Rezession nach Plan

Gabor Steingart, Journalist und Buchautor

Die Rezession, die den Deutschen ins Haus steht, ist die am besten zu prognostizierende der Nachkriegsgeschichte. Die Wirtschaft stürzt nicht ab, sondern gleitet sanft nach unten. Der Wohlstand wird nicht verschwinden, nur schrumpfen. Auf dem Armaturenbrett der Volkswirtschaft haben die Tachonadeln der wichtigsten Antriebsaggregate in den roten Bereich gedreht.

Nach zehn Jahren Aufschwung schrumpfte die deutsche Wirtschaft im zweiten Quartal um 0,1 Prozent. Alle Frühindikatoren deuten darauf hin, dass sich die Schrumpfung im dritten Quartal beschleunigt.

Im Juni sanken die Exportwerte der deutschen Wirtschaft um acht Prozent.

Im Jahresvergleich gab die Industrieproduktion um fünf Prozent nach. Bei den Maschinenbauern steht eine nennenswerte Zahl stornierter Werkzeugmaschinen in den Lagerhallen.

Vor allem die Automobilindustrie und ihre Zulieferer laufen nicht rund. BMW und Daimler haben nach diversen Gewinnwarnungen die Vorstandsvorsitzenden ausgewechselt. Den Lauf der Dinge, der zurzeit vor allem ein Lauf nach unten ist, hat das nicht aufhalten können. Bei Continental werden im 3. Quartal erneut unbequeme Nachrichten erwartet.

Die Personalabteilungen der Dax-Konzerne stellen in diesen Tagen ihre Kürzungslisten zusammen, um sie mit den Betriebsräten zu besprechen: Die Deutsche Bank will rund 20.000 Stellen streichen, BASF 6.000, Bayer 12.000 Stellen und auch bei Siemens, Volkswagen und ThyssenKrupp werden die Gehaltslisten verkürzt.

Doch Kanzlerin Angela Merkel, und darin liegt der eigentliche Skandal, betreibt „business as usual“. Dabei weiß jeder, der es wissen will: Treffen die Verwerfungen der Weltwirtschaft auf politische Apathie, kann sich eine Rezession in eine tiefe Wirtschaftskrise verwandeln – mit Massenarbeitslosigkeit, Firmenpleiten, plus angeschlossener politischer Eruption. Das haben die dreißiger Jahre des vergangenen Jahrhunderts in Amerika und auch in Deutschland gezeigt.

Die Instrumente, die nun in die Hand genommen werden müssten, liegen für alle sichtbar auf dem Tisch:

Die mittelständische Wirtschaft braucht einen Stimulus, also beispielsweise Entlastungen bei der Körperschaftssteuer und den Energiepreisen.

Auch die sofortige Abschaffung des Soli würde einen Impuls setzen. Bislang plant die Regierung lediglich die teilweise Abschaffung und auch die erst im Jahr 2021.

Notwendig wäre ein Infrastrukturprogramm, um die verschlissenen Brücken, Straßen, Schienen und Schulgebäude in Deutschland zu sanieren. Gleichzeitig ließe sich so die bald schon rückläufige Beschäftigung stabilisieren. Zur Finanzierung ist eine Umschichtung von den konsumptiven hin zu den investiven Staatsausgaben notwendig.

Auch die staatlich moderierte Verkehrswende, also die Förderung der Elektromobilität und der beschleunigte Aufbau einer Schnellladeinfrastruktur, würden sich positiv auf die wirtschaftliche Lage auswirken. Zur Finanzierung stünde das Budget staatlicher Subventionen bereit, dass derzeit mehr als 25 Milliarden Euro umfasst und überwiegend in die Konservierung überholter Strukturen fließt.

Der US-amerikanische Präsident sieht den chinesischen Staatschef Xi Jinping als Schlüsselfigur in der Hongkong-Krise und mahnt eine humane Lösung im Umgang mit den protestierenden Bürgern an. „Persönliches Treffen?“ fragt Donald Trump den chinesischen Staatspräsidenten im Telegrammstil seines Twitter-Tweets. Damit ist nicht der Konflikt, aber zumindest die Verantwortlichkeit geklärt.

Ein Wechsel an der Spitze des Aufsichtsrates der Deutschen Bank wird vorbereitet: Der oberste Kontrolleur und Überlebenskünstler Paul Achleitner, der seit 2012 die Vorstandschefs in rasanter Folge berief und wieder verabschiedete, wird nicht verlängern. Spätestens mit Ende der Vertragslaufzeit im Frühling 2022 ist Schluss, darauf haben sich Achleitner und wichtige Investoren wie der US-Fonds Cerberus und die Scheichs aus Katar geeinigt. Der umtriebige Paul Achleitner bekommt nach aufreibenden Jahren der Zukunftssuche das, was er verdient hat: einen Abschied in Würde.

Gesine Schwan will sich gemeinsam mit dem Parteilinken Ralf Stegner um die Doppelspitze der SPD bewerben. Kaum waren die Personalien durchgesickert, wurde gespottet.

CDU-Generalsekretär Paul Ziemiak twitterte: „Stegner hat nun doch eine Frau gefunden … Wenn beide noch den Kevin adoptieren, könnten wir eine Neuauflage von ‘Eine schrecklich nette Familie’ aufführen.“

Sein Gegenüber bei der SPD, Generalsekretär Lars Klingbeil, giftete zurück: „Sehr halbstark, Paul. Verächtlich über Menschen reden, die sich engagieren. Aber wenigstens hört man überhaupt mal wieder was von Dir!“

Juso-Chef Kevin Kühnert weiß, wie man sich ins Gespräch bringt, und bezichtigt nun seinerseits Ziemiak der politischen Brandstifterei: „Nach dem Mord an Walter Lübcke habt ihr in der CDU die ‘gezielte Vergiftung des gesellschaftlichen Klimas und die Verrohung des politischen Diskurses’ beklagt. Nehmt ihr euch eigentlich selbst ernst?“

Wir lernen: Parteipolitik ist, wenn keiner mehr über die Sache spricht. Es wird politisiert, polemisiert und finassiert – bis das Publikum sich abwendet. Jede Art von Neugier scheint plötzlich verdächtig. Dabei lauten die beiden entscheidenden Fragen doch: Wer eigentlich sind Gesine Schwan und Ralf Stegner? Und was haben sie anzubieten, um die alte Tante SPD zu revitalisieren?

Der deutsche Steuerdschungel ist schon so dicht wie der Amazonas. Doch anders als in der realen Welt holzt die Politik ihn nicht ab, sondern will am liebsten weitere Schlingpflanzen züchten. Eine erhöhte Mehrwertsteuer auf Fleisch gilt als der letzte Schrei.

Der Chef der „Rügenwalder Mühle“ – Godo Röben sein Name – hält das für keine kluge Idee, weil er den gesamten Fleischkonsum der westlichen Welt für keine gute Idee hält. Mit oder ohne Mehrwertsteuer. Ausgerechnet der Mann, dessen Firma mit Fleischprodukten aller Art groß geworden ist, will weg von Mettwurst und Mortadella – und hin zu pflanzlichen Proteinen und Eiweißen. Röben ist der Che Guevara der Fleischindustrie.

Schon jetzt basieren 40 Prozent seiner Erlöse auf pflanzlicher Basis. Der Mann glaubt, dass dem Fleisch ein ähnliches Schicksal bevorsteht wie der Schallplatte und der gedruckten Zeitung. Im Morning Briefing Podcast This image cannot be displayed. redet er Klartext. Seine Kernaussagen:

Ich gehe davon aus, dass das so eine Entwicklung ist wie von der Kutsche über den Diesel zur Elektromobilität, von der LP über die CD hin zum Streaming-Dienst. Wir werden weiter Fleisch und Wurst essen. Aber der nächste Schritt ist, dass die Proteine aus Pflanzen kommen. Das ist besser fürs Klima, besser für die Gesundheit und besser für die Tiere.“

Eine Mehrwertsteuererhöhung hält Röben für falsch, weil sie den Konsum gar nicht steuern wird. Die für ihn wirklich wichtige Frage ist eine andere:

Wie kriegen wir es hin, dass wir die tierischen Proteine durch pflanzliche Proteine ersetzen? Das ist keine Spinnerei, das ist ein Wertewandel, der momentan auf der ganzen Welt stattfindet.“

Das Verbraucherinteresse sei vorhanden, trotz des riesigen konventionellen Fleischmarktes von etwa einer Billion US-Dollar:

Der pflanzliche Wurstmarkt ist momentan weltweit zwei Milliarden US-Dollar groß und er wird auf 100 bis 400 Milliarden anwachsen.“
Wieso aber soll Pflanzenfleisch eigentlich ein Klimaretter sein?

Röben klärt auf:

Die gehen davon aus, dass ein Burger aus Rindfleisch 99 Prozent mehr Land braucht als ein Burger aus Pflanzenprotein, 90 Prozent mehr Wasser, 70 Prozent mehr Energie. Warum sollte man den ganzen Weizen und das Soja noch durchs Schwein durchdrücken, wenn man aus den Produkten schon direkt Fleisch und Wurst machen kann?“

Fazit: Die Welt der Wirtschaft braucht Pioniere wie Godo Röben. Viele Traditionalisten werden das, was er denkt, sagt oder tut als Zumutung empfinden. Aber vielleicht ist Zumutung nur ein anderes Wort für Zukunft.

Greta Thunberg hat ihre große Reise angetreten. Gestern setzte die Klima-Aktivistin in Plymouth, im Südwesten Englands, die Segel. Zwei Wochen lang wird sie – sofern alles gut läuft – mit einem professionellen Skipper auf einem Carbon-Rennkatamaran auf offenem Meer unterwegs sein. Das Ziel ist der UN-Klimagipfel in New York, wo sie eine Rede halten wird.

Weil das Schiff einem reichen Immobilieninvestor aus Deutschland gehört, war Greta Thunberg sichtlich bemüht, das Asketische der Tour herauszustreichen: Statt Dusche gebe es Atlantikwasser, statt Toilette einen Plastikeimer in einer Nische auf Deck, heißt es. Nicht in richtigen Betten werde sie schlafen, sondern in schmalen Rohrkojen: Doch lieber schlecht schlafen als gut sitzen: Attraktiver als Schule scheint dieser Abenteuerausflug allemal zu sein.




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