Smart Home: Schlauer Häuser braucht das Land

In Sachen Smart Home lässt der Durchbruch auf sich warten. Schuld daran tragen eine Reihe an Mythen. Günther Ohland, Vorstandsvorsitzender des Branchenverbandes Smart Home Initiative Deutschland e.V., über einige Irrtümer in der Debatte.

Seit mehr als 20 Jahren berichten Medien immer wieder vom bevorstehenden Durchbruch des Smart Home. Allerdings wird der Begriff für alles verwendet, was an technischen Entwicklungen für Heim und Wohnung neu ist, von der Heizungsoptimierung über den Staubsaugroboter bis zum Kühlschrank, der die Milch bestellt. Kein Wunder also, dass in der Wahrnehmung der Konsumenten Smart Home immer noch nach Zukunftsmusik mit skurrilen Unterton klingt.

Die Begriffe Smart Home, Smart Building oder Smart Living bedeuten, dass Sensoren für Licht, Temperatur, Luftfeuchtigkeit, Anwesenheit, Bewegung, Geräusch und vieles mehr ihre Messwerte an einen kompakten Rechner senden, der diese Ist-Werte mit den vorgegebenen Soll-Werten vergleicht und entsprechend vorgegebener Regeln handelt. Ist die Raumtemperatur niedriger als die Wunschtemperatur und eine Person befindet sich im Raum, dann wird die Heizung aktiviert. Ist ein Fenster in einem Raum nicht geschlossen, so wird der Heizkörper darin abgeschaltet, um Heizkosten zu sparen. Steigt in einem Raum die Temperatur über den Soll-Wert und die Heizung ist bereits abgestellt, prüft das Regelwerk, ob die Sonne vor den Fenstern steht und senkt die Jalousie entsprechend ab.

Weniger Energiekosten, mehr Einbruchsschutz

Smart Home spart Energiekosten, sorgt durch Anwesenheitssimulation für Einbruchschutz und hilft älteren Menschen, länger und sicher in ihrem vertrauten Umfeld zu leben. Die langfristige Energiepreisentwicklung und der demografische Wandel zwingen heute jeden Bauherrn mit Weitblick förmlich dazu, smart zu bauen, damit sein Neubau vom Nutzer her gesehen kein Altbau wird.

Doch es gibt Hindernisse, die dazu geführt haben und immer noch führen, dass smarte Technik nicht längst Standard ist.

Fünf Stolpersteine, die sich als Mythen entlarven

Fünf Stolpersteine werden von Fachleuten immer wieder genannt: Es sind die Argumente „zu teuer“, „technisch zu schnell überholt“, „zu kompliziert für normale Menschen“, „fehlender Datenschutz“ und letztlich das „Fehlen eines allumfassenden Smart-Home-Standards“.

Das Argument „zu teuer“ kann man nicht ernsthaft gelten lassen, denn richtig geplant, ist eine funktionsgleiche, aber smarte Basis-Installation grundsätzlich nicht teurer als eine „unsmarte“. Mehr Automation und Komfort kosten allerdings auch mehr Geld. Ein Dimmer ist teurer als ein Schalter. Grundsätzlich gilt aber: Bei richtiger Planung und Auswahl eines an den Kundenwünschen orientierten Systems sind smarte Technik und konventionelle Installation kostenneutral.

Beim Argument „technisch zu schnell überholt“ wird gern das Smartphone als Beispiel angeführt. Doch dieser Vergleich zieht nicht. Smartphones sind der Mode unterworfen. Das Geschäftsmodell der Hersteller ist es, dass sich Nutzer vorzeitig von ihrem einwandfrei arbeitenden Smartphone trennen und neu kaufen. Sonst eher preiskritische Leute haben keine Hemmungen, für ein angesagtes Smartphone mehr als 1.000 Euro auszugeben. Aber was soll bitte ein neuer Dimmaktor an innovativen Features bieten? Smart Home ist Haustechnik und dafür ausgelegt, solange zu funktionieren, „wie das Haus steht“. In diesem Markt wird langfristig investiert und nicht kurzfristig konsumiert.

Die Aussage „Smart Home macht alles komplizierter“ zeigt, die Idee des Smart Home wurde nicht verstanden. Smart Home macht das Leben sicherer, einfacher und befreit von Routineaufgaben. Eine Bedienerinteraktion ist die Ausnahme. Smart- Home-Installationen, die das Leben verkomplizieren, sind schlicht und einfach falsch geplant und errichtet.

Eine Frage des Datenschutzes

Viele Bürger haben das Gefühl, ständig über das Internet ausgespäht zu werden und entscheiden sich deshalb vorsichtshalber gegen Smart Home. Die Realität ist allerdings differenzierter. Wer sich für eine reine Cloud-basierte Lösung entscheidet, also ohne Smart-Home-Zentrale in der Wohnung, akzeptiert, dass die Daten, die in seinem täglichen Leben durch Sensoren anfallen, an einen Provider im Netz übergeben werden. Lokale, autarke Smart-Home-Zentralen dagegen geben persönliche Daten nicht weiter und sie funktionieren übrigens auch dann, wenn das Internet einmal ausfallen sollte.

Als größtes Hemmnis wird oftmals das Fehlen eines umfassenden Standards angesehen. Der Satz „Ich warte mit Smart Home, bis es einen einheitlichen Standard gibt“ hieße allerdings, auf den Sankt Nimmerleinstag zu warten. Diesen universellen Standard wird es nicht geben. Aber was ist das Problem? Schließlich fahren wir Auto, ohne dass es einen einheitlichen Standard-Kraftstoff gibt. Dieselmotoren sind nicht kompatibel mit Benzinern. Es gibt nicht einmal ein einheitliches Bedienkonzept für Autos. Trotzdem fahren wir. Wir sind heute in der komfortablen Situation, dass es für die großen Smart-Home- Systeme wie ZigBee, Z-Wave, EnOcean, HomeMatic und KNX alle nur denkbaren Funktionen und Produkte gibt. Jedes System bietet heute die ganze Funktionsvielfalt.

„Es wird keinen umfassenden Standard geben“

Auf dem ersten Blick erscheint es als Problem, dass Funktionsinseln unterschiedliche Sprachen sprechen und nicht miteinander kommunizieren können. Die Licht-, Beschattungs- und Heizungs-Insel versteht KNX, Zig-Bee oder EnOcean. Daneben gibt es die Domäne Unterhaltungselektronik, die auf Infrarot reagiert oder über einen IP-Netzwerkanschluss verfügt. Wie kann das Sprachkommandosystem Amazon Alexa bei diesem babylonischen Sprachgewirr Rollläden und Licht steuern? Quasi alle Smart Home Domänen verstehen und sprechen TCP-IP. Für die Integration der Anwendungen bietet Amazon Alexa Tools an, um sogenannte Skills zu erstellen, mit denen das Smart-Home- System für Licht, Rollo und Heizkörpersteuerung mit Alexa kommuniziert. Auch Philips Hue, Sonos Lautsprecher und Google verstehen sich auf diese Art und Weise.

Wir können also festhalten, dass die oftmals genannten Hinderungsgründe für die breite Einführung von Smart Home einer genaueren Betrachtung nicht standhalten. Es ist eher der Vorbehalt etwas Neuem gegenüber, der Kunden zögern lässt. Die Vorteile und der Nutzen von smarten Technologien sind allerdings allgemein akzeptiert: Die Sicherheit vor Einbrüchen und die Überführung der Täter wird durch Smart Home verbessert. Angesichts des demografischen Wandels mit immer mehr Pflegebedürftigen und immer weniger Pflegekräften sind smarte Techniken unbedingt notwendig, um ein selbstbestimmtes Leben in gewohnter Wohnumgebung führen zu können. Und auch die Vorgaben der aktuellen Energieeinsparverordnung (EnEV), sowie zu erwartende Verschärfungen lassen sich nicht mehr durch weitere Dämm-Maßnahmen, sondern nur durch smarte Steuerungen und Regelungen erreichen. Wir haben also gar keine Wahl ob smart oder konventionell: Wer heute nicht smart baut, baut einen Altbau. //




Nachricht an die Redaktion

Hier können Sie uns einen Kommentar zu dem Artikel zukommen lassen.
Wir freuen uns auf Ihr Feedback.

]

Bei unseren Lesern momentan beliebt