„Viele investieren nur aus Profitgier“

Nachhaltigkeit ist ein Modetrend unter den Anlagestrategien geworden. Das kann problematich sein, erklärt Alexander Mozer von Ökoworld im Interview mit Global Investor.

Warum wurde Ökoworld gegründet?

In den 90er-Jahren gab es keine konsequent nachhaltigen Anlageprodukte, daher gründete Alfred Platow mit Weggefährten 1995 die erste Kapitalverwaltungsesellschaft Ökovision Lux, aus der später Ökoworld wurde. Die Gesellschaft wurde zunächst in der Finanzindustrie belächelt, denn damals zählte primär die Rendite und nicht das Gewissen. Für den Fonds Ökovision Classic arbeiten wir konstruktiv mit einem unabhängigen Anlageausschuss zusammen, dessen Mitglieder aus Bereichen wie Umwelt- und Verbraucherschutz kommen. Der Anlageausschuss überwacht das Anlageuniversum.

Welche Kriterien nutzen Sie für Anlageentscheidungen, abgesehen von ESG (Environment, Social, Governance) beziehungsweise SRI (Socially Responsible Investing)?

ESG und SRI sind Überbegriffe für Dinge, die uns wichtig sind. Atomkraft beispielsweise ist ein Ausschlusskriterium für uns. Wenn ein Unternehmen auch nur ein Prozent seines Umsatzes aus Atomkraft generiert, schließen wir es aus. Gleiches gilt für Rüstung, Chlorchemie und den Raubbau an der Natur. Auf der anderen Seite suchen wir nach Unternehmen, die verantwortungsvoll mit Ressourcen umgehen. Trotzdem ist es oft schwer zu entscheiden, ob ein Unternehmen zu den Gewinnern der Zukunft gehört. Man kann Unternehmen nicht in schwarz und weiß unterteilen. Es gibt auch „graue“ Unternehmen, bei denen unser Sustainability Research abwägt, ob die Vorteile die Nachteile überwiegen, bevor wir sie in unser Anlageuniversum aufnehmen.

Wie nachhaltig sind Robo Advisor?

Bei Robo Advisorn sind niedrige Kosten das wichtigste Kriterium und sie nehmen Anlegern die Aufgabe ab, sich mit ihren Investitionen zu beschäftigen. Diese Anleger wollen möglichst viel Flexibilität für möglichst wenig Geld. Vor allem Millenials achten mehr auf Nachhaltigkeit und gehen gern in Bioläden, aber bei ihrer Geldanlage geben sie sämtliche Verantwortung aus der Hand. Sie vertrauen einem Roboter mehr als einem Bankberater. Ich sehe darin einen Widerspruch.

Welche Faktoren können das Wachstum von Nachhaltigkeit besonders behindern?

Viele Behinderungen sehe ich auch als Chance. Seitdem Trump beispielsweise Präsident der USA ist und den Klimaschutz abstreitet, interessieren sich mehr Anleger für unsere Produkte. Er polarisiert die Menschen und viele wollen sich von ihm distanzieren. Die Menschen eines Landes können einiges beeinflussen. Auch Chinas Fünfjahrespläne werden immer umweltfreundlicher, da die Regierung damit dem Drängen der Bevölkerung entsprechen will.

Welche Rolle spielt die Regierung eines Landes bei Ihren Anlageentscheidungen?

Wir berücksichtigen zwar die Regierung eines Landes, aber sie ist allein kein entscheidendes Kriterium. Russland ist tatsächlich das einzige große Land, in dem wir kein Unternehmen gefunden haben, das unseren Kriterien entspricht. In der Türkei dagegen gibt es Unternehmen wie Arçelik, ein Hersteller von Waschmaschinen und Haushaltsgeräten, dessen gesamte Produktionskette unseren Vorstellungen entspricht. Allerdings hat die türkische Währung in den letzten Monaten stark abgewertet, sodass das Wechselkursrisiko einfach zu groß ist und wir momentan nicht in diesem Unternehmen investiert sind.

Bleiben nachhaltige Investitionen ein Nischenmarkt?

Ich befürchte eher das Gegenteil, denn das Thema wird seit Jahren immer beliebiger. Bei Ökoworld gehört Nachhaltigkeit seit Gründung zum Unternehmenskonzept, aber viele andere springen nur aus Profitgier auf den „Greenwashing-Zug“ auf. Sie betreiben es als Marketingthema und vereinfachen es häufig stark. Das führt dazu, dass in Unternehmen investiert wird, die nicht zukunftsfähig sind. So können Konzerne wie Unilever und Nestlé in das Anlageuniversum eines als nachhaltig deklarierten Fonds rutschen. Kleine Unternehmen, die tatsächlich umweltbewusst wirtschaften, sich aber keine Zertifizierungen leisten können, werden ausgeschlossen. Nachhaltigkeit hat also ihre Nische verlassen – die Frage ist nur, um welchen Preis.

Was ist die größte Herausforderung bei der Titelauswahl?

Obwohl wir laufend nach neuen Unternehmen suchen, haben wir für Ökovision lediglich ein Anlageuniversum von etwa 350 Unternehmen. Eine so konzentrierte Auswahl erfordert viel Akribie in Recherche, Stockpicking und Anlageprozess. Die Unternehmen müssen unseren Anforderungen entsprechen und dabei noch handelbar sein, also dürfen sie nicht zu klein sein. Am Ende muss auch das Bauchgefühl stimmen. Wir halten Anlagen in die Textilindustrie beispielsweise für problematisch, weil man die Produktion häufig nicht genau überwachen kann. Das ökologischere Produkt ist grundsätzlich das, was nicht extra produziert werden muss. Deswegen haben wir auch Ebay im Anlageuniversum.

Was muss man bei der Auswahl von Titeln in Schwellenländern beachten?

Für einen Analysten ist es egal, ob ein Unternehmen in Deutschland, China oder Singapur notiert ist. Die Zahlen müssen stimmen. Aus ethisch-ökologischer Sicht kann man bei Unternehmen in Schwellenländern nicht die gleichen Maßstäbe anlegen wie in Industrienationen. Ökoworld setzt in den wachsenden Ländern auf die Entwicklung 2.0, also weg vom Rohstoffexport und der verlängerten Werkbank und hin zu technologischer Entwicklung und einer aufstrebenden Mittelschicht. Es geht auch darum, Standards zu erfüllen, die für Europäer selbstverständlich sind, wie Frauenrechte, faire Arbeitsbedingungen, Wasserversorgung, ein Internetzugang, eine Schule, ein Zahnarzt in der Nähe und eine ausgebaute Infrastruktur. Schwellenländer haben, verglichen mit unserem Lebensstandard, teilweise noch den Status eines Entwicklungslandes, insbesondere in ländlichen Gebieten. Es geht dort insbesondere darum, Unternehmen, die Teil der Lösung und nicht Teil des Problems sein wollen, für diese Entwicklung zu würdigen und anzuspornen, weiter daran zu arbeiten.

Ist das Konzept von Schwellen- und Industrieländern tatsächlich überholt, wie es beispielsweise Hans Rosling in seinem Buch „Factfulness“ behauptet?

Das ist natürlich eine vereinfachte Darstellung. Ich denke, dass Ländergrenzen in den nächsten hundert Jahren irrelevant werden könnten. Die fortschreitende Digitalisierung beflügelt diesen Prozess. Trotzdem gibt es in den Emerging Markets immer noch enormen Aufholbedarf bei sanitären Standards, Bildung oder der Ärzteversorgung. Doch auch dort wächst die kaufkräftige Mittelschicht. Der Druck, den viele Unternehmen in Industriestaaten bei ökologischen Aspekten ausüben, lässt Zulieferer in den Schwellenländern zunehmend umdenken. Wer sich als produzierendes Unternehmen in den Schwellenländern mit Umweltmanagement beschäftigt, der hat Wettbewerbsvorteile bei der Auftragsvergabe und den erzielbaren Margen.

Reagieren institutionelle Anleger anders auf nachhaltige Investitionen als noch vor wenigen Jahren?

Die erste Welle der Institutionellen liegt bereits hinter uns. Kirchliche Institutionen haben in ihren Regularien oft nachhaltige Kriterien, die sie bei Anlagen beachten müssen. Doch selbst sie machen Ausnahmen, die vielleicht nicht immer vertretbar sind, indem sie etwa zulassen, dass ein Unternehmen einen Teil seines Umsatzes mit Atomkraft generiert. Von solchen Institutionen erwarte ich mehr Konsequenz. Bei Ökoworld darf auch die katholische Kirche das Anlageuniversum nicht bestimmen und verlangen, dass etwa ein Hersteller von Verhütungsmitteln ausgeschlossen wird. Dann investieren sie eben nicht bei uns. Wenn institutionelle Investoren möchten, dass wir einen Fonds für sie managen, müssen sie mit unseren Anlagerichtlinien einverstanden sein. Unsere Produkte kann man kaufen, aber wir sind nicht käuflich. Wir bleiben unseren Prinzipien treu. //




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