Eher Hausse als Baisse

Die Inversionen der Renditekurve gilt als Rezessionssignal. Michael Strobaek von Credit Suisse zufolge müssen Anleger jedoch noch mehr Kriterien berücksichtigen.

Inversionen der Renditekurve sind schon deshalb etwas Besonderes, weil sie nur selten auftreten. In den letzten 25 Jahren war dieses Phänomen lediglich zweimal zu beobachten: kurz vor der milden Rezession der Jahre 2001/2002 in den USA und anderthalb Jahre vor dem dramatischen Einbruch der Finanzmärkte im Herbst 2008. Derzeit fragen sich die Anleger dementsprechend, ob die Dinge diesmal anders liegen. Ein Unterschied zu damals ist das heutige Engagement der Zentralbanken in den Anleihenmärkten. Seit der Finanzkrise von 2008 haben die Zentralbanken eine umfassende quantitative Lockerung umgesetzt, d.h. sie haben in grossem Stil Staatspapiere erworben. Infolge dieser substanziellen Partizipation haben die Anleihenmärkte und -renditen mittlerweile Niveaus erreicht, bei denen eine Inversion der Renditekurve wohl wahrscheinlicher ist als in früheren Zyklen. In unseren Augen ist es für eine Deutung der jüngsten Umkehr der Renditekurve wichtig, diesen Hintergrund zu verstehen und zu berücksichtigen.

Keine Rezession am Horizont

Auf der Webseite der US-Notenbank (Fed) findet sich ein bekanntes Modell, das Rezessionen anhand der Zinsdifferenzen entlang der Treasury-Kurve vorauszusagen versucht: Es beziffert die Wahrscheinlichkeit einer Rezession in den USA in den nächsten zwölf Monaten derzeit mit 25 Prozent. Wir sehen dies ganz anders: Unseres Erachtens liegt die Wahrscheinlichkeit einer US-Rezession in den nächsten zwölf Monaten bei weniger als zehn Prozent; mit einem Horizont von zwei Jahren steigt diese Wahrscheinlichkeit auf unter 20 Prozent und über drei Jahre auf schätzungsweise knapp über 30 Prozent.

Nach unserem Dafürhalten sollte der aktuelle Verlauf der Renditekurve deshalb vorerst kein substanzieller Grund zur Sorge sein und keine Verkäufe von Anlagen anstoßen. Eine – hauptsächlich von China ausgehende – Wiederbeschleunigung des Wirtschaftswachstums sowie die Entscheidung der US-Notenbank, bei ihren Leitzinserhöhungen dieses Jahr eine Pause einzulegen, sind höchst vorteilhaft für die Finanzmärkte im Allgemeinen und riskante Anlagen im Besonderen. Aktien, Immobilien und Rohstoffe scheinen in diesem Umfeld allesamt ziemlich gut unterstützt.

China-Risiken lassen allmählich nach

China ist für ein jedes weltwirtschaftliches Wachstumsszenario von entscheidender Bedeutung. Tatsächlich war die Entwicklung in China eine der Hauptursachen für das schwierige Finanzmarktumfeld im Jahr 2018. Die chinesische Volkswirtschaft litt letztes Jahr unter den Handelsstreitigkeiten mit den USA und den Bemühungen Pekings zur Straffung der Kreditbedingungen, während in den USA die Zinsen anzogen. Diese negativen Treiber schwächen sich nun langsam wieder ab. Wir rechnen mit einer Wiederbeschleunigung des Wirtschaftswachstums im zweiten Halbjahr 2019. China hat vor Kurzem weitere fiskalische und geldpolitische Konjunkturbelebungsprogramme initiiert, und Ende März erreichte uns die höchst willkommene Nachricht, dass die chinesische Volkswirtschaft laut den lokalen Frühindikatoren auf den Wachstumspfad zurückgefunden hat.

Seite zwei – Aktien aus Schwellenländern



Nachricht an die Redaktion

Hier können Sie uns einen Kommentar zu dem Artikel zukommen lassen.
Wir freuen uns auf Ihr Feedback.

]

Bei unseren Lesern momentan beliebt