Braucht es den Equity Token?

Balazs Deme, Gründer und Geschäftsführer des Berliner Blockchain-Start-ups Herdius, schildert in einem Gastbeitrag, wieso er sich für den Standort Deutschland entschieden hat, um einen ICO durchzuführen. Er berichtet von regulatorischen Hürden und Möglichkeiten und erklärt, warum Deutschland wider Erwarten ein interessanter Standort für ernsthafte Krypto-Projekte ist.

Das Unternehmen Herdius verfolgt das Ziel, ein dezentrales Handelsnetzwerk für Kryptowährungen zu etablieren. Damit wir dies umsetzen können, werden wir zu Beginn des kommenden Jahres einen ICO, kurz für Initial Coin Offering, durchführen. Und zwar komplett in Deutschland. Bislang hat nur eine Handvoll von Projekten einen „ICO Made in Germany” gewagt. Von Neuland zu sprechen, wäre sicherlich keine Übertreibung.

In der Regel werden ICOs hierzulande als vollständig unreguliertes Modell für die Kapitalaufnahme angesehen – quasi als Wilder Westen der Unternehmensfinanzierung. Das ist aber nur die halbe Wahrheit: Tatsächlich bietet die deutsche Gesetzgebung bereits heute einen regulatorischen Rahmen für Blockchain-Projekte und ICOs. Die Gretchenfrage, insbesondere für Start-ups und kleinere Unternehmen, ist, ob das Token, das bei einem ICO verkauft wird, ein Wertpapier darstellt oder nicht. Befindet die BaFin, dass dies der Fall ist, so wird es im deutschen Rechtsrahmen in der Tat schwierig, einen ICO zu realisieren.

Das hat auch meine Idee davon, was Herdius ist und sein kann, nachhaltig beeinflusst. In meiner initialen Vision für Herdius wollte ich eine zentralisierte Krypto-Börse entwickeln. Ein Bestandteil dieses Modells wäre gewesen, ein Token umzusetzen, das als sogenanntes Equity Token fungiert hätte. Das hieße, Eigentümer des Tokens hätten eine direkte Gewinnbeteiligung proportional zu ihren Tokenanteilen erhalten. Nach eingängiger Prüfung der Rechtslage erwies sich dies jedoch als nicht umsetzbar. Daher haben wir einen Kurswechsel vollzogen – hin zu einem neuen Modell, das sowohl im Einklang mit der deutschen Regulierung umsetzbar ist als auch technisch noch deutlich leistungsstärker ist.

Natürlich hätten wir, wie viele andere, stattdessen einfach eine andere Jurisdiktion für unseren ICO wählen können. Doch das war nicht mein Ziel. Für FinTech-Start-ups mag der Standort Deutschland ob seiner Regularien initial eine Herausforderung darstellen. Doch ein Start-up, das davor nicht zurückschreckt, unterstreicht in meinen Augen seine Ernsthaftigkeit. Außerdem ist es für Unternehmen, die diese Hürde gemeistert haben, in der Folge oft leichter, auch in anderen Jurisdiktionen zu bestehen. Kurzum: Ich halte den Standort Deutschland für einen Wettbewerbsvorteil, da er Vertrauen schafft. Deshalb war mir wichtig, dass der Herdius-ICO hier stattfindet.

Wer die Warnung der BaFin vor ICOs unlängst aufmerksam gelesen hat, könnte bemerkt haben, dass Unternehmen dort durchaus Spielraum gegeben wird, einen ICO in Deutschland durchzuführen. Wichtig ist den Verantwortlichen, dass entsprechende Vorhaben frühzeitig mit der BaFin in Kontakt treten, um von Fall zu Fall eine Bewertung der Sachlage vorzunehmen. Mit Herdius sind wir diesem Prozedere gefolgt.

Wie also sieht unser ICO nun in der Praxis aus? Wir werden mit HER, dem Herdius Token, eine neue Cryptocurrency einführen. Diese übernimmt ganz konkrete Funktionen im dezentralen Handelsnetzwerk Herdius. Die technische Grundlage des Systems soll eine sogenannte Proof-of-Stake-Blockchain (PoS) werden.

Eine simple Erklärung, für all jene, die technisch nicht mit Blockchains vertraut sind: Die erste Generation der Blockchains, Bitcoin etwa, setzt auf das sogenannte Proof-of-Work-Verfahren (PoW). Da es sich um ein dezentrales Netzwerk handelt, in dem keine zentrale Instanz für die Kontoführung verantwortlich ist, müssen alle Transaktionen von Netzwerkteilnehmern validiert werden (in Bitcoin sind diese als „Miner” bekannt). In PoW-Blockchains stellen diese dafür Rechenleistung zur Verfügung. Beim PoS hingegen müssen die validierenden Netzwerkteilnehmer Tokens als Pfand hinterlegen. Begehen sie einen Fehler oder betrügen sie, verlieren sie diesen, zumindest teilweise. Hat alles seine Richtigkeit, erhalten Sie eine Transaktionsgebühr als Belohnung.

So funktioniert, vereinfacht, auch das System von Herdius. Im Unterschied zu vielen der in Verruf geratenen ICOs, die ein Token ausgeben, der keine wirkliche Funktion hat, ist HER hier integraler Bestandteil des Netzwerks. Es schafft die Grundlage dafür, dass in einem dezentralen System ohne Vertrauen Konsens erzielt werden kann. Und es bietet Token-Inhabern die Möglichkeit, direkt vom Transaktionsvolumen in der Herdius-Blockchain zu profitieren. Anders als bei einem Equity Token sind ihre Einnahmen also nicht von der Entwicklung eines einzelnen Unternehmens abhängig.

Eine derartige Kryptowährung zu schaffen, ist im deutschen regulatorischen Rahmen möglich. Wenngleich es mich freuen würde, auch Equity Tokens in Deutschland realisieren zu können, um Nutzer noch stärker zu involvieren, ist dies eine sehr gute Grundlage für ernsthafte Blockchain-Projekte. Meiner Meinung nach sollten sie zumindest den Standort Deutschland prüfen, bevor sie in die Schweiz oder nach Gibraltar auswandern.




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