Schulz-Effekt am Markt bleibt überschaubar

Dr. Martin Lück, Leiter Kapitalmarktstrategie für Deutschland, die Schweiz, Österreich und Osteuropa, gibt einen Überblick auf die Märkte: Ist die Luft raus für dieses Jahr?

Wir nähern uns der Mitte des Jahres, und den Märkten scheint ein bisschen die Puste auszugehen. In der letzten Woche schlossen die Aktienmärkte erneut nahezu unverändert, bei sehr niedriger Volatilität. Gute Nachrichten, vor allem der Ausblick weiter solider Unternehmensgewinne, scheinen ebenso eingepreist wie die Erleichterung darüber, dass bei den Wahlen in den Niederlanden und Frankreich das Gespenst rechtspopulistischer Wahlsiege abgewendet wurde. Im gleichen Zuge ist die Trump-Rally, also der Optimismus bezüglich konjunkturstimulierender Maßnahmen seitens der neuen US-Regierung, fast unbemerkt wieder aus den Kursen verschwunden. Die Märkte bleiben risikofreudig, dennoch können wir uns des Eindrucks nicht erwehren, dass wir wahrscheinlich den stärksten Teil der Kursentwicklung dieses Jahres in den Büchern haben. Zwar sehen wir andererseits auch kaum Grund für eine Kehrtwende in der zweiten Jahreshälfte. Es kann aber gut sein, dass es neuer positiver Nachrichten bedarf, um über den Sommer und danach die Kurse weiter steigen zu lassen.

Ein wichtiges Element bei der Bewertung der Aussichten ist die Entwicklung der Inflationsraten. Hier haben wir über das Frühjahr hinweg einiges an Verzerrungen erlebt, angefangen von plötzlicher Normalisierung der Verbraucherpreise in Richtung ihres Zielwerts von 2%, bis hin zu plötzlichen Abbrüchen um einen halben Prozentpunkt in der Jahresrate innerhalb eines Monats. Bedingt wurde all dies durch die Fluktuationen des Ölpreises, welche wir seit etwas mehr als einem Jahr beobachten und die sich nun in den Jahresveränderungsraten niederschlagen. Während Volkswirte sich rühmen, vor Überinterpretation dieser „Basiseffekte“ seit langem gewarnt zu haben, bleibt die entscheidende Frage bestehen, wie nachhaltig nämlich die Rückkehr zu Raten um 2% in den Industrieländern wirklich ist. Immerhin ist letztere ein wichtiger Bestandteil der „Reflation Story“, also des Narrativs, demzufolge die Normalisierung des Inflations- und Zinsgefüges nur eine Frage der Zeit ist.

Die Erwartungen bezüglich der für diese Woche anstehenden Inflationsdaten sind in diesem Kontext eher ernüchternd. Im Euroraum dürfte sich im Juni die Jahresveränderungsrate des harmonisierten Verbraucherpreisindex weiter ermäßigt haben, von 1,4% auf 1,3%. Deutschlands Inflation liegt mit einem Rückgang von 1,5% auf 1,4% nur marginal höher, und selbst in den USA, wo die Wirtschaft schon länger solide läuft und der Arbeitsmarkt eigentlich stärkeren Lohndruck produzieren sollte, wird der Kernindex der persönlichen Konsumausgaben für diesen Monat bei nur 1,5% veranschlagt. All das signalisiert verdächtig schwachen Preisdruck. War am Ende der „Reflation-Call“ doch zu optimistisch? Wir glauben nein. Denn die entscheidende Veränderung, welche die Reflationsgeschichte 2017 von den sieben Jahren davor unterscheidet, ist und bleibt die Tatsache, dass zum ersten Mal seit der Finanzkrise die Angst vor Deflation gebannt ist. Und das ist allemal Grund genug, zumindest verhalten optimistisch zu bleiben.




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