Vietnam: Musterland unter den Frontier Markets

Vietnam unterläuft derzeit einen signifikanten Wandel. Die stabile ökonomische Entwicklung macht den Frontier Market zunehmend interessant für Investoren. Das berichtet Oliver Bell, Portfoliomanager der Frontier Markets Equities Strategy und der Middle East & Africa Strategy bei T. Rowe Price, der jüngst durch Vietnam reiste – um sich vor Ort selbst ein Bild vom Potenzial des südostasiatischen Landes zu machen.

Trump-Effekt auf den Handel bisher begrenzt – Ausländische Direktinvestitionen steigen

Der Rückzug der USA aus dem transpazifischen Handelsabkommen (TPP) war bedauernswert, hatte aber noch keinen wirklichen Einfluss auf die Handelsbeziehungen. Langfristig könnte sich diese Entscheidung der USA aber insbesondere auf das vietnamesische Wachstumsmodell auswirken, weil es stärker auf den Zugang zum US-amerikanischen Markt und anderen entwickelten Märkten angewiesen ist, als das bei anderen Frontier Markets der Fall ist. Angesichts der Pläne zu bilateralen Handelsvereinbarungen unter anderem mit den USA ist Portfoliomanager Bell allerdings nicht allzu besorgt: Viele Arbeitsplätze aus dem arbeitsintensiven Produktionssektor sind schon vor langer Zeit aus Kostengründen von den USA ins Ausland verlagert worden. Die Risiken, die sich aus einer möglichen Grenzsteuer für Güterexporte in die USA ergeben, dürften für Vietnam eher am unteren Ende der Skala liegen.

Das reiht sich in eine Vielzahl von positiven Beobachtungen ein, die Oliver Bell während seiner Reise gesammelt hat. Vor drei Jahren hat sich innerhalb und außerhalb Vietnams kaum jemand für die Wirtschaft interessiert. Inzwischen ist Vietnam in aller Munde und es gilt als das asiatische Land mit Potenzial. Denn das Wirtschaftswachstum bleibe weiterhin robust und die Zuflüsse ausländischer Direktinvestitionen in den Exportsektor dauerten an. Das Niveau der ausländischen Direktinvestitionen steigt von Jahr zu Jahr, wobei der Löwenanteil in die Elektronikbranche fließt, da sich Vietnam zu einem Fertigungs-Zentrum mausert. Rund 70 Prozent der vietnamesischen Gesamt-Exporte werden inzwischen von ausländischen Unternehmen in Vietnam hergestellt, allein der südkoreanische Samsung-Konzern ist für 30 Prozent davon verantwortlich.

Vietnam als Ort ökonomischer Stabilität

Wir sehen jetzt das fünfte Jahr ökonomischer Stabilität in Folge. Letztes Jahr waren die Zahlen etwas schwächer, weil Vietnam unter einer schweren Dürreperiode litt, und zudem einige von der Regierung erhobene Zölle die Importe bestimmter Produkte erschwerten. Dennoch ist der Ausblick ungetrübt: Die Regierung rechnet mit einem Wirtschaftswachstum von 6,7 Prozent im Jahr 2017. Gemessen an vergangenen Perioden sei die Inflation mit unter fünf Prozent zudem immer noch niedrig, auch wenn sie kürzlich etwas gestiegen sei. Daher rät Bell hier weiter aufmerksam zu bleiben, da das Inflationsniveau historisch gesehen stets ein guter Indikator dafür sei, wenn eine mögliche Blase zu platzen drohe. Die jüngste Inflationssteigerung sei nach Angaben der Weltbank allerdings auf eine Erhöhung administrativer Preise zurückzuführen, welche die Regierung selbst eher in den Griff bekommen kann. Generell betrachtet, weise Vietnam aktuell einen Leistungsbilanzüberschuss auf. Zudem zeige sich der Wechselkurs relativ stabil, obwohl die Zentralbank eingeschritten sei, damit die Währung nicht zu stark werde.

Dennoch ließen sich auch Schwachstellen identifizieren. Das Haushaltsdefizit zum Beispiel betrage sechs Prozent des Bruttoinlandprodukts und die Staatsschuldenquote liege auf bei 65 Prozent. Dementsprechend gebe es konzentrierte Anstrengungen, das Haushaltsdefizit möglichst in Zaum zu halten. In Treffen vor Ort wurden die Empfehlungen erörtert, die lockere Geldpolitik weiterhin zu halten, aber das Haushaltsdefizit anzugehen. Ob Vietnam damit erfolgreich ist, bleibt abzuwarten. Im Hinblick auf die Währung zeigt sich ein starker Zusammenhang zwischen der Entwicklung des vietnamesischen Dong und dem chinesischen Renminbi. Mögliche Spannungen über das Südchinesische Meer könnten hier ganz offensichtlich einen Einfluss auf die Währung haben.

Bankensystem erscheint gefestigt – der Konsumsektor ist auf dem Vormarsch

Auch das Bankensystem bereitete Anlegern zuvor Sorgen. Doch während unserer Reise zeigte sich, dass das Bankensystem die vergangenen Probleme in den Griff bekommen zu haben scheint und nun insgesamt transparenter aufgestellt ist. Die Bankenregulierung wurde stark verbessert. Notleidende Kredite, sogenannte Non-performing Loans, die einen Grenzwert von drei Prozent übersteigen, wandern in eine Bad Bank namens VAMC. Es gebe also Grund zu der Annahme, dass es sich im Bankensektor nicht um ein systemisches Problem handelt.

Bisher haben wir insbesondere von Investments in Banken-, Immobilien- und Baubranche profitiert. Daran halten wir auch weiterhin fest. Verstärkt fassen wir nun auch den Konsumsektor ins Auge und schauen dabei auch zunehmend auf Nebenwerte, bei denen wir ein langfristiges Potenzial erwarten. Unsere Reise nach Vietnam war insgesamt sehr lohnenswert. Doch die Risiken sowohl im Hinblick auf den Konjunkturzyklus als auch auf die Marktpositionierung, vor allem durch ausländische Fonds, bleiben bestehen. Trotz allem gibt es genügend Dynamik in der Wirtschaft und bei bestimmten Einzelunternehmen, sodass wir in Vietnam investiert bleiben.




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