Wichtiger als Krieg

Für viele Millennials ist es wichtiger, den Klimawandel aufzuhalten, als kriegerische Konflikte zu lösen. Was Investoren bei Klimainvestitionen beachten sollten, erklärt Frédéric Samama von Amundi im exklusiven Interview.

In welcher Beziehung stehen Klimainvestitionen zu anderen nachhaltigen Geldanlagen?

Investitionen nach Kriterien wie ESG oder SRI (ecological, social, governance; socially responsible investing) haben mehrere Dimensionen. Das macht den Anlageprozess kompliziert. In den Augen einiger Investoren sind solche Kriterien hilfreich, wenn es darum geht, bestimmte Werte bei der Anlageentscheidung zu berücksichtigen. Sie investieren dann vielleicht nicht in Unternehmen der Tabak- oder Alkoholindustrie oder berücksichtigen im Anlageprozess religiöse Ansichten. Oder sie legen ihr Geld so an, dass sie Menschen helfen und dafür gute Renditen erwarten können, beispielsweise in Form von Mikrokrediten. Darüber hinaus helfen die Kriterien dabei, Risiken zu reduzieren und sich so einen Wettbewerbsvorteil zu verschaffen. Das gilt beispielsweise für Klimainvestitionen, denn Investoren sind sich zunehmend einig, dass die Risiken des Klimawandels falsch eingepreist sind. Das liegt vor allem an der kurzfristigen Perspektive vieler Marktteilnehmer. Die Art und Weise wie wir mit unserem Planeten umgehen, wird sich jedoch dramatisch ändern müssen und große Herausforderungen nach sich ziehen. Das zu begreifen, fällt vielen schwer. Darüber hinaus sind viele der nachhaltigen Investitionskriterien wie ESG nicht einheitlich definiert und unterscheiden sich häufig regional. Die Risiken des Klimawandels sind dagegen global und relevant für alle Investoren. Während ESG Investments sich positiv entwickeln, boomen Klimainvestitionen geradezu.

Die USA haben das Pariser Klimaabkommen verlassen. Wieso versucht China, die Führungsrolle der Vereinigten Staaten zu übernehmen?

Noch vor zehn, fünf, oder sogar drei Jahren wäre die Nachricht über das Ausscheiden der USA aus dem Abkommen eine Katastrophe gewesen, denn bis vor Kurzem führten die USA den Kampf gegen den Klimawandel. Jahrzehntelang haben nur Regierungen und Non-Profit-Organisationen gegen den Klimawandel gekämpft, doch seit einigen Jahren engagiert sich auch die Zivilgesellschaft: Investoren, Millennials, oder Einwohner bestimmter Regionen. Dadurch verlieren Regierungen und Staatsoberhäupter an Bedeutung. Es ist also nicht mehr so gravierend, dass die USA das Abkommen verlassen haben. Nichtsdestotrotz übernimmt China nun die Rolle der Vereinigten Staaten. Seit etwa fünfzehn Jahren ist das Land der größte „grüne“ Investor weltweit und hat damit Europa nach Jahrzehnten abgelöst. Im Zuge des One Planet Summit in Paris im Dezember 2017 trafen der französische Präsident Emmanuel Macron, der Präsident der Weltbankgruppe Jim Yong Kim und der Generalsekretär der Vereinten Nationen António Guterres zwölf Vereinbarungen, die den Klimawandel eindämmen sollen. China unterstützt diese Vereinbarungen und Chinas Zentralbank drängt nun darauf, grüne Anleihen zu emittieren und mobilisiert die Kapitalmärkte.

Warum sollte man Klimainvestitionen fördern?

Es bringt Rendite. Bei Amundi haben wir 2011 eine Methode entwickelt, die jetzt von mehreren großen Investoren weltweit genutzt wird. Fast alle nutzen passive Anlageprodukte, in Form von ETFs (Exchange Traded Funds) oder Mandaten, mit denen sie Indizes wie den S&P 500 oder einen der MSCI-Indizes nachbilden. Wir können die Unternehmen der jeweiligen Indizes daraufhin untersuchen, wie sehr sie den Risiken des Klimawandels ausgesetzt sind oder zu ihm beitragen. Dann können wir die klimaschädlichen beziehungsweise -gefährdeten Unternehmen aus dem Index nehmen und sie durch besser positionierte Firmen ersetzen. Dank unserer Methode ist das möglich, ohne die Länder- oder Branchengewichtungen zu verändern. Wir glauben, dass Unternehmen, die durch ihr Handeln den Klimawandel fördern, irgendwann bestraft werden. Da sie in unserer Methode aus ihren jeweiligen Indizes ausgeschlossen wurden, kann man mit dieser Strategie andere Marktteilnehmer outperformen. Investoren, die darauf achten, dass der Klimawandel kein Risiko für ihre Portfolios darstellt, machen Gewinn. Es ist also nicht länger so, dass Anleger ihre Gewinne opfern müssen, um nachhaltig und verantwortungsvoll zu investieren. Sie können nun Gewinne mit einem positiven Einfluss auf die Gesellschaft verbinden. Ein weiterer positiver Effekt ist, dass klimaschädigende Unternehmen zunehmend unter Druck geraten und dass der Übergang zu einer emissionsarmen Wirtschaft beschleunigt wird.

Welche Risiken müssen Investoren bei Klimainvestitionen beachten?

Da gibt es viele. Man muss sich bei einer Investition fragen, welche Faktoren die Asset-Preise beeinflussen könnten. So verpflichten sich viele Länder auf nationaler Ebene dazu, etwas gegen den Klimawandel zu tun. Das sollten Investoren beachten. Auch die Besteuerung von klimaschädigenden Unternehmen wird immer höher. Viele dieser Maßnahmen funktionieren. Ende 2025 wird es in Städten wie Paris, Athen oder Madrid nicht mehr erlaubt sein, ein Dieselfahrzeug zu fahren. Das beeinflusst die Wertentwicklung von Assets aus der Automobilbranche. Auch für die Gesellschaft ist der Klimawandel mittlerweile ein wichtiges Thema, für viele Millennials rangiert es noch vor Krieg. Sie sind wahlberechtigt und sie konsumieren, so verändern ihre Präferenzen die Märkte. Gleiches gilt für die fortschreitende Technologisierung. Studien belegen, dass der Preis mancher erneuerbarer Energien mittlerweile geringer ist, als der für Atomkraft oder Energie aus fossilen Brennstoffen. Trotzdem werden sich die CO2-Emissionen bis zum Ende dieses Jahrhunderts von heute 40 auf beinahe 80 Gigatonnen verdoppeln. Wenn der Klimawandel nicht abgeschwächt wird, könnten bis zum Jahr 2050 143 Millionen Menschen aus Südamerika, Afrika und Asien abwandern, weil der Klimawandel ein Leben in ihrer Heimat erschwert oder unmöglich gemacht hat. Weitere sieben bis neun Millionen Menschen werden an den Folgen des Klimawandels sterben. Bis zum Jahr 2025 werden etwa 63 Prozent der Weltbevölkerung an Wassermangel leiden. Wenn das Wasser knapp ist, bekommen es natürlich zuerst die Menschen und nicht die Unternehmen, die es in ihrer Produktion brauchen. Demnach dürften viele Unternehmen schließen und auch der Ackerbau dürfte unter dieser Entwicklung leiden.

Was kann man tun, um das zu verhindern?

Um das alles zu verhindern beziehungsweise einzugrenzen, braucht es mehr Regulierungen. Um den Temperaturanstieg unter zwei Grad zu halten, müssen wir die CO2-Emissionen bis 2050 fast auf null senken. Dafür müssen alle Sektoren in allen Ländern mitarbeiten: Fluglinien, Immobilien, Landwirtschaft, Logistik, die USA und China. Das ist eine gewaltige Aufgabe, doch es gibt auch gute Neuigkeiten. Der Preis für Kohlenstoffemissionen hat sich in Europa innerhalb eines Jahres verdreifacht – wovon ein starkes Signal ausgeht. Das ist ein effizientes Mittel, um den Kohlenstoffausstoß von Unternehmen zu reduzieren. Seit dem One Planet Summit nimmt sogar China an der Besteuerung von CO2-Emissionen teil.

Was können Regierungen tun, um Klimainvestitionen zu fördern?

Regierungen müssen verfügbare Instrumente und Kenntnisse einsetzen, um die breite Masse zu beeinflussen. In Frankreich beispielsweise wurde 2015 Artikel 173 des Energiewendegesetzes verabschiedet. Die Regulierung verpflichtet annähernd alle Investoren, ihre klimabezogenen Risiken offen zu legen. Das hat vieles geändert, da sich jetzt auch Anleger für bessere Klimabilanzen interessieren, die das vorher nicht getan haben. So kann man eine Entwicklung hin zu einem besseren Klima beschleunigen – und das ohne zusätzliche Kosten.




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