Indiens Reform-„Juggernaut“ ist langsam, aber gewaltig

Der Subkontinent erlebt derzeit eine kolossale Reformära. Die ambitionierten Vorhaben spalten die Fachwelt. Doch Indiens Premierminister Modi beweist einen eisernen Reformwillen, der durchaus vielversprechend ist.

Das englische Wort „juggernaut“ steht unter anderem für einen riesigen Schwerlastwagen und hat seine Wurzeln im Nordosten Indiens. Dort wird seit mehr als sechs Jahrhunderten jedes Jahr das Rath-Yathra-Fest gefeiert, bei dem Tausende von Gläubigen einen massiven, sechzehnrädrigen Wagen mit der hölzernen Statue des hinduistischen Gottes Jagannath durch die Straßen der Küstenstadt Puri ziehen. Per Zufall stolperten die Briten im 19. Jahrhundert in diesen schweißtreibenden Kraftakt religiöser Hingabe hinein, mochten den Klang des Namens und der Rest ist – wie man so schön sagt – Geschichte.

Auch wenn sich Indiens Aktienmärkte in der Zwischenzeit wieder erholt haben, sind sie nach dem 8. November des letzten Jahres zunächst um rund 6,5 Prozent gefallen. An diesem Tag gab die Regierung von Premierminister Narendra Modi ihre kontroverse Bargeldreform bekannt, die viele Menschen in Panik versetzte und sie aus Angst um ihre Ersparnisse Banken belagern ließ.

Nur wenige Stunden später wurde auf der anderen Seite der Welt Donald Trump von den US-Wählern zum nächsten Präsidenten der Vereinigten Staaten gewählt. Trumps Drohung, Handelsabkommen aufzukündigen, macht Exporteure nervös. Nach dem jetzigen Stand der Dinge zu urteilen, wird seine Politik die Inflation in den USA anheizen. Im Gegenzug könnte die Federal Reserve die Zinserhöhungen beschleunigen, was den Dollar stärker und Schwellenländer-Assets weniger attraktiv machen würde. Letzten Dezember hat die Federal Reserve die Zinsen seit einem Jahr erstmalig wieder angehoben.

Indiens Reformpolitiker werden sich verwundert gefragt haben, was los ist, denn just in dem Moment, in dem der schwerfällige Reform-„Juggernaut“ endlich Fahrt aufgenommen hatte, schienen sich die Räder wieder festzufressen und den extremen Kraftakt ad absurdum zu führen.

Der Begriff Demonetarisierung beschreibt den Prozess, mit dem einer ganzen Währung oder einzelnen Banknoten ihr Status als gesetzliches Zahlungsmittel entzogen wird – ein Beispiel hierfür war die Abschaffung der nationalen europäischen Währungen mit der Schaffung der Eurozone in den späten 1990ern. In Indien hat die Regierung überraschend entschieden, 500- und 1000-Rupien-Scheine, die fast 90 Prozent des umlaufenden Bargelds ausmachten, einzuziehen bzw. durch neue Banknoten zu ersetzen.

Leider zieht sich der Prozess des Austauschs der Banknoten vor allem in den stark bargeldbasierten ländlichen Regionen, in denen die ärmsten Teile der Bevölkerung leben, länger hin als erwartet. Die Menschen waren gezwungen, stundenlang an den Banken anzustehen, um ihre bald wertlosen Banknoten einzuzahlen oder – sofern verfügbar – gegen neue Banknoten einzutauschen. Da es an diesen jedoch mangelt, werden Arbeiterlöhne nicht ausbezahlt und viele Menschen können ihre Rechnungen nicht mehr bezahlen.




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