„China ist sehr gut aufgestellt“

China ist gut aufgestellt, meint die Fondsmanagerin Wenchang Ma. Die Expertin im Gespräch zu den Aussichten auf dem chinesischen Markt.

Asien treibt Innovationen voran. Die Forschungs- und Entwicklungsausgaben steigen, vor allem verglichen mit dem Rest der Welt. Vor allem ist die Zahl der Patentanmeldungen in China außergewöhnlich hoch.

Ja, das stimmt. Was Innovationen anbelangt, ist China sehr gut aufgestellt. Die chinesische Regierung setzt auf eine ganze Reihe an unterstützenden Maßnahmen. Das trägt zur hohen Innovationskraft der chinesischen Wirtschaft bei, und bei einem genaueren Blick auf die durchschnittlichen F&E-Ausgaben gemessen am BIP erkennt man, dass China in diesem Punkt der Eurozone voraus ist.

China setzt auf ambitionierte Infrastrukturprogramme – denken wir nur an das Projekt „Belt and Road“ mit einem Investitionsvolumen von mehr als 900 Milliarden US-Dollar. Wie steht es um die Gefahr einer Überschuldung?

Das Risiko der Überschuldung in China hat Investoren schon immer beschäftigt, und ich denke, dass dies auch tatsächlich ein sehr ernstzunehmender Anlass zur Sorge ist. Die Überschuldung steht in unserer Analyse weit oben auf der Liste der sich in China abzeichnenden Risiken. Mit Blick auf die Gesamtverschuldung muss man sagen, dass sich diese in der Vergangenheit weiter erhöht hat, insbesondere während der Finanzkrise, als China versuchte, durch gezielte Konjunkturprogramme der globalen Rezession zu trotzen. Dies führte zu einer höheren Gesamtverschuldung des Landes, aber durch angebotsseitige Reformen und einer strengen Umweltpolitik ist es der Regierung gelungen, Überkapazitäten in allen Branchen abzubauen und im Allgemeinen sind die Unternehmen, die sich behaupten konnten, finanziell erheblich besser und stabiler aufgestellt. Die Margen sind gestiegen, der Cashflow hat sich verbessert, die Unternehmen konnten Schulden abbauen und der Verschuldungsgrad von Chinas so genannter Old Economy, wo das Schuldenrisiko des Landes in der Vergangenheit am höchsten war, ist zurückgegangen.

So konnte man im Jahr 2017 und zu Beginn des Jahres 2018 bei den Unternehmen eine Stabilisierung bzw. einen leichten Rückgang der Verschuldung beobachten und feststellen, dass bei den Banken der Anteil der notleidenden Kredite de facto nicht zugenommen hat. Insgesamt ist der Verschuldungsgrad zwar weiterhin ein langfristiges Risiko, aber aus heutiger Perspektive erscheint es durchaus noch vertretbar. Solange die Unternehmensgewinne weiter wachsen, die Cashflow-Situation stabil bleibt und Investitionsausgaben effektiv eingesetzt werden sollte die Gesamtsituation beherrschbar bleiben.

Uns liegen die jüngsten Zahlen des BIP-Wachstums in China vor und einige Experten im Westen schienen davon ziemlich enttäuscht zu sein. Woran liegt das Ihrer Meinung nach?

Meiner Meinung nach ist es wenig zielführend, wenn man versucht, China mit einer einzigen Zahl zu erfassen, insbesondere wenn es sich dabei ausschließlich um die Wachstumsrate des BIP handelt. China ist ein so großes Land und wenn man einen Blick auf die erst- oder zweitrangigen Städte im Vergleich zu den dritt- oder viertrangigen Städten oder gar auf die ländlichen Regionen wirft, ergibt sich ein vollkommen anderes Bild. Ich bin daher der Auffassung, dass der Versuch, das ganze Land in einer einzigen Kennzahl zusammenzufassen, ein Fehler wäre, und man dabei die sich vor Ort bietenden Chancen leichtfertig liegen lässt.

Man muss eine fundamentale Bottom-up-Perspektive einnehmen, sich die einzelnen Unternehmen genauer ansehen, die Wachstumschancen analysieren, die Unternehmensqualität bewerten, die geschäftliche Dynamik und auch die Bewertungen berücksichtigen. Dies sind die wesentlichen Faktoren für die langfristige Performance der Aktienmärkte. Die Faktoren liegen tatsächlich nicht auf der makroökonomischen Ebene. Wenn die Leute auf politische Nachrichten blicken, führt dies oftmals zu kurzfristiger Marktvolatilität, aber langfristig sollte man eher das große Ganze im Blick behalten.

Wie schätzen Sie Investitionen in chinesische A-Aktien ein?

Chinesische A-Aktien sind derzeit sehr günstig bewertet. Aktuell notieren sie unter ihrem 10-Jahres-Durchschnitt und im Vergleich zu den entwickelten Märkten, ob nun zum US-amerikanischen oder zum europäischen Markt, sind sie sehr preisgünstig. Besonders attraktiv erscheinen sie angesichts des gesamtwirtschaftlichen Wachstumspotentials im Vergleich zu diesen anderen Märkten.

Im A-Aktienmarkt zeigen globale Investoren ein stark erhöhtes Interesse an chinesischen A-Aktien. Dies ist zum Teil begründet in der Aufnahme chinesischer Aktien in die Börsenindizes von MSCI sowie von FTSE Russell. Beide Indizes nehmen immer mehr chinesische A-Aktien auf. MSCI beabsichtigt, den Anteil chinesischer A-Aktien im kommenden Jahr von 5 % auf 20 % zu erhöhen. Der FTSE Russell wird im nächsten Jahr erstmalig A-Aktien in seinen Emerging-Market-Benchmark-Index aufnehmen. Anfänglich werden chinesische A-Aktien ca. 5,5 % des Emerging-Market-Index des FTSE Rusell ausmachen.

Dies ist ein ziemlich hoher Anteil und durch den Schritt der beiden Indizes werden passive Mittelzuflüsse in den A-Aktien-Markt ausgelöst und aktive Investoren stellen sich bereits entsprechend auf; und manche aktiv investierte Gelder werden dem passiven Geldstrom folgen, abhängig von der individuellen Strategie des jeweiligen Asset Managers für die Region, aber so oder so ist der Trend eindeutig. Globale Investoren werden den chinesischen Markt nicht weiter ignorieren können.

Investoren betrachten die Wachstumsperspektiven des Landes, die günstigen Bewertungen, die Aufnahme von chinesischen A-Aktien in große Indizes sowie den Diversifizierungsvorteil, den China gegenüber den anderen Aktienmärkten weltweit zu bieten hat. Ich glaube, dass die Investoren, die Chancen auf diesem Markt erkennen und sich dort mit einer gut durchdachten Strategie engagieren wollen.

Wir können uns nicht über die chinesische Wirtschaft oder die Vorzüge von chinesischen Aktien, wie beispielsweise A-Aktien, unterhalten, ohne über den Handelskrieg zu sprechen, der von Donald Trump ausgelöst wurde. Sind Sie deswegen beunruhigt?

Ich glaube, dass uns der Handelskrieg wahrscheinlich noch eine ganze Weile begleiten wird. Wenn wir uns anschauen, was diesen Konflikt zwischen den USA und China ausgelöst hat, war das tatsächlich die Initiative „Made in China 2025”, mit der China angekündigt hat, dass es in vielen strategisch wichtigen Bereichen, wie zum Beispiel der Robotik, dem Hochgeschwindigkeitsverkehr, Internet und Gesundheitswesen, zum Weltmarktführer werden will.

Die Bedeutung Chinas nimmt also derzeit in all diesen Bereichen auf der ganzen Welt zu. Dies stellt eine Herausforderung für die USA dar, die hier traditionell weltweit führend sind. Daher denke ich, dass es bei diesem Konflikt um mehr geht als nur um Importe und Exporte. Der Konflikt zwischen den beiden Ländern zeigt sich nun in dem Handelsstreit.

Es besteht also das Risiko, dass er länger andauern könnte als dieses Jahr. Gleichzeitig denke ich aber auch, dass der Handelskrieg gewisse Chancen für China bietet, und zwar weil in China derzeit eine Reihe von Reformen vorangetrieben und Innovationen gefördert werden. Da der Handelskrieg das Wirtschaftswachstum gefährdet, denke ich, dass China manche dieser Reformen wahrscheinlich noch stärker forcieren und auch die Innovationstätigkeit weiter ankurbeln wird.

Sind chinesische Aktien insgesamt unterbewertet?

Ja, China ist im Allgemeinen günstig bewertet. Das Bewertungsniveau liegt unter dem 10-Jahres-Durchschnitt. Auch im Hinblick auf das prognostizierte Kurs-Gewinn-Verhältnis ist China deutlich günstiger bewertet als Europa oder die USA, obwohl die Wachstumsaussichten viel attraktiver sind. Dieses Argument der Unterbewertung trägt also für China momentan sehr hohes Gewicht.

Frau Ma, vielen Dank für dieses Gespräch.




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