Beobachtungen zur Marktvolatilität

Der Beitrag von Goldman Sachs widmet sich der Einordnung zur aktuellen Marktvolatilität. Wie ist die Situation am Markt? Wie sollten Anleger mit der Situation umgehen?

Mit dem 4,1 prozentigen Einbruch des S&P 500 am Montag, 5. Februar, hat die Volatilität der Aktienmärkte rasant zugenommen. Der VIX-Index als Indikator der impliziten Aktienmarkt-Volatilität ist um 116 Prozent in die Höhe geschnellt – die höchste jemals verbuchte prozentuale Veränderung an einem einzigen Tag. Anleihen- und Währungsmärkte sind ebenfalls volatiler geworden, wenn auch in geringerem Umfang als der Aktienmarkt.

Der Rücksetzer des S&P 500 am Montag markierte den höchsten Tagesverlust seit August 2011. Damals herrschte im Gegensatz zu heute jedoch schon vorher ein volatiles Umfeld: das Kreditrating der USA war gesenkt worden, und der Firmenkreditmarkt wie auch der Markt für europäische Staatsanleihen steckten in der Krise.

Ausblick

Aus fundamentaler Sicht halten wir Aktien weiterhin für attraktiv. Das starke Wirtschaftswachstum treibt die Gewinnprognosen in die Höhe: der Konsens für das Gewinnwachstum im S&P 500 für FY2018 wurde seit Jahresbeginn um 4.4 Prozentpunkte angehoben, von 12.3 Prozent auf 16.7 Prozent. Zusätzlichen Rückenwind im Unternehmenssektor erwarten wir von der US-Steuerreform, die noch nicht voll in den Bewertungen eingepreist ist.

Wir bewerten den Rücksetzer der Aktienmärkte als eine gesunde und gerechtfertigte Korrektur. Wie schon in unserem Investment Outlook 2018 zu lesen, waren eine gewisse Korrektur und ein Volatilitätsanstieg am US-Aktienmarkt überfällig.

In Anbetracht der starken Fundamentaldaten sind wir der Meinung, dass die Aktienschwäche eine kurzfristige Korrektur ist, die in erster Linie von technischen Faktoren getrieben wird, und nicht der Anfang vom Ende des Bullenmarktes. Die aktuellen Ereignisse sind eher eine Reaktion des Marktes auf die gestiegene Volatilität, als umgekehrt bestimmte Marktentwicklungen die Volatilität in die Höhe treiben würden.

Zu den wichtigsten Treibern des Volatilitätsanstiegs zählen:

• Steigende Zinsen: Das starke Wirtschaftswachstum und Anzeichen für weiter anziehende Löhne haben zum Anstieg der US-Zinsen geführt, in dessen Folge die Zinsvolatilität zugenommen hat. Der Aktienrückgang nahm seinen Anfang in renditestärkeren, zinssensitiveren Sektoren und weitete sich von dort auf den Gesamtmarkt aus.

• Übertreibung bei «Short-Volatility»-Produkten: In einem flächendeckend schwankungsarmen Umfeld wie nie zuvor haben aus unserer Sicht Anlagen in sogenannte «Short-Volatility»-Produkte Überhand genommen. Das „Open Interest“ bei einigen dieser Produkte erreichte letzte Woche einen neuen Höchststand. Steigende Zinsen in Kombination mit dem Einbruch zinssensitiver Aktiensegmente haben bei dieser Strategie offenbar eine Trendwende ausgelöst. Dabei kam es zu einer selbstverstärkenden Wirkung, weil «Short-Volatility»-Produkte bei steigender Volatilität gezwungen sind, weitere Volatilität zu kaufen. Laut Bloomberg News wurde bei über einem Dutzend Produkten, die sich am VIX-Index orientieren, am Dienstagmorgen der Handel ausgesetzt.

• Absicherungsgeschäfte von Market-Makern: Um aus «Short-Volatility»-Produkten auszusteigen, müssen Anleger Volatilität von Market-Makern kaufen. Da die Market-Maker Volatilität in steigenden Märkten verkaufen, liegt es nahe, dass sie ihre Engagements durch Aktienverkäufe absichern.

• Systematischer Handel: Steigende Volatilität kann bei einer Vielzahl von Anlageprodukten systematische Umschichtungen, Hedging-Ansätze oder den Einsatz sonstiger Handelsstrategien nach sich ziehen. Einige Beispiele dafür sind Risk-Parity-Strategien, die bei steigender Aktienvolatilität zur Umschichtung von Aktien in andere Anlageklassen neigen, Rentenprodukte, die bei anziehender Volatilität tendenziell ihre Positionen absichern, und Momentum-orientierte Produkte, die bei Momentum-Verschiebungen vielfach Positionen abstossen.
Aus unserer Sicht bietet die aktuelle Korrektur am Aktienmarkt Chancen auf den Einstieg zu attraktiveren Bewertungen. Nach den Ausverkäufen lag der Forward-KGV des S&P 500 zum Handelsschluss am Montag mit 17.3x deutlich unter dem Wert von 18.5x, der noch am 1. Februar 2018 zu Buche stand.

Signalgeber für eine Trendumkehr

Wir sehen mehrere wichtige Signalgeber, die eine längerfristige Trendwende am Aktienmarkt ankündigen könnten.

• Zinsen: Wie in unserem Investment Outlook für 2018 erläutert, bieten Aktien aus unserer Sicht eine attraktive Risikoprämie gegenüber Staatsanleihen. Dies könnte als Puffer gegen steigende Zinsen dienen. Unseres Erachtens könnten zehnjährige US-Zinsen auf 3 Prozent oder mehr steigen, ohne dass beträchtliche Aktienausverkäufe zu befürchten wären.

• Inflationserwartungen: Inflationserwartungen sind ein Schlüsselindikator für die längerfristigen Zinsen. Die US Federal Reserve (Fed) hat zuletzt mit grossem Erfolg die kurzfristigen Zinsen angehoben, ohne dabei den Ausblick für längerfristige Zinsen ins Wanken zu bringen. Eine Verschiebung der Inflationserwartungen könnte jedoch Unsicherheit über die weitere Fed-Politik auslösen und damit das Risiko eines stärkeren Anstiegs der langfristigen Zinsen erhöhen.

• Kreditmärkte: Im Vorfeld einer längerfristigen Umkehr am Aktienmarkt kommt es oft zu Stress an den Firmenkreditmärkten. Hierfür sind derzeit keine Anzeichen erkennbar, zumal die Spannen von Unternehmensanleihen nahe dem Rezessionsniveau liegen.




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