Der stabile Ölriese

Norwegen verfügt über Ressourcen wie Öl, Gas und Wasserkraft. Sie haben dem Land mit 5,2 Millionen Einwohnern in den letzten Jahrzehnten zu einem enormen Aufschwung verholfen. Doch das Land hat noch mehr zu bieten.

Norwegen hat weltweit eines der höchsten Pro-Kopf-Einkommen. Oslo ist eine der teuersten Hauptstädte der Erde. Das Land hat es geschafft, auf Basis der Öl- und Gasindustrie eine stabile und dynamische Wirtschaft aufzubauen, die Jahr für Jahr Leistungsbilanz- und Haushaltsüberschüsse aufweist. Damit ging eine schnelle Entwicklung des Dienstleistungssektors einhergeht. Trotz des jüngsten Preisverfalls bleibt Öl die wichtigste Grundlage des Wohlstands. Die Vielzahl an Rohstoffen und Industrien wie Öl, Gas, Holz, Fischfang oder Stromerzeugung aus Wasserkraft ist einzigartig, ihre Gewinnung und Bearbeitung effizient. Diese Industrien, vor allem die Öl- und Gasbranche, sorgen für regelmäßige Einnahmen. Dadurch ist der Staat nahezu schuldenfrei. Norwegen ist Europas größter Wasserkraftproduzent. Dank der großen Ressourcen und Höhenunterschiede im Land kann Norwegen seinen eigenen Elektrizitätsbedarf zu etwa 95 Prozent aus Wasserkraft decken. Das führt unter anderem dazu, dass das Land Vorreiter bei der Zulassung von Elektroautos ist. Im Land gibt es derzeit über 110.000 batteriegetriebene Kraftfahrzeuge. Ermöglicht wird der Boom auch durch staatliche Förderungen, die die teuren Fahrzeuge erschwinglicher machen.

Die Öl-Industrie dominiert die Börse

Norwegen ist der weltweit fünftgrößte Lieferant für Öl und der zweitgrößte Gaslieferant für Europa. Die Öl- und Gasindustrie trägt jährlich etwa 15 Prozent zur Wirtschaftsleistung des Landes bei. Ihr Anteil am gesamten Exportvolumen beträgt rund 50 Prozent. Fast ein Drittel der Marktkapitalisierung an der Osloer Börse wird von der Ölindustrie bestimmt. Das ist eine Ausnahme in der Region. Schaut man sich das gesamte Anlageuniversum Skandinaviens an, so macht der Energiesektor weniger als vier Prozent aus. Das liegt noch unter dem europäischen und globalen Durchschnitt.

Größter Staatsfonds als Sicherung

Wenn die Energiepreise sinken, kann das Land auf den größten Staatsfonds der Welt zurückgreifen, um negative Folgen zu dämpfen. Allein 2017 wurden umgerechnet rund 13,4 Milliarden Euro aus dem Fonds entnommen und für stimulierende Programme ausgegeben. Folglich wird 2018 trotz sinkender Ölpreise ein Wirtschaftswachstum von rund 2,1 Prozent erwartet. Die Regierung hat somit einen gewissen fiskalpolitischen Spielraum, ohne neue Staatsschulden aufnehmen zu müssen. Von Oktober 2014 bis Januar 2016 sank der Ölpreis zum Teil bis an die 30-Dollar-Grenze pro Fass, trotzdem geriet Norwegen nicht in eine Rezession. Das spricht für eine robuste Wirtschaft. Das größte Unternehmen der Nation stammt aus dem Energiesektor. Statoil mit Sitz in Stavanger fördert und raffiniert Öl und Gas. Die Aktienmehrheit liegt mit 67 Prozent beim Staat. Statoil beschäftigt rund 21.300 Angestellte, davon etwa 19.000 in Norwegen. Im Jahr 2015 erzielte das Unternehmen einen Gesamtumsatz in Höhe von 465,30 Milliarden Norwegischer Kronen, das entspricht rund 49 Milliarden Euro. Um seine Abhängigkeit von Öl und Gas zu verringern, investiert der Konzern auch zunehmend in erneuerbare Energien wie Windparks und Solaranlagen.

Die Landeswährung kann für Investoren interessant sein, denen Anlagen in Europa sonst zu unsicher erscheinen. Schon während des Höhepunktes der Eurokrise von 2011 bis 2013 haben viele Anleger in skandinavische Assets investiert. Aktuell bieten sich hier erneut Investment-Grade- und High-Yield-Anleihen norwegischer Unternehmen an. Die meisten Hochzinsanleihen weisen eine geringe Duration auf und sind somit gegen mögliche Zinsänderungen gut geschützt. Zudem könnte die Norwegische Krone aufgrund der letzten Entwicklungen weiter aufgewertet werden. Derzeit kann man die nahezu einmalige Situation erleben, dass die Währung gleich der Schwedischen Krone notiert. Vergleicht man die beiden Volkswirtschaften jedoch, so ergibt sich zwangsläufig eine Fehlbewertung einer der beiden Währungen. Entweder ist die Währung Norwegens zu schwach oder die Schwedische Krone zu stark. Inflationssorgen braucht die nationale Notenbank (Norges Bank) aktuell nicht zu haben. Nachdem der Preisauftrieb 2016 teilweise oberhalb des Inflationszieles der Notenbank von 2,5 Prozent lag, ist die Inflation im Februar 2017 wieder auf dieses Level gefallen. Seitdem hat sie sich weiter abgeschwächt. Sie lag im August 2017 bei nur noch gut 1,3 Prozent und im September bei etwas über 1,6 Prozent. Eine Verschärfung der Geldpolitik rückt damit in die Ferne, auch wenn man die steigenden Immobilienpreise weiter im Blick behalten muss. Nachdem die Landeswährung im Verlauf des vergangenen Jahres einen Teil ihrer Gewinne wieder abgegeben hat, sprechen die niedrige Staatsverschuldung und die robuste Konjunktur dafür, dass die norwegische Valuta vermutlich wieder an Wert gewinnen wird. Dennoch sollten Investoren ihre Aufmerksamkeit nicht auf Norwegen beschränken. Auch der Rest Skandinaviens ist interessant, obwohl nur wenige nordeuropäische Unternehmen in den großen Aktienindizes vertreten sind. Skandinavien ist im Vergleich zum Rest Europas klein und hat nicht ganz so viele Unternehmen mit hoher Marktkapitalisierung. Dennoch oder vielleicht gerade deswegen finden Investoren dort ein reiches Angebot an gut geführten, global aktiven Unternehmen.

Skandinavien macht es Unternehmern leichter

Hartnäckige Vorurteile kategorisieren Länder wie Schweden oder Dänemark noch immer als „verschlafene Sozialstaaten“. Dabei ist es der Weltbank zufolge in diesen Ländern wesentlich einfacher, ein Unternehmen zu gründen als etwa in Deutschland. Skandinavien ist innovativ, Investitionen zahlen sich meistens aus.

Seit Ende 2012 haben europäische Aktien im Eurostoxx-50- Index ohne Dividenden rund 32 Prozent zugelegt. Der VINX Index aber, in dem aktuell 158 Unternehmen Norwegens, Schwedens, Finnlands und Dänemarks enthalten sind, brachte es im selben Zeitraum auf ein Plus von rund 50 Prozent, beides gerechnet in Euro. Schwedische Titel sind im Index mit 46 Prozent am stärksten vertreten. 24 Prozent der Aktien notieren in Dänemark, 16 Prozent in Finnland und neun Prozent in Norwegen. 75 Prozent des Indexes notiert in skandinavischen Währungen. Wer seit Ende 2012 in die Region investierte und Währungsrisiken einging, wurde mit zusätzlicher Rendite durch Währungsaufwertungen belohnt.

Mehre Faktoren, die für Skandinavien sprechen

Mehrere Faktoren sprechen für den Erfolg skandinavischer Unternehmen. Die nordischen Staaten haben die Finanzmarktkrise vor allem dank früherer Reformen recht gut überstanden. Einige Experten sehen die nördliche Region daher wegen ihrer Wettbewerbsfähigkeit und niedrigen Verschuldung ganz oben. Auch der umfassende Wohlfahrtsstaat, der skandinavischen Nationen zugeschrieben wird, ist effizienter geworden. Er enthält heute in vielen Bereichen mehr Marktelemente. So privatisierten Schweden und Finnland, ähnlich wie Deutschland, Bereiche der Telekommunikation und des Energiemarkts. Dänemark lockerte seine starren Arbeitsmarktgesetze und verband sie mit verlässlicher sozialer Absicherung. So konnte mit einer aktiven Arbeitsmarktpolitik die rekordhohe Arbeitslosigkeit reduziert werden. Das gilt vielen europäischen Ländern mittlerweile als Vorbild. Zudem sind die Verschuldungsquoten im europäischen Vergleich gering, der Haushalt wurde konsolidiert.

Skandinavische Gesellschaften haben früh den Wert der Umwelt erkannt sowie die Notwendigkeit, sie zu schützen. Das trägt zur guten Entwicklung und hohen Lebensqualität in der Region bei. Ähnliches gilt für nachhaltige Investitionen. Schweden, Norwegen oder Dänemark sind hier schon lange aktiv und gelten als Vorreiter. In entsprechenden Rankings belegen die Länder häufig vordere Plätze. //




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