Abschied vom „Besser-geht‘s-nicht-Szenario“

„Kann die europäische und die globale Wirtschaft ihr positives Momentum halten?“ Die Verunsicherung über den weiteren Wachstumspfad dürfte nach Ansicht von Tilmann Galler, Kapitalmarktstratege bei J.P. Morgan Asset Management in Frankfurt, zu mehr Volatilität beitragen, Aktienmärkte seien jedoch in der Lage, dies zu bewältigen, solange es nicht zu einer Rezession komme.

Nach einem ruhigen Jahr waren die letzten Wochen etwas turbulenter, aber diese Volatilität sollte nicht nur auf eine Verschlechterung der Wirtschaftsdaten zurückgeführt werden. Doch während die globale Wirtschaft in 2018 weiterhin relativ stark wachsen wird, dürfte seiner Meinung nach das Wachstumstempo – insbesondere in der Eurozone und China – seinen Höhepunkt vorerst erreicht haben. Die Verunsicherung über den weiteren Wachstumspfad dürfte zu mehr Volatilität beitragen, Aktienmärkte sind jedoch in der Lage, dies zu bewältigen, solange es nicht zu einer Rezession kommt.

Die Aussichten für das globale Wachstum im weiteren Jahresverlauf zeigen sich laut dem Experten weiterhin positiv: Verbraucher- und Geschäftsvertrauen sind sowohl in den USA als auch in Europa nur leicht abgeschwächt und die Arbeitsmärkte zeigen sich robust. Eine Rezession in diesem Jahr bleibt in Abwesenheit eines externen Schocks weiterhin unwahrscheinlich. Dennoch haben die Aktienmärkte in den letzten Wochen teils kräftig korrigiert.

Kapazitätsgrenzen noch nicht erreicht

Die fiskalpolitischen Anreize in den USA haben das Potenzial, die Expansion ins Jahr 2019 zu tragen. Positiv sei insbesondere hervorzuheben, dass aufgrund der Steuersenkungen die Unternehmensinvestitionen nochmals anziehen – auch außerhalb des Energiesektors. Aufgrund der niedrigen Arbeitslosigkeit in den USA, Deutschland und Großbritannien zeigt sich der Kapitalmarkt allerdings nervös, ob für weiteres inflationsfreies Wachstum ausreichend Kapazitäten vorhanden sind. Stoßen Volkswirtschaften an Kapazitätsgrenzen, kann Inflation auftreten und die Partystimmung kippen – wir sind jedoch nicht davon überzeugt, dass die aktuelle Inflationsentwicklung ausgeprägt genug ist, die Expansion und die Kapitalmärkte ins Wanken zu bringen. Vielmehr ist der Experte überzeugt, dass die US-Notenbank ihren Leitzins aufgrund des moderaten Inflationsanstieges in den USA weiter allmählich erhöhen wird. In der Eurozone und in Japan stellen dagegen zu niedrige Inflationsraten das dominierende Problem dar. Die Europäische Zentralbank und die Bank von Japan sind immer noch bereit, durch expansive geldpolitische Maßnahmen die Inflation in Richtung Zielwert zu bewegen, woduch auf globaler Basis ein drastischer Renditeanstieg verhindert werden dürfte.

So bleibt im derzeitigen Umfeld der Gewinnausblick für Unternehmen positiv: Steuersenkungen dürften dem S&P 500 zu einem Gewinnwachstum von nahezu 20 Prozent für 2018 verhelfen. Mit ungefähr 8 Prozent ist das erwartete Gewinnwachstum für den MSCI Europa ex Großbritannien robust. Wir erwarten nicht, dass höhere Renditen den Ausblick dämpfen. Die US-Notenbank nimmt ihren Fuß vom Gas, aber ist noch weit davon entfernt auf die Bremse zu treten. Denn Aktien gerieten erst in vergangenen Zyklen erst Druck, als die Renditen 2-jähriger US-Staatsanleihen oberhalb der 3-Prozent-Marke notierten.

Doch der Markt reagiert sensitiv auf Überhitzungsanzeichen, vor allem aus den USA. Ein anhaltender Inflationsanstieg und ein schnelleres Zinserhöhungstempo würden bei höherer Verschuldung negativ auf Unternehmen wirken. Ein weiteres Risiko ist der Handelsprotektionismus, wobei hier auf die Vernunft aller Beteiligten gesetzt werden muss. Unsere Kernannahme ist, dass die Situation nicht dramatisch eskaliert, da US-Verbraucher letzt­endlich von ‚billigen‘ Importen profitieren. Auch steigende Roh­stoffpreise und die Verschuldung des Unternehmens­sektors sollten im Auge behalten werden.

Aufgrund dieser Risiken dürfte die Volatilität auch im zweiten Quartal 2018 hoch bleiben – allerdings bei einem zugrundeliegenden positiven Trend für Aktien. Die Märkte erfahren zur Zeit einen schmerzlichen Abschied vom „Besser-geht‘s-nicht-Szenario“. Trotz der wieder angestiegenen Volatilität bleiben wir in unserer taktischen Asset Allocation aufgrund anhaltend positiver Gewinnaussichten Aktien gegenüber Anleihen übergewichtet. Es gilt in Erinnerung zu behalten, dass Volatilität normal ist – vor allem in diesem Stadium des Wirtschaftszyklus – und für aktive Manager auch immer mit Chancen verbunden ist.




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