„Das wirtschaftliche Umfeld sollte gut bleiben“

2017 konnte die türkische Regierung durch staatliche Anreize die Wirtschaft auf Wachstumskurs bringen. Wie wird 2018? Global Investor hat sich mit der Fondsmanagerin Amalia Ripfl von Erste Asset Management über die Lira, Aktienkurs und politische Spannungen unterhalten.

Wie schätzen Sie die ökonomische Gesamtsituation der Türkei mit Hinblick auf makroökonomische Daten ein?

Das wirtschaftliche Umfeld in der Türkei sollte weiterhin gut bleiben. Nach einer deutlichen Beschleunigung im dritten Quartal, mit einem BIP-Wachstum von 11 Prozent im Vergleich zum Vorjahresquartal, schätzt man für Ende 2017 ein BIP-Wachstum von rund 7 Prozent für das Gesamtjahr. Sowohl die Inflation (2017 bei 11,5 % und 2018 mit 8,7 % prognostiziert) sowie das Leistungsbilanzdefizit (2017 bei 4,9 % und 2018 auf 5,2 % prognostiziert) bleiben die größten wirtschaftlichen Schwachstellen. Ölpreis-Steigerungen und eine Beschleunigung der Importtätigkeit verschlechterten andauernd das Leistungsbilanzdefizit.

Die Beziehungen der Türkei zum Westen sind angespannt, das Land führt militärische Operationen in Nordsyrien durch …

Trotz aller politischen Spannungen mit den USA und europäischen Ländern, insbesondere Deutschland, blieben die Handelsbeziehungen intakt, so dass die Spannungen zu keinen wirtschaftlichen Verwerfungen führten. Die aktuelle Militäraktion allerdings sorgt für Unsicherheit. Zwar wird sie nach Angaben der türkischen Regierung keinen größeren Einfluss auf den Staatshaushalt und die Wirtschaft der Türkei haben. Allerdings könnte sie außenpolitische Spannungen in der Region verschärfen.

Die türkische Lira verbuchte in den letzten Monaten einen deutlichen Kursverfall. Mit welchen Auswirkungen?

Das Niveau der türkischen Währung beeinflusst die türkische Wirtschaft durch viele verschiedene Kanäle. Zum einen verursacht es eine Kosteninflation, die höhere Zinsen erforderlich macht, was wiederum das Wachstum hemmt. Darüber hinaus schafft es Risiken für türkische Unternehmen, die offene Fremdwährungspositionen haben. Durch den Kreditkanal bringt ein Teil der offenen Fremdwährungspositionen von Unternehmen Risiken für den türkischen Finanzsektor mit sich. Zudem verringert eine schwache Lira die lokale Kaufkraft und wirkt sich auf die Energiekosten und indirekt auf das Leistungsbilanzdefizit aus. Die Türkei besitzt aber einen starken Bankensektor mit starker Kapitalisierung und einen diversifizierten Unternehmenssektor mit starker Exportorientierung. Einen signifikanten Anstieg der faulen Kredite haben wir bisher nicht festgestellt.

Teilweise konnte die Istanbuler Börse in den vergangenen Monaten zulegen – trotz Krisen und Kursentwicklung. Wieso?

Nach der starken Marktvolatilität zu Beginn des Jahres 2017 erholte sich die türkische Wirtschaft 2017 schneller als erwartet. Grund dafür waren attraktive Bewertungsniveaus und starke Gewinne. Hauptfaktoren, die 2017 zur weiteren Erholung in der Türkei beigetragen haben, waren unter anderem eine verstärkte Nachfrage internationaler Investoren nach Veranlagungen in Schwellenländern aufgrund des Niedrigzinsumfelds. Außerdem gab es eine Erleichterung der finanziellen Bedingungen durch den Kreditgarantiefonds (CGF), staatliche Anreize für Beschäftigung und Wachstum, sowie eine steigende Außennachfrage, die durch die Erholung in der EU entstanden ist. Begünstigend waren auch abnehmende Sicherheitsbedenken und die Tatsache, dass der Tourismussektor wieder etwas an Zugkraft gewonnen hat.

Welche Investitionspotenziale sehen Sie für das Jahr 2018? 

Das wirtschaftliche Umfeld sollte weiterhin gut bleiben. Die Analysten sind optimistisch für das erste Halbjahr 2018. Die zweite Hälfte wird schwieriger und wird von der globalen Risikostimmung und den Maßnahmen der globalen Zentralbanken abhängen. Investoren sollten nach Firmen mit soliden Fundamentaldaten, diversifizierten Ertragsquellen und starken Cashflows Ausschau halten. 2018 ist ein Vorwahljahr, daher wird die Regierung das Wachstum weiterhin durch öffentliche Ausgaben unterstützen. Das neueste Regierungsanreizprogramm hält 70 Milliarden Türkische Lira (TRY) für Projekte im Medizin-, Energie- und Petrochemie Sektor bereit. Die Analysten erwarten als Basisszenario für das erste Halbjahr 2018 ein relatives gutes Wachstum von rund 4 Prozent und eine stabilere TRY.

Welche Anlagestrategien empfehlen Sie für den Markt?

Wir werden 2018 unsere konservative, auf „Stock Selektion“ fokussierte, Anlagestrategie weiterführen, die wir schon 2017 verfolgt haben. Wir bleiben übergewichtet in zyklischen Konsumgütern aufgrund der noch immer starken Inlandsnachfrage, IT und exportorientierte Industrietitel. Vorsichtig sind wir hingegen bezüglich des Immobilien- und Finanzsektors.




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