftsvolumens. Doch auch dieser Ausweg dürfte zunehmend verbaut werden, denn hier wird die Digitalisierung und speziell die Blockchain-Technologie übernehmen: Aktuell gehen zahlreiche Unternehmen dazu über, Alternativen zum klassischen Bankkredit zu erproben. Gemeint ist damit die Beschaffung von Fremdkapital durch die Ausgabe von Debt-Token. Bei Lichte betrachtet stellt diese Art der Fremdkapitalbeschaffung nichts anderes dar als die Emission einer Anleihe, allerdings mit einem feinen Unterschied: Die Kosten der Kapitalbeschaffung sind deutlich geringer als auf herkömmlichem Wege. Auch wenn die Debt-Token-Emission via Blockchain derzeit noch ein sehr zartes Pflänzchen darstellt, wird sie innerhalb der nächsten fünf Jahre zu einer wichtigen Alternative für Unternehmen heranwachsen. Werden hier die regulatorischen Rahmenbedingungen verbessert, dürften Banken im Zinsgeschäft weiter unter Druck geraten.

Allerdings ist es kaum vorstellbar, dass sich dieses Geschäft ohne qualifizierte Beratungsleistung entwickeln wird. Die Beratung der Unternehmen bei der Token-Strukturierung und die finale Token-Platzierung beim Anleger könnten sich so zu einem lukrativen Geschäftsfeld entwickeln. Damit würde die zweite große Ertragssäule der Kreditinstitute, das Provisionsgeschäft, gestärkt, das bereits in den vergangenen Jahren die Rückgänge aus dem Zinsgeschäft zum Teil auffangen konnte. Neben dem volatilen Provisionsgeschäft auf der Wertpapierseite, und hier könnte man auch die Token-Beratung einordnen, hat sich vor allem das Provisionsgeschäft im Zahlungsverkehr als stabil erwiesen. Der Zahlungsverkehr steuert immerhin rund die Hälfte der Erträge des Provisionsgeschäftes im deutschen Bankensektors bei.

Aber Vorsicht: Auch diese Säule wird unter Beschuss geraten. Internationale Großbanken wie J.P. Morgan oder HSBC werden das Zahlungsverkehrsgeschäft in der Business-Welt an sich reißen. Auch hier spielt die Blockchain-Technologie eine große Rolle. J.P. Morgan zum Beispiel hat gerade einen StableCoin eingeführt, eine an traditionelle Währungen geknüpfte Digitalwährung auf der Blockchain, und beginnt, ihren Kunden internationale Zahlungsverkehrsdienstleistungen anzubieten. Schließlich verbinden StableCoins zwei Welten auf perfekte Weise: Auf der einen Seite werden die Transaktionen extrem kostengünstig, weil Mittler wegfallen. Auf der anderen Seite bauen sie auf die Stabilität traditioneller Währungen wie Euro oder Dollar. In den kommenden zehn Jahren dürften fast alle Unternehmen im Zahlungsverkehr auf diesen Weg umgestiegen sein. Die Erträge werden deutlich schmaler ausfallen, vor allem bei Big Finance aus Übersee landen und daher den deutschen Banken fehlen.

Dass diese Prognose nicht an den Haaren herbeigezogen ist, zeigt das jüngste Utility Settlement Coin (USC) Projekt, das Anfang Juni verkündet wurde: Mit Fnality International starten UBS, BNY Mellon, NEX, Santander und die Deutsche Bank zusammen mit dem Blockchain-Start-up Clearmatics eine ehrgeizige Krypto-basierte Initiative im Finanzbereich. Dabei ist USC keine Digitalwährung, in die investiert oder mit der bezahlt werden kann. Vielmehr soll es damit leichter fallen, Blockchain-basierte Kryptowährungen zu schaffen und es internationalen Banken erleichtern, Transaktionen zwischen verschiedenen Kryptos zu tätigen. Während Geldinstitute heute eine Reihe von Gebühren erheben, wenn grenzüberschreitende Transaktionen anstehen, dürften auch diese Einnahmen in Zukunft ausbleiben.

Fasst man die Auswirkungen der Blockchain-Technologie auf den deutschen Bankensektors zusammen, dann wird nur noch das Provisionsgeschäft übrig bleiben: die Kundenberatung bei der Token-Emission und auf der Kapitalanlageseite. Hier könnten sich deutsche Finanzinstitute eines Assets bedienen, welches über Technologie nur schwerlich substituierbar sein wird: langjährige Kundenbeziehungen und gewachsenes Vertrauen. Doch ist die jüngere Generation noch daran interessiert, eine Bankfiliale physisch aufzusuchen? Das erinnert ein wenig an die Ablösung des Fernsehens mit festen Sendezeiten und vorbestimmten Inhalten durch die Streaming-Dienste. Meine Kinder jedenfalls sehen kaum noch klassisches Fernsehen.




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