Warum der Börsenmarkt demokratisiert werden muss

Manuel Heyden, Gründer und Geschäftsführer von nextmarkets

Selten zuvor waren die Bedingungen, um erfolgreich an der Börse zu handeln, so gut wie heute. Die Niedrigzinspolitik der EZB, der demographische Wandel und eine mögliche Rezession begünstigen die Erfolgschancen auf dem Börsenparkett. Trotzdem ist der Großteil der Deutschen sehr zögerlich beim Thema Aktienhandel. Das liegt vor allem daran, dass das Finanzwesen sehr stark institutionalisiert und unübersichtlich ist. Inzwischen haben sich Fintech-Unternehmen darauf spezialisiert, den Börsenmarkt zu demokratisieren.

Deutsche Anleger sind sehr zögerlich

Mehr als zehn Jahre ist es her, als die Lehman Brothers-Pleite zu einer der größten Finanzkrisen der Geschichte führte. Viele Anleger, die der US-amerikanischen Großbank damals ihr Geld anvertrauten, wurden falsch beraten und verloren riesige Geldsummen. Noch schlimmer: Sie verloren ihr Vertrauen in das Finanzwesen.

Auch heute zeigen sich die Auswirkungen der Finanzkrise von 2008 im Verhalten vieler Sparer. Vor allem in Deutschland sind die Menschen noch immer sehr zögerlich, wenn es darum geht, ihr mühsam Erspartes an der Börse anzulegen. Studien belegen, dass die Deutschen vor allem eine Sorge umtreibt: die Angst vor Kursschwankungen an der Börse. Klar ist, dass jeder der an der Börse aktiv ist und mit Wertpapieren handelt, nicht nur große Chancen hat, erfolgreich große Dividenden zu erzielen. Wer schlechte Entscheidungen trifft, in die falschen Aktien investiert und die Märkte nicht gut genug beobachtet, der kann eine Menge Geld verlieren.

In Deutschland misstrauen laut einer Studie des Meinungsforschungsinstituts YouGov rund 51 Prozent der Sparer der Volatilität des Wertpapiermarktes. Sie können mit den möglichen Aufs und Abs der Börsenkurse nicht gut umgehen und wollen das Risiko von Geldverlusten durch schlechte Entscheidungen auf dem Börsenparkett nicht eingehen.

Die Hemmung, sein Geld an der Börse anzulegen, ist durchaus nachvollziehbar. Selbst Experten, die bereits seit Jahrzehnten an der Börse tätig sind, lernen nie aus und können nicht jede Entwicklung, die sich auf dem Börsenparkett abzeichnet, voraussehen. Dafür ist der Markt schlichtweg zu unübersichtlich.

Frauen sehr zögerlich an der Börse

Besonders Frauen legen ihr Geld nur sehr ungern an der Börse an. Dies liegt die Studie nahe, bei der 64 Prozent der Befragten Teilnehmerinnen die Ansicht vertreten, dass die Börse „nur etwas für Experten“ sei. Allerdings scheint es sich nicht um eine geschlechterspezifische Einschätzung zu handeln, denn immerhin 55 Prozent der männlichen Befragten gab an, dass auch sie die Börse als etwas betrachten, dass den Experten überlassen werden sollte.

Auch, wenn die Einschätzung in die eigene Börsenkenntnisse sowohl bei Frauen wie bei Männern eher gering ist, sind beide Geschlechter sehr interessiert daran. 43 Prozent der Männer und 38 Prozent der Frauen würden gerne Geld an der Börse anlegen.

Die jeweilige politische Lage im Land scheint dabei nicht unbedingt ein Grund für zögerliches Verhalten zu sein – eher scheint bei den meisten Sparern in Deutschland ein grundsätzliches Misstrauen gegen den Börsenmarkt zu herrschen. Lehman Brothers-Pleite, Deutsche Bank-Skandal und viele weitere Negativmeldungen aus der Finanzbranche haben dieses Misstrauen in den vergangenen Jahren genährt und die seit jeher sehr intransparente Finanz-und Investmentindustrie hat es noch weiter verstärkt.

Legt man die Tatsache zu Grunde, dass es keine Anlageform gibt, bei der mehr Rendite erzielt werden kann als beim Börsenhandel, ist dies sowohl bei Frauen als auch bei Männern eine sehr niedrige Zahl. Immerhin ist positiv zu erwähnen, dass beide Geschlechtergruppen großen Wert darauf legen, gut beraten zu werden und keine Alleingänge zu machen. Das passt zur allgemeinen Risikoaversität deutscher Anleger und ist prinzipiell eine vernünftige Vorgehensweise.

Wie bauen die Deutschen ihr Vermögen auf?

Durch die Skepsis, an der Börse aktiv zu werden, gehen viele Deutsche ein großes Risiko ein. Während nicht wenige Sparer glauben, dass der Handel an der Börse mit ähnlich hohen Risiken verbunden ist wie ein Besuch im Casino, riskieren sie in Wirklichkeit ein Abrutschen in die Altersarmut.

Um den Vermögensaufbau dennoch voranzutreiben, sind vor allem konservative Anlageformen sehr beliebt: Besonders gerne legen deutsche Sparer ihr Geld ganz klassisch auf ihrem Sparbuch an. Ebenfalls hoch im Kurs liegen das Girokonto und der Bausparvertrag. Diese bringen zwar verhältnismäßig wenig Rendite, dafür große Sicherheit und beständiges, wenn auch langsames Wachstum.

Ob Anleger mit niedrig verzinsen Nominalwerten wie Tagesgeld und Sparbuch langfristig ein Vermögen aufbauen können, ist allerdings fraglich. Schließlich muss man auch das Risiko einer Inflation, die in er Regel deutlich über den Sparzinsen liegt, rechnen. Doch aus Angst vor Kursschwankungen ziehen viele Anleger die vermeintliche Sicherheit ihres Sparbuches vor.

Solange die Zinsen sich im Nullbereich befinden, bezahlen Sparer die Sicherheit ihrer Sparanlagen allerdings mit dem realen Wertverlust durch Inflation. Durch eine solche Entwertung des Geldes können sich Anleger in zehn Jahren weniger Waren für diese 10.000 Euro leisten als es heute der Fall ist.

Fintech: Digitalisierung ersetzt Finanzexperten

Mit dem Aufkommen der Finanztechnologie haben sich die Bedingungen für ein erfolgreiches Investment auf dem Börsenmarkt im Gegensatz zu vor zehn bis fünfzehn Jahren grundlegend verändert.

Digitale Produkte ermöglichen es Anlegern, einen besseren Überblick über die Geschehnisse auf den internationalen Märkten zu bekommen und mehr über den Börsenhandel zu lernen. Diese Möglichkeiten gab es bis vor wenigen Jahren nur in der Theorie. Heutzutage lässt sich der Gang aufs Börsenparkett sogar beliebig lang mit Hilfe von Börsensimulationen üben, bis ein Anleger das Gefühl hat, dass er sich einigermaßen gut mit Wertpapieren auskennt und ungefähr weiß, worauf es beim Investieren ankommt.

Aber auch das Anlegen auf dem echten Börsenparkett wird heutzutage durch digitale Helfer unterstützt. Mit dem “Social Trading” gibt es eine Anlageform, die interaktive Social Media-Kommunikation mit Investments an der Börse miteinander verbindet. Das Prinzip von Social Trading existiert im Prinzip schon immer, da die Banken an sich als Form eines sozialen Netzwerks aktiv sind. Beim modernen Social Trading ist dieses Netzwerk allerdings nicht mehr institutionalisiert, sondern steht auch Privatanlegern zur Verfügung.

Mithilfe von Apps können sich Anleger mit nur wenigen Klicks über Investments, Anlageentscheidungen oder Strategien austauschen. Das ist auch für Neueinsteiger hilfreich, da diese sich in Ruhe mit den Spielregeln des Börsenhandels vertraut machen können und die Zusammenhänge des Investierens kennenlernen können.

Demokratisierung des Börsenmarktes

Zwar weisen Kritiker des Social Trading darauf hin, dass die Risiken eines Verlustes von Kapital sehr hoch sind. Allerdings handelt es sich beim Social Trading um einen ersten Versuch, den Börsenmarkt zu demokratisieren. Anleger haben erstmals die volle Kontrolle über ihre Aktivitäten. Gleichzeitig haben sie mittels Künstlicher Intelligenz und der mittlerweile viel transparenteren Nachrichtenflüsse hilfreiche Instrumente, um erfolgreich anzulegen.

Darüber hinaus gibt es allerdings auch Plattformen, die passionierten Anlegern Coaches an die Seite stellen, die – neben den KI-generierten Tipps und Instrumenten – Impulse und Tipps geben, welche Anlagestrategie sich langfristig auszahlt. Denn der Aufbau von Vertrauen spielt in einem so sensiblen Betätigungsfeld eine erhebliche Rolle. Künstliche Intelligenz allein kann nicht unbedingt dafür sorgen. Schließlich gibt es nicht umsonst unzählige ökonomische Theorien, die belegen, dass der Mensch beim Anlegen sehr stark auf sein Gefühl hört, Fakten ignoriert und häufig genau durch diesen Umstand Geld verliert. Da kann es einen großen Unterschied ausmachen, ob der Rat von einem Menschen kommt, der bereits selbst erfolgreich an der Börse tätig ist oder von einer Maschine. Ebenso helfen die Börsen-Coaches Anlegern dabei, den sehr undurchsichtigen Dschungel an Informationen und Zahlen zu analysieren und verständlich zu machen. Dass diese Form des Investierens eine große Zukunft besitzt, zeigt sich auch in der Tatsache, dass selbst Star-Investor Peter Thiel in eine Social-Trading-Plattform investiert hat.

Geduld ist ein Muss für Anleger

Vielen Deutschen fehlt die Geduld, sich mit der Materie Börse auseinanderzusetzen. Für sie stellt der Aktienmarkt ein Universum dar, in dem viel Geld zu holen ist, sie aber zu wenig Motivation besitzen, um selbst Profit daraus zu schlagen. Das ist zwar verständlich, aber sehr fahrlässig. Schließlich ist das Risiko, Geldsummen zu verlieren zwar gegeben, aber längst nicht so dramatisch hoch wie es allgemein dargestellt wird. Dagegen lässt sich mit den „klassischen“ Anlageformen wie Sparbuch, Girokonten, Bausparverträgen und Co. kaum Rendite erzielen.

Zudem wird es dank der Entwicklungen aus dem Fintech-Sektor immer einfacher, Geld anzulegen. Dadurch, dass immer mehr Informationen zur Verfügung stehen und in komprimierter Form abrufbar sind, steigen die Erfolgschancen an der Börse deutlich – vorausgesetzt, man setzt sich ein wenig mit der Materie auseinander.

Natürlich haben Anleger in Wertpapiere letzten Endes die Aufgabe, ein Verständnis dafür zu entwickeln, dass Schwankungen am Markt normal sind und zunächst kein Grund sind, um in Panik auszubrechen und die Strategie über den Haufen zu werfen. Die Bedingungen für ein erfolgreiches Investment sind besser als je zuvor und können sich mit einer weiteren Demokratisierung des Börsenmarktes noch weiter verbessern. Die Börse ist nicht mit einem Casino zu vergleichen – im Unterschied zum Glücksspiel kann hier jeder gewinnen, der es versteht, die ihm zur Verfügung stehenden Informationen am besten zu lesen und Entscheiden zu treffen.

 




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