China und die Thukydides-Falle

Wie wahrscheinlich eine Krise mit China ist, erläutert John Vail, Head of Global Macro Strategy and Asset Allocation, und gibt einen kleinen Exkurs in die Geschichte zum Besten.

Von 1985 bis 1993 bewerteten die meisten globalen Analysten Japan als wahrscheinliche „Thukydides-Falle“. Von diesem Phänomen ist die Rede, wenn eine aufsteigende bei einer etablierten Weltmacht Befürchtungen einer Machtverschiebung hervorruft und daher eine Eskalation bis hin zum Krieg droht.

Während der damalige Konflikt zwischen Japan und den USA gelöst wurde, wird China aufgrund der Regierung unter Präsident Trump derzeit als nächste dringliche Thukydides-Falle gesehen – und zwar nicht nur für die USA, sondern für sämtliche Industrieländer. Es stellt sich also die Frage: Kann eine große Krise verhindert werden?

China ist – im Gegensatz zu Japan – kein Verbündeter der USA und dürfte nicht von seinem Kurs abweichen, nur um eine Eskalation zu vermeiden. Ein globaler Konflikt scheint daher vorprogrammiert; es sei denn China nimmt wesentliche Anpassungen an seiner Wirtschaft vor. Dazu gehört das Vorhaben die heimischen Hightech-Branchen zu subventionieren, um sich einen globalen Vormachtstellung zu sichern. Bis zum jetzigen Zeitpunkt weigert sich China, von seiner Politik abzurücken, obwohl fast alle Industrieländer dieses protektionistische Verhalten stark kritisieren.

Japan hingegen nutzte in den 1980er und 1990er Jahren den externen Druck (im Land auch bekannt als „schwarze Schiffe“), um bestimmte Branchen zur Liberalisierung zu zwingen. Häufig handelte es sich um Oligopole, die noch nicht nach globalen Standards wirtschafteten, aber von bestimmten Aufsichtsbehörden und Politikern stark unterstützt wurden, um ausländischem (oder gar neuem inländischem) Wettbewerbsdruck zu entgehen. Einige reformfreundliche Politiker sowie Aufsichtsbehörden und Wirtschaftsexperten wünschten sich indes eine stärkere Öffnung dieser Branchen und beschworen immer dann die sogenannten „schwarzen Schiffe“ herauf, wenn mächtige US-Unternehmen Zugang zum japanischen Markt wollten und die US-Regierung die japanische unter Druck setzte. Viele der damaligen Bemühungen waren erfolgreich – wenn auch nicht immer im gewünschten Maße. Und obwohl sie in vielen Fällen zu einer starken Volatilität führten, würden die meisten Experten wohl zustimmen, dass die daraufhin reformierten Branchen nach ihrer Öffnung besser auf dem Weltmarkt aufgestellt sind als zuvor.

In China stellt sich die Lage anders dar: Seit Mitte des 19. Jahrhunderts musste das Reich der Mitte in Bezug auf ausländischen Druck viel schmerzlichere Erfahrungen machen. Okkupation, Krieg und die erzwungene Akzeptanz von Opium-Importen waren nur ein Teil der vielen Drangsalierungen. Daher fällt es dem Land vielleicht schwerer, Druck von außen als wesentlichen Antrieb für Veränderungen zuzulassen. Auch dürfte die Regierung fürchten, aus einem Handelskrieg nicht als Sieger hervorzugehen, was das Land von wichtigen Betriebsmitteln für die Produktion abschneiden würde, was wiederum zu politischen Unruhen führen und damit eine potenzielle Bedrohung für die Macht der Kommunistischen Partei oder ihre gegenwärtige Führung darstellen könnte. Überdies dürften beträchtliche interne Bedenken über die Auswirkungen eines Konflikts auf den als überhitzt geltenden Immobilienmarkt und das weit verbreitete Schattenbankensystem bestehen.

Welche Strategie China wählen könnte

Eine strategische Entscheidung Chinas könnte daher sein, potenzielle Auseinandersetzungen auf die lange Bank zu schieben und unter Druck aus dem Ausland seine Reformen zu beschleunigen. Darunter würde ein drastisches Zurückfahren der im Ausland stark kritisierten Stahlproduktion fallen, um Umweltstandards zu verbessern – ein dezidiertes Ziel von Präsident Xi. Auch müssten die subventionierenden Bürokraten und Wirtschaftsplaner in zahlreichen Industriebranchen, wie Aluminium und Zement, dem Druck der „schwarzen Schiffe“ nachgeben, um das zu erreichen, was China bereits als wünschenswerte Weiterentwicklung der Wirtschaft über die Basisindustrie hinaus proklamiert hat. Um den bilateralen Handelsüberschuss zu verringern, den China auch eigenen Bekundungen zufolge nicht wünscht, müsste das Land folgenden Weg bestreiten: Die Abschaffung der Fertigungsbetriebe mit dem niedrigsten Mehrwert, bei denen China Komponenten aus verschiedenen Ländern importiert, müsste mittels Regulierung vorangetrieben werden, um mit den produzierten Exportgütern letztlich immense Handelsüberschüsse insbesondere gegenüber den USA zu erwirtschaften. Große US-Hersteller von Smartphones und PCs dürften infolgedessen vermutlich ihre Produktion verlagern, etwa zurück in die USA, während sich die Abwanderung der Exportproduktion in den Bereichen Bekleidung, Schuhe und Möbel beschleunigen und dringend benötigte Arbeitskräfte für die heimische Dienstleistungsbranche freisetzen sollte.

Vor allem muss sich China bewusst werden, dass es seine Ziele, die Hightech-Branche weiter vor ausländischem Zugriff abzuschotten sowie eine globale Vormachtstellung zu erlangen, nicht so schnell erreichen kann wie erhofft. Und was noch viel wichtiger ist: Das Land könnte im Falle eines Konfliktes mit den USA leicht eine hausgemachte Katastrophe herbeiführen. Ohne viel Gegenwehr hat das Reich der Mitte in den letzten beiden Jahrzehnten viel erreicht, doch die internationalen Rahmenbedingungen haben sich verändert. Und so sind wir davon überzeugt, dass sich China und sein Hightech-Sektor auch ohne Subventionen und Protektionismus erfolgreich entwickeln könnten.




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